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Häusliche Gewalt: Verschärfte Situation wegen Corona-Krise | BR24

© BR/Anja Wolf
Bildrechte: dpa / Frank May

Vom Partner bedroht, verletzt oder sogar getötet: Im vergangenen Jahr waren in Bayern rund 13.000 Frauen Opfer von Partnerschaftsgewalt. Corona könnte die Lage noch verschlimmern, sagt Lydia Dietrich, Geschäftsführerin der Frauenhilfe München.

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Häusliche Gewalt: Verschärfte Situation wegen Corona-Krise

Jede vierte Frau in Deutschland erfährt Gewalt durch ihren Partner, und die Corona Pandemie hat die Situation für die Betroffenen noch verschärft. Durch Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen leben betroffene Frauen in ständiger Angst vor Gewalt.

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Von
  • Tatjana Thamerus

Durch die Corona-Einschränkungen sind Frauen, die häusliche Gewalt erfahren, ihrem Partner noch mehr ausgeliefert. Denn die Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen sorgen dafür, dass die Frauen weniger Möglichkeiten haben, sich unbeobachtet Hilfe zu holen. Außerdem sorgen finanzielle Probleme, Homeschooling und Quarantäne dafür, dass die Gewaltbereitschaft ansteigt.

Gewalt im Frühjahr öfter eskaliert

Gerade während der ersten Lockdown-Phase im Frühjahr sei Gewalt durch den Partner öfter eskaliert, sagt Sabine Böhm von der "FrauenBeratung" in Nürnberg. Allerdings haben erstmal nicht mehr Frauen Hilfe gesucht, denn: "Im Lockdown haben sie erstmal versuchen müssen, die Situation zu deeskalieren, zu gucken, dass der Mann nicht auch die Kinder angreift und waren sozusagen in einer verlängerten Schocksituation."

Erst als sich die Situation wieder normalisiert hatte, kamen vermehrt Frauen, um sich Hilfe zu suchen.

Beratungsstelle in Nürnberg: 20 Prozent mehr Fälle

Die "FrauenBeratung" Nürnberg verzeichnete im Sommer rund 20 Prozent mehr Hilfeanfragen als in den Jahren zuvor. Laut Sabine Böhm belasten die Corona-Maßnahmen gerade die Familien, in denen es auch vorher schon zu Gewalt kam. Denn erfahrungsgemäß verstärke sich die Gewalt, sobald der Täter unter Druck gerate - wie zum Beispiel durch Geldsorgen oder Kurzarbeit:

"Unter Corona-Bedingungen drückt sich das dann in einer verstärkten Kontrolle aus und dem Gefühl, ich muss meine Macht wieder etablieren, indem ich eben Gewalt über meine Frau beziehungsweise meine Kinder ausübe", so Böhm.

Mehr Gewalt bei finanziellen Sorgen

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt auch eine Studie der Technischen Universität München zusammen mit dem RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung.

Forscherinnen haben während der ersten Phase der Kontaktbeschränkungen im April und Mai 3.800 Frauen zwischen 18 und 65 Jahren online befragt, ob sie häusliche Gewalt erleben. Das Ergebnis der repräsentativen Umfrage: Gab es finanzielle Sorgen oder Quarantäne zu Hause, kam es deutlich öfter zu Gewalt.

"So kam es bei 7,5 Prozent der Befragten, die in Heimquarantäne waren, zu körperlichen Konflikten mit dem Partner und im Gegensatz dazu nur bei 2,2 Prozent der Befragten, die nicht in Heimquarantäne waren", sagt die Entwicklungsökonomin Cara Ebert.

Ähnliche Muster stellt die Studie auch bei akuten finanziellen Sorgen und bei schlechter psychischer Gesundheit der Befragten fest. Auch Kinder im Haushalt stellen einen Risikofaktor dar – wahrscheinlich wegen des erhöhten Betreuungsaufwandes, so Ebert.

Mehr Frauenhausplätze gefordert

Es kommt also bei den Familien, die besonders unter der Corona-Pandemie leiden, tendenziell öfter zu Gewalt. In den offiziellen Zahlen des bayerischen Landeskriminalamts kann bisher noch kein Anstieg der Anzeigen wegen häuslicher Gewalt verzeichnen werden. Dies könne aber zeitverzögert noch eintreten.

Auch zur Frauenhilfe München kommen seit der Pandemie nicht mehr Frauen, aber diejenigen, die kommen, seien stärker bedroht. Deshalb fordert Leiterin Lydia Dittrich: Mehr Aufklärungsarbeit durch Plakate, beispielsweise in Apotheken und: "Wesentlich mehr Frauenhausplätze, damit die Frauen auch tatsächlich, wenn sie in Not sind und die Hilfestrukturen brauchen, sie auch bekommen."

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