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Israelische Gedenkstätte ehrt Judenretter von Schnaitsee | BR24

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Die israelische Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem hat bislang 627 Deutsche ausgezeichnet, weil sie sich in der NS-Zeit für Juden eingesetzt haben. Zum ersten Mal findet die Zeremonie heute am Ort des Geschehens statt: in Schnaitsee bei Traunstein.

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Israelische Gedenkstätte ehrt Judenretter von Schnaitsee

Die israelische Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem hat bislang 627 Deutsche ausgezeichnet, weil sie sich in der NS-Zeit für Juden eingesetzt haben. Am Montag fand die Zeremonie erstmals am Ort des Geschehens statt: in Schnaitsee bei Traunstein.

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Michael und Alois Köhldorfner stehen vor der Scheune, an der diese dramatische Geschichte ihren Anfang hat, im Mai 1945 wenige Tage vor Kriegsende. Als hilfsbereiten Mann beschreiben sie ihren Vater, als einen, der als Zimmerer und Jäger vor Gefahr nicht zurückschreckt. In dieser Nacht hört er Geräusche. Mit dem Gewehr im Anschlag schaut er nach. Sohn Michael junior läuft ihm als Siebenjähriger hinterher.

"Mein Vater ist da rein und hat gefragt: 'Ist da jemand?' Und dann sind sie da runter gekommen, völlig abgemagert, mit ein paar Kleiderfetzen am Körper und Zementsäcken an den Füßen, die sie sich als Schuhe umgebunden hatten." Michael Köhldorfner junior

Unter dem Dach hatten sich zwei Juden versteckt, Henrick Gleitmann und Bernhard Hampel aus Krakau - Häftlinge aus dem KZ Flossenbürg in der Oberpfalz. Bis zum Einbruch der Dunkelheit waren sie und andere Gefangene unterwegs, auf einem der sogenannten Todesmärsche, vorbei an Schnaitsee, das Ziel: Das Konzentrationslager Dachau.

"Der Zug ist weitergegangen zu dem Bauern da rauf, da haben sie wieder einen Stadel gemietet. Und von da sind die beiden dann ausgebrochen, weil sie gewusst haben, dass sie sonst erschossen werden." Michael Köhldorfner junior

Köhldorfners kleiden Geflüchtete neu ein

In der Scheune finden sie Unterschlupf und entkommen so wohl dem sicheren Tod. Denn erst am Tag zuvor hatten die Nazis zwölf Mithäftlinge erschossen und am Straßenrand bei Schnaitsee liegen gelassen.

Flüchtige Juden verstecken – in Nazi-Deutschland ein schweres Verbrechen. Dennoch bringt Michael Köhldorfner senior die beiden aus der Scheune mit nach Hause. Seine Frau und er haben in der Stube ohnehin schon Betten aufgebaut, aus einem gefährlichen Grund: Denn bis vor wenigen Stunden hatten diesen Raum SS-Offiziere auf der Durchreise als Unterkunft beschlagnahmt. Nun, eine Nacht später, schlafen hier die beiden Juden Gleitmann und Hampel.

"Sie haben alte Kleider von den Eltern bekommen und dann haben sie sich in die Betten gelegt." Michael Köhldorfner junior

Riesenglück in den letzten Kriegstagen

Doch die Nacht verläuft dramatisch. Denn die SS-Offiziere kehren zurück. Sie haben ihre Schreibmaschine vergessen. Und sie entdecken die beiden Juden.

"Die hätten die zwei standrechtlich erschießen können und meine Eltern noch dazu, aber einer hat nur meinen Vater scharf angeschaut und gesagt: 'Ich kenn' mich aus.' Und dann ist er gegangen." Michael Köhldorfner junior

Riesenglück: Er verrät sie nicht. Wenige Tage später endet der Krieg. Hampel wandert bald nach Frankreich aus. Gleitmann zieht es in die USA. Doch 1984 kommt er mit seiner Frau Rachel zurück nach Schnaitsee. Ein Foto von damals zeigt sie in der Stube der Köhldorfners, mit ihrer Retterin Cäcilia in der Mitte. Auf die Rückseite des Fotos haben sie auf Englisch geschrieben: "Möge Gott so gut zu Euch sein, wie Ihr zu anderen wart".

Ehepaar Köhldorfner zu "Gerechten unter den Völkern" erklärt

Was lernen wir von den Köhldorfners?

"Dass man hilfsbereit sein muss, wenn es drauf ankommt, wenn es um Menschenleben geht. Und dass man nicht auf Propaganda hereinfällt." Michael und Alois Köhldorfner

Cäcilia und Michael Köhldorfner - ab heute, viele Jahre nach ihrem Tod, gelten sie offiziell als "Gerechte unter den Völkern".

Mit dieser Auszeichnung ehrt Israel seit 1963 Menschen, die ihr Leben riskiert haben, um Juden vor der Vernichtung durch die Nazis zu schützen. Insgesamt wurden bis zum Januar dieses Jahres 27.362 Menschen ausgezeichnet, 627 von ihnen aus Deutschland.

Normalerweise findet die Zeremonie in der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem statt, diesmal allerdings wurde die Auszeichnung zum ersten Mal am Ort der Rettung vergeben, in Schnaitsee.

Sandra Simovich vom israelischen Generalkonsulat München ehrte Cäcilia und Michael Köhldorfner am Montag posthum mit einer Urkunde und einer Medaille. An der Feier nahmen mehrere Generationen der Nachkommen der Retter sowie eines der Geretteten teil, die zum Teil aus den USA anreisten.

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Ein Ehepaar aus Schnaitsee bekommt posthum den Titel "Gerechte unter den Völkern" verliehen - von manchen auch als eine Art Nobelpreis der Menschlichkeit bezeichnet. Was genau steckt hinter diesem Titel?