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Grundschulen: Rufe nach rascher Rückkehr zum Regelbetrieb | BR24

© picture alliance/Peter Kneffel/dpa

Unterricht in Kleingruppe und mit Mundschutz in der Münchner Klenzeschule

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    Grundschulen: Rufe nach rascher Rückkehr zum Regelbetrieb

    Kinder sind laut einer Studie von vier Universitätskliniken wohl keine Corona-Infektionstreiber. Baden-Württemberg kehrt daher zum Regelbetrieb an Grundschulen zurück. Grüne und FDP fordern das auch für Bayern. Doch Kultusminister Piazolo winkt ab.

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    Eine Woche "Lernen zu Hause", eine Woche reduzierter Unterricht mit der halben Klasse in der Schule: Der Alltag von Bayerns Grundschülern ist noch weit entfernt von Normalität. Nach Meinung mehrerer Oppositionspolitiker sollte sich das schnell ändern. "Für uns ist ganz klar, dass wir die Grundschulen schnell wieder öffnen müssen", betonte Grünen-Fraktionschef Ludwig Hartmann im BR-Interview. Ähnlich äußert sich auch der FDP-Fraktionsvorsitzende Martin Hagen auf Twitter und Facebook.

    Die beiden Politiker verweisen auf eine gemeinsame Studie der Unikliniken Heidelberg, Ulm, Freiburg und Tübingen, laut der Kinder wohl keine Treiber im Corona-Infektionsgeschehen sind. Baden-Württemberg hat auf die Zwischenergebnisse der Studie schon reagiert: Am 29. Juni sollen dort Kindergärten und Grundschulen zum Regelbetrieb zurückkehren, das "Abstandsgebot wird hierfür aufgehoben", sagte Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) am Dienstag. In Bayern ist die Rückkehr zum Regelbetrieb bisher für September vorgesehen.

    Grüne: Grundschulen am 1. Juli komplett öffnen

    Nach Meinung von Grünen und FDP ist das viel zu spät. In den Grundschulen werde stark über die Chancengerechtigkeit von Kindern entschieden, betonte Grünen-Fraktionschef Ludwig Hartmann. Die Schulschließungen im Zuge der Corona-Krise hätten die Bildungsungerechtigkeit verstärkt - sie müsse aber abgebaut werden. Wenn nun eine Studie zeige, dass das Risiko vertretbar sei, müssten die Grundschulen so schnell wie möglich geöffnet werden.

    Um Bayerns Schulen Zeit für den organisatorischen Vorlauf zu geben, plädiert die Grünen-Fraktion dafür, im Freistaat ab 1. Juli wieder alle Grundschulkinder gleichzeitig zu unterrichten. Dafür müsste laut Hartmann – wie in Baden-Württemberg – auch in Bayern das Abstandsgebot in Klassenzimmern aufgehoben werden. "Mit 1,5 Metern wird das nicht funktionieren." Angesichts des geringen Infektionsrisikos sei das vertretbar.

    Lockerungen laut Hartmann "längst nicht mehr im Takt"

    FDP-Fraktionschef Martin Hagen twitterte, Baden-Württemberg werde Kitas und Schulen ab 29. Juni wieder für alle Kinder öffnen. "Warum müssen wir in Bayern bis September warten?" Seine Stellvertreterin Julika Sandt betonte: "Nachdem nun eine klare Datengrundlage vorliegt, müssen alle Kinder wieder in ihre Kitas, schulvorbereitenden Einrichtungen, Grundschulen sowie 5. und 6. Klassen dürfen – nicht nur jede zweite Woche."

    Hartmann verwies auch auf die weiteren Lockerungen, die das bayerische Kabinett am Dienstag beschlossen hatte. "Es wäre absurd, Familienfeiern in geschlossenen Räumen bis 50 Personen zuzulassen, das Hochfest der Schulfamilie – den gemeinsamen Präsenzunterricht – aber nicht." Hier seien die gesellschaftlichen Lockerungen der Staatsregierung "längst nicht mehr im Takt", kritisierte der Grünen-Politiker. Seit heute dürfen sich in Bayern wieder bis zu zehn Menschen aus mehreren Haushalten treffen, ab Montag sind private Feiern mit bis zu 50 Menschen in Innenräumen und bis zu 100 im Freien erlaubt. Kulturveranstaltungen dürfen dann sogar die doppelte Besucherzahl haben.

    Ministerium verteidigt vorsichtiges Vorgehen

    Das Kultusministerium sieht dagegen keinen Widerspruch zwischen diesen Lockerungen und dem weiterhin vorsichtigen Vorgehen an den Schulen in Bayern. "Im Gegensatz zu privaten Kontakten treffen unter 'Normalbedinungen' täglich eine hohe Zahl von häufig mehreren hundert Schülerinnen und Schülern aus sehr vielen Haushalten in einem Schulgebäude zusammen. Deswegen sind bestimmte Hygieneauflagen unumgänglich." Um die Schüler nicht einem unnötig hohen Infektionsrisiko auszusetzen, gelte in den Klassenzimmern nach wie vor das Abstandsgebot, der Unterrichtsbetrieb erfolge häufig zeitversetzt.

    "Private Kontakte dagegen dürften im Normalfall mit einer weitaus geringeren Zahl an Personen aus unterschiedlichen Haushalten stattfinden", argumentierte das Ministerium. "Die Menschen entscheiden in der Regel selbst darüber, ob sie miteinander in Kontakt treten möchten." Im Gegensatz dazu bestehe für Schüler die Pflicht am Unterricht im Schulgebäude teilzunehmen.

    Piazolo hält am bisherigen Zeitplan fest

    Die Studie aus Baden-Württemberg nehme man "mit Interesse zur Kenntnis", teilte das Ministerium auf Anfrage mit. Handlungsbedarf sieht Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler) deswegen aber nicht . "Der Gesundheitsschutz an den bayerischen Schulen hat für uns oberste Priorität", sagte der Minister dem BR. "Wir haben uns bewusst gemeinsam mit der Schulfamilie für eine schrittweise Wiederaufnahme des Unterrichts entschieden."

    Piazolo verwies darauf, dass seit Montag wieder alle Schüler in Bayern im Präsenzunterricht seien, vorerst noch im wöchentlichen oder täglichen Wechsel. Das Ministerium beobachte das Infektionsgeschehen genau und beziehe wissenschaftliche Erkenntnisse in die Planungen ein. "Unser Ziel ist, dass zum neuen Schuljahr Unterricht wieder im normalen Regelbetrieb stattfindet", betonte der Minister.

    Mundschutz im Unterricht "nicht erforderlich"

    Zwar verlangen manche Schulen oder Lehrer von ihren Schülern, auch im Unterricht eine Schutzmaske zu tragen. Das Ministerium stellt aber klar: "Das Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung im Unterricht ist grundsätzlich nicht erforderlich." Nach wie vor gelte, dass das Abstandhalten die wichtigste und effektivste Maßnahme sei - neben Händehygiene und dem Einhalten der Husten- und Niesregeln. Nur außerhalb des Unterrichts müssten Schüler einen Mund- und Nasenschutz tragen.

    Forscher: Gegen Schulöffnung spricht nichts

    Laut der am Dienstag vorgestellten Studie aus Baden-Württemberg stecken sich Kinder wohl seltener mit dem Coronavirus an als ihre Eltern. "Insgesamt scheinen Kinder demnach nicht nur seltener an COVID-19 zu erkranken, was schon länger bekannt ist, sondern auch seltener durch das SARS-CoV-2-Virus infiziert zu werden", sagte der Ärztliche Direktor der Kinderklinik am Universitätsklinikum Ulm, Klaus-Michael Debatin. Kinder seien daher nicht als Treiber der Infektionswelle anzusehen. Dem Universitätsprofessor zufolge spricht also nichts dagegen, Kindergärten und Schulen zu öffnen.

    5.000 Menschen getestet

    Die Forscher der vier Universitätskliniken hatten zwischen dem 22. April und dem 15. Mai rund 5.000 Menschen ohne Corona-Symptome auf das Virus und auf Antikörper dagegen getestet - 2.500 Kinder unter zehn Jahren und jeweils ein Elternteil. Das Ergebnis: Nur ein Elternteil-Kind-Paar war zum Zeitpunkt des Tests infiziert. Bei 45 Erwachsenen und 19 Kindern wurden Antikörper nachgewiesen - sie hatten weitgehend unbemerkt eine Corona-Infektion überstanden.

    "Zwar gab es Unterschiede zwischen den vier Standorten, aber die Zahl der Personen mit durchgemachter Infektion war an allen vier Standorten niedrig, und überall wurden weniger Kinder als Erwachsene positiv getestet", sagte Hans-Georg Kräusslich, Sprecher des Zentrums für Infektiologie am Universitätsklinikum Heidelberg und und einer der Studienleiter. Auch zeige die Studie, dass Kinder, die in der Notbetreuung waren, sich nicht häufiger infiziert hätten.

    Forschungsergebnisse teilweise widersprüchlich

    Die Studie wurde bisher noch nicht in einem Fachjournal veröffentlicht - dies ist nach Angaben der Unikliniken aber in Vorbereitung. "Die Frage der Öffnung der Kitas, Kindergärten und Schulen ist von so hoher gesellschaftlicher Relevanz, dass wir es für angemessen halten, die vorläufigen Ergebnisse öffentlich vorzustellen, obwohl der übliche Prozess der wissenschaftlichen Prüfung bis zur Publikation noch nicht abgeschlossen ist", erläuterte Kräusslich. Die Forscher weisen auch darauf hin, dass die bislang international veröffentlichten Studienergebnisse zur SARS-CoV-2-Infektion bei Kindern teilweise widersprüchlich sind.

    Der Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité kam in einer ebenfalls noch unveröffentlichten Studie zum Schluss, dass Kinder genauso ansteckend seien wie Erwachsene. Sie erkrankten selten schwer, könnten aber trotzdem das Virus weitergeben. "Wir schlussfolgern, dass ein erheblicher Anteil infizierter Personen aller Altersgruppen - auch unter denen mit keinen oder milden Symptomen - eine Viruslast trägt, die wahrscheinlich Infektiosität bedeutet."

    Dennoch teilt auch Drosten die Meinung, dass zumindest zum Herbst an einer vollständigen Öffnung der Schulen und Kitas "eigentlich kein Weg vorbeigehen" könne. Worüber sich die Politik in diesen Wochen Gedanken machen müsse, sei also nicht, "ob" man die Einrichtungen wieder öffne, sondern "wie", sagte er im jüngsten NDR-Corona-Podcast. "Wie man die Öffnung absichert zum Herbst und Winter hin, dass es nicht zu riesigen Ausbrüchen kommt. Und idealerweise, dass man nicht ganze Schulen unter Quarantäne setzen muss, sondern dass man vielleicht nur hier und da mal eine einzelne Klasse unter Quarantäne nehmen muss."

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