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Landwirte wollen am Gülle-Breitverteiler festhalten

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Gülle ausbringen: Landwirte wollen alte Technik behalten

Damit weniger Ammoniak in die Luft entweicht, sollen Landwirte Gülle nur noch bodennah ausbringen, nicht mehr mit dem Breitverteiler. Doch genau den wollen viele Landwirte behalten. Nun kam es zu einem Treffen mit der Landwirtschaftsministerin.

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Von
  • Cornelia Benne
  • Christine Schneider

Gülle ist ein wertvoller Dünger, aber Fakt ist auch: Gülle stinkt und verursacht umweltschädliche Ammoniak-Emissionen, vor allem wenn sie in die Luft versprüht wird. Aufgrund der NEC-Richtlinie der EU müssen umweltschädliche Emissionen drastisch reduziert werden. NEC steht für "National Emission Ceilings" – auf Deutsch: Nationale Emissionshöchstmenge. Die Lösung: bodennahe Ausbringung der Gülle statt mit dem bisherigen sogenannten Breitverteiler. Aber viele Landwirte bezweifeln, dass die neuen Techniken wirklich umweltschonender sind.

Gülleausbringung: Prallteller, Breitverteiler oder bodennah?

Viele haben dieses Bild im Kopf: Ein Güllefass mit einem Prallteller, der die stinkende Brühe nach oben spritzt, bevor sie in einem breiten Bogen auf der Wiese oder dem Acker landet. Das ist längst verboten. Erlaubt sind noch Breitverteiler, in denen die Gülle z.B. mit einem Schwanenhals am Fass breitflächig nach unten gespritzt wird.

Doch auch beim Breitverteiler sind die Tage gezählt. Auf bestelltem Ackerland ist er seit 1. Januar 2020 bereits verboten, auf Grünland ab 2025. Erlaubt sind dann nur noch bodennahe Techniken: mit Schleppschuh, Schleppschlauch oder Schlitzverteiler. An diesen modernen Güllefässern sind riesige meterbreite Gestänge angebracht, die die Gülle direkt am Boden ausbringen, nahezu emissionsfrei.

Günzacher Landwirte wollen Breitverteiler behalten

Rudolf Rauscher ist einer der sechs rebellischen Bauern aus Günzach im Ostallgäu, die unbedingt den Breitverteiler behalten wollen. Denn die neue Technik ist nicht nur sehr teuer, sondern ihrer Meinung nach auch in hügeligem Gelände völlig unbrauchbar: Das breite Gestänge mit den Schläuchen hänge mal in der Luft, mal sitze es am Boden auf. Zwar sieht der Gesetzgeber Ausnahmen vor: Wenn 30 Prozent einer Fläche mehr als 20 Prozent Hangneigung haben, darf weiterhin mit dem alten Breitverteiler gefahren werden. Aber wenn in den Wiesen nur einzelne Senken und Kuppen sind, gilt die Ausnahmeregelung nicht.

Schlecht für die Kühe: Dicke Güllewürste auf den Wiesen

Ein weiterer Grund für den Widerstand: Streifen auf dem Grünland. Der Breitverteiler versprüht die Gülle in vielen Tropfen gleichmäßig, die Schleppschlauchtechnik dagegen hinterlässt dicke Güllewürste am Boden. Wenn es nicht genügend regnet, bleiben diese Güllewürste oft bis zum nächsten Abmähen der Wiese am Boden liegen und landen dann im Viehfutter.

Kritik der Bauern: Staatliche Versuche sind praxisfremd

Die Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft hat über die verschiedenen Gülle-Ausbringtechniken Versuche gemacht, die nach Meinung der Günzacher Landwirte aber völlig praxisfremd sind.

"Die haben Versuche mit nicht nachvollziehbaren Gerätschaften gemacht, zum Teil mit der Gießkanne." Rudolf Rauscher, Landwirt aus Günzach im Ostallgäu
"Es sind Untersuchungen gemacht worden auf Wiesen, auf denen das Gras 20 cm hoch war, das macht in der Praxis niemand." Thomas Fleschutz, Landwirt aus Günzach im Ostallgäu

Kein Landwirt würde Gülle in einen 20 Zentimeter hohen Grasbestand fahren, kritisieren die Bauern, das sei völlig unrealistisch. Bei kurzem Gras seien die Ammoniakemissionen beim Breitverteiler nur um vier Prozent höher als bei der bodennahen Ausbringung.

Günzacher Landwirte haben Petition im Landtag eingereicht

Die Günzacher Landwirte habe die Auswertungen ihrer eigenen Versuche im Mai dem Petitionsausschuss im Landtag vorgestellt, verbunden mit der Forderung, den Breitverteiler behalten zu dürfen. 7.000 Landwirte aus Bayern und Baden-Württemberg haben die Petition unterschrieben, alle landwirtschaftlichen Verbände unterstützen das Vorhaben in seltener Einigkeit: Bauernverband, Bundesverband Deutscher Milchviehhalter, Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft und alle Bioanbauverbände.

Landwirtschaftsministerium muss reagieren

Die Abgeordneten haben die Eingabe aus Günzach nicht abgelehnt, sondern "gewürdigt". Ein erster Erfolg, obwohl das Landwirtschaftsministerium mit einer ausführlichen Stellungnahme dagegen gehalten hat.

Kaniber wirbt trotzdem für neue Technik

Bei einem Treffen der Bauern aus dem Allgäu mit Landwirtschaftsministerin Michaela Kaniber in Kempten warb die Ministerin jedoch für die neuen Techniken zur Ausbringung von Gülle. Vier Hersteller zeigten auf einer Hangfläche Geräte, die Gülle in Streifen direkt am Boden verteilen. Somit sollen bis zu 50 Prozent der bisherigen Ammoniak-Emissionen eingespart werden. 

Mit der Vorführung habe sie zeigen wollen, dass die neue Technik auch in steileren Hanglagen einsetzbar sei, sagte Kaniber nach der Vorführung. Sie hoffe, einige Bauern damit überzeugen zu können. "Wenn man sich der Zukunft mit Gewalt versperrt, wird man nicht weiterkommen." Tests zeigten, dass die neue Technik beim Ausbringen der Gülle 30 bis 50 Prozent weniger Ammoniak in die Luft abgebe. "Dann brauche ich nicht mehr weiterreden", sagte Kaniber.

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Landwirte sollen ihre Gülle bodennah ausbringen, mit moderner Schleppschlauch-Technik, um Ammoniak-Emissionen zu vermeiden. Doch die Günzacher Landwirte aus dem Allgäu wollen die herkömmlichen Gülle-Fässer mit Breitverteiler behalten.

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