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Häusliche Gewalt: Jedes fünfte Opfer ist ein Mann | BR24

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Jedes fünfte Opfer häuslicher Gewalt ist ein Mann. Doch viele Betroffene outen sich in der Regel nicht, aus Scham als Schwächling zu gelten. Bayern bietet nun eine Hotline und insgesamt fünf Plätze in Schutzwohnungen an.

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Häusliche Gewalt: Jedes fünfte Opfer ist ein Mann

Bei häuslicher Gewalt denkt kaum jemand daran, dass auch Männer die Opfer sein können. Jeder fünfte Mann in Deutschland erfährt körperliche Gewalt durch seine Partnerin. Ein betroffener Mann schildert die schlimmsten drei Jahre seines Lebens.

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Toni (Name geändert) will nicht erkannt werden. Trotzdem möchte er erzählen, was ihm passiert ist. Eine Geschichte von häuslicher Gewalt, bei der er das Opfer ist. Eine Geschichte von Schlägen, Demütigungen und ständiger Kontrolle durch seine Partnerin.

Vor drei Jahren verändert sich die langjährige Beziehung. Toni hatte gerade seinen letzten Rückzugsort, ein WG Zimmer gekündigt. In der gemeinsamen Wohnung hört er nun immer öfter: "Wenn Dir was nicht passt, dann geh doch".

Ohrfeigen und psychische Gewalt

Es hat mit Beleidigungen angefangen. Immer häufiger wird Toni von seiner Partnerin gedemütigt und respektlos behandelt.

"Dann die erste Ohrfeige. Ich habe gedacht: jeder Mensch kann einen Fehler machen, aber sie hat weitergemacht. Ich habe so viele Ohrfeigen von dieser Frau bekommen, wie nie vorher in meinem Leben. Ich war für sie wie ein Ventil. Sie hat sich immer wieder einen Grund gesucht, mich zu kontrollieren und zur Rede zu stellen." Toni, Opfer häuslicher Gewalt

Toni nimmt es hin, versucht möglichst wenig zuhause zu sein. Doch sie ruft ihn ständig an.

Lernen im Morgengrauen auf einem Parkplatz

Toni steckt mitten in einer Ausbildung. Die will er unbedingt abschließen. Er weiß, ohne Ausbildung findet er keinen guten Job. Ihm ist klar, dass er sich nicht wehren darf, sonst gilt er als Frauenschläger und wird bestraft.

"Ich habe eine Ausbildung gemacht. Musste hart dafür arbeiten. Aber zuhause war Chaos, ich hatte keine Ruhe. Körperliche Angriffe. Kratzen, beißen, Vorwürfe, Diskussionen, zu jeder Zeit, auch mitten in der Nacht. Ich bin sogar um vier Uhr früh aufgestanden und zur Berufsschule gefahren, habe im Auto auf dem Parkplatz gelernt." Toni, Gewaltopfer

Jedes fünfte Opfer häuslicher Gewalt ist ein Mann

Kriminalstatistische Auswertungen des Bundeskriminalamts zu Partnerschaftsgewalt belegen, dass nicht nur Frauen betroffen sind. Jedes fünfte Opfer ist männlich. Doch das sind nur die bekannten Fälle. Die Dunkelziffer dürfte höher sein.

"Männer outen sich selten"

Matthias Becker, bei der Stadt Nürnberg Ansprechpartner für Männer, weiß, dass Männer sich selten outen. Beim ersten Anruf geht es immer um etwas Anderes, sagt Becker. Da fällt nicht der Satz: "Ich werde von meiner Frau geschlagen." Das fällt dann eher in einem Nebensatz. Und auch nur dann, wenn sich die Männer sicher sind, dass sie Vertrauen haben können. Viele haben schon negative Erfahrungen gemacht, mit Arbeitskollegen, Vorgesetzten oder der Polizei, weiß Becker.

Hilfsangebote und Schutzwohnungen – Platz für nur 18 Männer

Bundesweit gibt es nur sieben Schutzeinrichtungen für insgesamt 18 Männer und ihre Kinder. Das bayerische Sozialministerium hat dieses Problem erkannt. In einem Modellversuch werden seit Jahresbeginn die ersten Beratungsstellen und Schutzwohnungen in Nürnberg und Augsburg finanziert. In der Nürnberger Schutzwohnung "Riposo" können drei Männer und ihre Kinder unterkommen.

Sollten Sie selbst betroffen sein, finden Sie unter den nachfolgenden Links Hilfe:

Unterstützung für Männer und Kinder mit Gewalterfahrung

Die Männer brauchen vor allem den Wohnraum und den Schutzraum, um zur Ruhe zu kommen, sagt Petra Zöttlein vom Caritas-Verband Nürnberg. Sie leitet das Schutzprojekt für Männer. Gemeinsam mit Sozialpädagogen besprechen die Betroffenen, wie es weitergehen kann. Sind Kinder dabei, werden auch diese sozialpädagogisch betreut. Sechs Monate lang können die Männer in der Schutzwohnung bleiben.

Tonis Situation eskaliert: Partnerin ruft die Polizei

Im April eskaliert die Gewalt zwischen Toni und seiner Partnerin. Sie ruft die Polizei. Die Beamten kommen in die gemeinsame Wohnung. Toni schildert, dass sie zunächst ihn als den "Täter" ansehen. Erst mit Hilfe von Tonaufnahmen und den Kratz- und Bissspuren an seinem Körper kann Toni die Polizei davon überzeugen, dass er das Opfer ist. Trotzdem muss er die Wohnung verlassen. Die Polizei schickt ihn in ein Obdachlosenheim.

"Für mich bricht die Welt zusammen. Geschlagen, misshandelt und jetzt obdachlos. Warum hilft niemand? Ich will, dass die Gesellschaft erfährt, dass das auch Männern passiert und dass Männern viel weniger geglaubt wird, als Frauen. Männer sind immer erstmal potentielle Täter, keine Opfer." Toni, Gewaltopfer

"Riposo": die Nürnberger Schutzwohnung steht für "Ruhe"

Das Wort kommt aus dem Italienischen und bedeutet "Ruhe". Dass Toni jetzt in der Nürnberger Schutzwohnung für Männer leben kann, verdankt er dem Tipp einer Bekannten. Er ist dankbar für die sichere Umgebung. Trotzdem möchte er bald eine eigene Wohnung finden.

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