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Haareschneiden nur noch mit negativem Coronatest. Ende April hat der Bund das Infektionsschutzgesetz verschärft. Die Regelung soll mehr Sicherheit bieten, doch vielen Friseuren bringt sie auch die Sorge, dass viele Kunden nicht mehr kommen.

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Haarschnitt im Salon? Testpflicht schreckt Friseurbesucher ab

Haareschneiden bei hoher Inzidenz nur noch mit Corona-Schnelltest: Viele Kunden sind davon nicht begeistert. Diesen Eindruck bekommen zumindest viele Friseurinnen und Friseure beim Blick in ihre Kalender. Manch Ladeninhaber bangt um die Existenz.

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Von
  • Peter Allgaier
  • BR24 Redaktion

"Die Leute bleiben einfach weg", sagt Friseurin Barbara Ciannarelli. Sie steht in ihrem Salon in Pfuhl, einem Ortsteil von Neu-Ulm. Ihr Laden ist an diesem Vormittag weitgehend leer. Nur eine Kundin war bis jetzt da, dabei ist es gleich Mittag. Im Terminkalender des Salons sieht es kaum besser aus. "Unser Telefon klingelt fast nicht mehr", sagt Ciannarelli.

In ihren Händen hält die Innungsmeisterin von Neu-Ulm und Günzburg Rückmeldungen von Kolleginnen und Kollegen: "Die haben alle Umsatzrückgänge von 30 bis 80 Prozent."

Bei Inzidenz über 100: Haarschnitt nur mit negativem Test

Vor gut zwei Wochen nahm das Interesse an Friseurbesuchen schlagartig ab. Denn der Bund hatte Ende April das Infektionsschutzgesetz verschärft: Zum Haareschneiden ist in Landkreisen mit einem 7-Tage-Inzidenz-Wert von mehr als 100 nun ein negativer Schnelltest nötig. Das soll mehr Sicherheit bieten. Gerade ältere Menschen oder Angehörige von Risikogruppen begrüßen eine solche Pflicht. Doch zahlreiche Kunden schrecken auch davor zurück: Ein zuhause selbst durchgeführter Test reicht nämlich nicht aus. Er muss unter Aufsicht erfolgen, etwa in einem Testzentrum oder in einer Apotheke, und das Ergebnis ist nur 24 Stunden lang gültig.

Kaum Testmöglichkeiten in kleineren Gemeinden

Friseure in der Stadt haben einen Vorteil: Dort sind Teststellen oft gut zu Fuß zu erreichen. In kleineren Gemeinden wie in Offingen im Landkreis Günzburg ist das anders. Hier gibt es zwar vier Friseure, aber keine einzige Möglichkeit, sich testen zu lassen. Dorothea Maurer-Keck hat deshalb draußen vor ihrem Salon eine kleine Station aufgebaut. Hier können sich die Kunden unter Aufsicht selbst auf eine Infektion hin überprüfen, wenn sie keine Bestätigung über ein negatives Ergebnis dabeihaben. Wirklich glücklich ist Maurer-Keck mit dieser Lösung aber nicht.

Zusatzaufwand für Friseursalons

"Wir müssen quasi eine Person extra für die Station abstellen", sagt Maurer-Keck. Denn bis der kleine Teststreifen ein belastbares Ergebnis anzeigt, vergehen rund 15 Minuten. Die Vorbereitung dauert weitere fünf Minuten. Über einen Internetkurs bei den Johannitern hatten sich Maurer-Keck und ihre Angestellten das Wissen für die Tests angeeignet und außerdem zwei Stühle, einen Tisch und eine Plexiglasscheibe gekauft. "Das sind alles Ausgaben, die man wahrscheinlich nie wieder reinbekommt", sagt die Friseurin aus Offingen.

Männer bleiben zuhause

Trotz des Aufwands bleiben viele Kunden weg. Einige sind einfach nicht bereit, fünf Euro für den Test zu zahlen. Andere wollen bei schlechtem Wetter nicht draußen warten. Vor allem die Männer kommen nicht mehr, so Maurer-Keck. Sie würden sich dann oft die Haare zuhause schneiden lassen. Barbara Ciannarelli, Innungsmeisterin von Neu-Ulm und Günzburg, beobachtet, dass die Schwarzarbeit deutlich zunimmt. Viele Friseurinnen und Friseure kommen Ciannarelli zufolge mit ihrem Geld nicht mehr aus, weil der ohnehin schon geringe Lohn durch Kurzarbeit noch weiter sinkt.

Ansteckungsrisiko laut Studien vergleichsweise gering

Was viele Friseure im Hinblick auf die Auflagen ärgert: Laut Studien ist das Risiko einer Ansteckung in den Salons verhältnismäßig gering. Die Technische Universität Berlin hat die Aerosolbelastung in verschiedenen Alltagssituationen gemessen. Das Ergebnis: Die Wahrscheinlichkeit, sich zu infizieren, liegt in einem Friseursalon niedriger als beim Einkauf im Supermarkt oder einer Fahrt mit Bus oder Bahn.

Ciannarelli hat für die Maßnahmen der Politik daher wenig Verständnis. Auch weil sie zudem feststellt, dass viele ihrer Kolleginnen und Kollegen Existenzängste plagen, einige durch die langen Einschränkungen wegen Corona sogar depressiv werden.

Geimpfte und Genesene dürfen ohne Test zum Friseur

Zumindest ein wenig könnte sich die Situation in den kommenden Wochen entspannen. Denn vollständig Geimpfte sowie Menschen, die nachweislich von Covid-19 genesen sind, brauchen keinen Test für den Friseurbesuch. Wenn die Inzidenz wieder unter die 100er-Marke in einem Landkreis sinkt, dann müssen Friseure auch von allen anderen Kunden keinen Test mehr verlangen. Doch bis dahin wird es noch dauern, das weiß auch Barbara Ciannarelli. Aber Kredite möchte sie mit ihren bald 60 Jahren nur ungern aufnehmen. Das Geld, das sie eigentlich fürs Alter gespart hatte, ist durch die Corona-Krise jetzt schon aufgebraucht.

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