Außenansicht Pflegeeinrichtung Röttingen im Landkreis Würzburg
Bildrechte: BR/Albrecht Rauh

Im Landkreis Würzburg hat das Kommunalunternehmen eine Einrichtung in Röttingen übernommen und so die Unterbringung der Bewohner gesichert.

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Haben private Pflegeeinrichtungen eine Zukunft?

Immer wieder geben private Betreiber von Pflegeheimen aus finanziellen Gründen auf - Kommunalunternehmen müssen oft einspringen. Das dürfe aber nicht zur Regel werden, sagt der Bundesverband der kommunalen Senioren- und Behinderteneinrichtungen.

Über dieses Thema berichtet: Mittags in Mainfranken am .

Vor gut einem Jahr hat der Landkreis Würzburg eine Pflegeeinrichtung in Röttingen von einem privaten Träger übernommen. Seitdem hat sich für die Pflegekräfte wie Kathrin Lochner viel verändert – zum Positiven, wie sie im Gespräch mit BR24 sagt: "Es ist komplett anders, es ist komplett besser." Nicht nur, dass die Mitarbeitenden jetzt mehr Geld verdienen, auch die Stimmung habe sich grundlegend zum Besseren gewandelt.

Ständiger Wechsel in der Führungsetage brachte Unruhe

Bis vor einem Jahr waren in dem Haus zwölf externe Leiharbeiter beschäftigt. Von diesen hat sich das Kommunalunternehmen (KU) bei der Übernahme getrennt und Mitarbeitende direkt eingestellt.

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In der Vergangenheit gab es eine hohe Fluktuation bei den Führungskräften. "Mitarbeiter haben uns erzählt, sie hätten schon 16 verschiedene Führungskräfte in dem Seniorenzentrum gehabt und haben dann aufgehört zu zählen", sagt der neue Einrichtungsleiter Marcel Hendricks. Der Aufbau eines Vertrauensverhältnisses zwischen Pflegekräften und Einrichtungs- und Pflegedienstleitung war unter diesen Umständen nicht möglich.

Zufriedenheit der Mitarbeitenden ist gestiegen

Nach der Übernahme durch das KU habe man versucht, Kontinuität in die Einrichtung zurückzubringen: ein festes Team und eine Führungsmannschaft, die vor Ort und ansprechbar ist. All das hat es in den vergangenen Jahren scheinbar nicht gegeben. Bisher habe sich der neue Kurs ausgezahlt, bestätigt Pflegedienstleiter Artur Hild. "Ich sehe die Entwicklung in diesem einen Jahr, was sich da alles schon zum Positiven verändert hat. Mit Blick auf die Zukunft denke ich schon, dass wir auf einem guten Weg sind."

Bestätigt wird das auch von den Pflegekräften. Es gebe viele Besprechungen, das war bei dem früheren, privaten Betreiber nicht so. "Auch gibt es jetzt wieder viele Fortbildungen. Das hatte auch aufgehört", sagt Pflegekraft Kathrin Lochner.

Zukunft von Pflegeheim in Ochsenfurt ungewiss

Bei der Pflegeeinrichtung in Röttingen hat die Übernahme durch das KU funktioniert. Es war aber ein langer Weg, sagt Eva von Vietinghoff-Scheel aus dem Vorstand des Kommunalunternehmens: "Wir haben da eineinhalb Jahre verhandelt und hart gearbeitet, damit das geklappt hat."

So viel Zeit bleibt allerdings nicht immer. Für das Seniorenheim Fuchsenmühle in Ochsenfurt zum Beispiel muss schnell eine Lösung her. Im Januar 2023 hatte der private Betreiber "Curata" angekündigt, die Einrichtung zu schließen – und zwar schon bis Ende April 2023. Mehr als 60 Seniorinnen und Senioren sind dort untergebracht. Eine Übernahme durch das KU sei eigentlich nicht realistisch, so von Vietinghoff-Scheel im Gespräch mit BR24.

Forderung nach Qualitätswettbewerb

Das Problem bei den privaten Pflegeeinrichtungen liegt für Alexander Schraml auf der Hand. Er ist Bundesvorsitzender der kommunalen Senioren- und Behinderteneinrichtungen. Er setzt sich dafür ein, dass die Zulassung von Pflegeeinrichtungen an Gemeinnützigkeit geknüpft werde.

Dann sei es auch kein Problem, den Pflegekräften bessere Arbeitsbedingungen zu bieten. Denn wenn der finanzielle Gewinn des Unternehmens nicht mehr im Vordergrund steht, kann anständig bezahlt und auch reinvestiert werden. "Wir sind für Wettbewerb, aber für Qualitätswettbewerb. Die Versorgung älterer Menschen kann sich nur an Qualität orientieren und nicht an Gewinnmaximierung", sagt Schraml.

Bundesverband: System müsse auf Prüfstand

Es könne nicht sein, dass die Kosten für die Pflege immer weiter steigen, private Pflegekonzerne aber Gewinne abschöpften. Das zurzeit praktizierte System müsse dringend auf den Prüfstand. "Die Krankenhäuser und Pflegeheime werden durch Pflichtbeiträge finanziert - sei es Krankenversicherung oder Pflegeversicherung - und da gehört es sich einfach nicht, dass private Gewinnausschüttungen getätigt werden", so Schraml.

Wohlfahrtsverbände stehen hinter der Forderung

Das Wohlergehen von Senioren dürfe man nicht dem freien Markt überlassen, sagt der Bundesvorsitzende der Senioren- und Behinderteneinrichtungen. Deshalb habe er schon mehrfach die politischen Entscheidungsträger aufgefordert, tätig zu werden. "Wir haben Wohlfahrtsverbände auf unserer Seite. Jetzt fehlt uns natürlich noch die Politik, dass wir im Bundestag in Berlin zu einer Veränderung kommen." Doch Schraml ist sich auch sicher, dass dies ein langer und steiniger Weg ist. Bislang habe er aus der Politik noch keine entscheidenden Reaktionen erhalten.

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