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Biochemisches Labor der Uni Erlangen

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    Gurgelstudie: Warten auf die Zusage von Ministerien

    Ein Erlanger Unternehmer lässt seine Mitarbeiter im Pooling-Verfahren testen. Das spart Geld und Zeit. Regensburger Ärzte wollen das Verfahren nun auch an Schulen umsetzen. Noch fehlt aber das endgültige "Go" aus den Ministerien.

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    Von
    • Claudia Grimmer

    Die Initiative kam eigentlich genau zum richtigen Zeitpunkt: Bayerns Ministerpräsident Markus Söder möchte die Schulen öffnen, aber nur mit einem vernünftigen Testkonzept.

    Ein Vorschlag dazu kommt nun von einem Erlanger Unternehmer, ausgearbeitet als Studienvorlage von Regensburger Ärzten. Was fehlt, ist die Zusage von den Ministerien, die dafür eine Million Euro bereitstellen müssten, um mindestens 36.000 Schüler und Schülerinnen regelmäßig in Regensburg und Erlangen zu testen.

    Pooling: kostengünstig und schnell

    Zweimal in der Woche lässt Thomas Wagner seine Mitarbeiter zuhause gurgeln. Das Sputum, verteilt in zwei kleinen Röhrchen, nehmen sie mit in das Erlanger Unternehmen. Im Freien werden die Proben dann zusammengefasst - dreißig Proben werden zu einer einzigen. Wer in welchen Töpfen seine Probe abgibt, wird schriftlich festgehalten. Ausgewertet wird der Gurgeltest als PCR-Analyse, da sie immer noch die zuverlässigste Methode für die Feststellung des Sars-Cov-2-Virus ist.

    "Das Gurgeln zu Hause gefährdet keine Dritte, gleichzeitig verzichten wir so auf die personalintensiven und unangenehmen Abstriche." Thomas Wagner, Erlanger Unternehmensinitiative
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    Pool-Testung in einem Erlanger Unternehmen

    Um es kostengünstig zu gestalten, hat der Erlanger Chef das biochemische Labor der Uni-Erlangen für die Auswertung gewinnen können. So zahlt er statt bis zu 60 Euro für eine Einzelauswertung nur rund einen Euro pro Mitarbeiter. Ist der Pool negativ, dann konnten 30 Mitarbeiter mit einer Analyse getestet werden. Ist das Ergebnis positiv, wird die zweite abgegebene Probe jeden einzelnen Mitarbeiters im Pool einzeln ausgewertet. Alles passiert innerhalb weniger Stunden.

    "Die Pooltests im PCR-Verfahren sind mit Kosten von unter einem Euro mittlerweile deutlich günstiger als Antigen-Schnelltests, die mittlerweile rund das Zehnfache kosten." Thomas Wagner, Erlanger Unternehmer, Intego

    Regensburger Ärzte beteiligt

    Der Gurgeltest ist eine einfache Methode, die auch für kleinere Kinder gut durchführbar ist. Der ärztliche Direktor der Klinik St. Hedwig der Barmherzigen Brüder in Regensburg und Leiter des Wissenschafts- und Entwicklungs-Campus Regensburg hat bereits Erfahrung damit. Prof. Michael Kabesch ist verantwortlich für die Stacado-Studie der Regensburger Domspatzen, die die Ausbreitung des Coronavirus und eine entsprechende Testung seit Monaten begleitet. Schon hier wurden in der Untersuchung Erfahrungen mit Gurgeltest und Pooling gesammelt. Nun will Kabesch die Pool-Testung großflächig einführen und zwar an Schulen, um so mehr Sicherheit für einen zukünftigen Wechselunterricht zu bieten.

    Projekt an Privatschulen gestartet

    Kabesch arbeitete die Vorgaben für die Studie "Wicovir" aus, startete das Projekt mit ersten Regensburger Privatschulen, die schon jetzt Abschlussklassen im Wechselunterricht haben. Das Interesse ist groß. Testprotokolle wurden bereits erstellt, Teststationen für die Schulen mit der ostbayerischen Technischen Universität Regensburg entwickelt, ebenso Qualitätssicherungstests. Die schnelle Einführung von Tests sei unabdingbar, um die sichere Öffnung der Schulen zu ermöglichen, da ist sich Kabesch sicher.

    "Wir lösen nichts durch Abwarten. Wir müssen jetzt innovative Lösungsansätze umsetzen. Die Mutationen des Virus sind ein Risiko und Antigentests alleine werden nicht reichen. Nichtstun ist keine Option." Prof. Michael Kabesch, ärztlicher Direktor am Krankenhaus der Barmherzige Brüder Regensburg

    Die Anträge für die Studie wurden an das Kultus-, Wissenschafts- und Gesundheitsministerium gestellt. Sie müssen ihr Plazet geben, aber auch die Mittel, um die Studie durchzuführen. Rückmeldung: noch ausstehend. Das Gesundheitsministerium hat zumindest einen Termin für den morgigen Dienstag angesetzt. Die Zeit dränge, denn, so Prof. Michael Kabesch: "Die Virusmutationen arbeiten gegen uns". Das Interesse an solchen Testungen ist groß, nicht nur bei Schulen, sondern auch von Kindergärten und Unternehmen.

    Nach einigen Wochen wird ausgewertet

    Eine Million Euro haben die Regensburger und Erlanger beantragt. Dafür sollen am Ende 36.000 Schüler und Lehrer getestet werden. Die Studie kalkuliert dafür rund 72.000 Test wöchentlich ein. Die Analyse könnte im angeschlossenen Labor des Krankenhauses der Barmherzigen Brüder erfolgen. Das erfordert eine Automatisierung der Tests, Teststrecken wären nötig. Österreich arbeitet bereits an solchen Systemen. Das Projekt soll bis Schulende laufen. Nach wenigen Wochen soll eine erste Auswertung erfolgen, ob eine solche PCR-Testung sinnvoll erscheint oder der eigentlich priorisierte Weg der Staatsregierung mit Schnelltests für zuhause auch ausreicht.

    Bereits großes Interesse an den Tests

    Derzeit vermeldet das RKI fallende Zahlen, doch die Öffnung von Schulen, Frisören und wahrscheinlich bald auch anderer Einrichtungen steht an. Viele Testungen geben Sicherheit, so die Devise der bayerischen Teststrategie. Deshalb hoffen die Regensburger und Erlanger auf eine Unterstützung ihrer Studie. Auch in Erlangen melden immer mehr Unternehmen, Kindergärten und Schulen ein Interesse an.

    Der Gurgeltest ist einfach, er kann zuhause gemacht werden und er ist so sicher wie ein medizinischer Abstrich, das belegen Studien aus Wien, bestätigen Untersuchungen der Uni Würzburg. Das Wichtige und Entscheidende dabei ist, dass Infizierte schnell analysiert und damit identifiziert werden können. Nur so könne auf Dauer ein Schulbetrieb und auch die Arbeit in Betrieben gewährleistet werden, so Kabesch.

    Die Uni-Labore haben Kapazitäten

    Reihentestungen waren bis November ausschließlich in der Verantwortung des jeweiligen Gesundheitsamtes. Erst dann nahm das zuständige Ministerium wahr, dass vor allem vorher bereits massiv an Krankenhäusern und Universitäten Laborkapazitäten aufgebaut wurden. Eine neue Anordnung ermöglichte ab da auch wieder Reihentestungen an den Einrichtungen. Die könnten jetzt wahrgenommen werden. Wenn da nicht der Datenschutz wäre. Den jedoch, so der ärztliche Direktor des Krankenhauses der Barmherzigen Brüder in Regensburg, Michael Kabesch, hätte man bereits gut in der Studie berücksichtigt. "Es wird nur mit Nummer gearbeitet. Wir arbeiten bei den Tests nicht mit Namen. Die obliegen ausschließlich den Schulen."

    Giffey: "Spucken kann jeder"

    Medienwirksam hat auch Familienministerin Franziska Giffey den Spucktest als Testmaßnahme bei Erzieherinnen und Erziehern in Kitas vorgestellt. In der Stadt Potsdam hat sie dies nun präsentiert, zwar nicht als Pool-Testing, aber im Einzeltest. Es könne "Öffnungsschritte" dadurch geben, sagte sie in Potsdam.

    "Ich halte das für einen wirklichen Weg, die Zeit bis zum Impfen zu überbrücken. Wir haben hier einen Test, den man überschreiben kann mit der Überschrift ‚Spucken kann jeder‘." Franziska Giffey, Bundesfamilienministerin

    Erlanger setzt auf Eigeninitiative

    Der Erlanger Unternehmer Thomas Wagner ist vom Pool-Testing überzeugt. Mittlerweile hat er vier Gymnasien und drei weitere Schulen im Boot. Eine Eigeninitiative, die vorankommen will ohne Bescheide aus Münchner Ministerien, denn das dauert dem Firmenchef eindeutig zu lange.

    "Wir sind mittlerweile bei 100 Pools, die privat mit Spenden finanziert werden und es geht hier wirklich Stück für Stück weiter. Wir warten nicht auf einen Förderbescheid aus München." Thomas Wagner, Unternehmer aus Erlangen

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