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Grippe und Corona: Kinderärzte unter Druck | BR24

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Kinderarztpraxis (Symbolbild).

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Grippe und Corona: Kinderärzte unter Druck

Die Grippe-Saison steht vor der Tür - und das mitten in der Corona-Pandemie. Die bayerischen Kinder- und Jugendärzte fordern nun schnelle und klare Kriterien für den Umgang mit Erkältungskrankheiten, denn ihnen droht die Überlastung.

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Seit die Schulen nach den Sommerferien endlich wieder auf sind, füllen sich bei den bayerischen Kinderärzten die Wartezimmer: mit hustenden Kindern und verunsicherten Eltern. Denn was heißt in Coronazeiten schon "Husten" oder "Erkältung"?

Einheitliche Regeln für die Schulen gibt es landesweit nicht. Mancher Kinderarzt fürchtet deshalb bald den Kollaps, denn inmitten der Corona-Krise steht nun ja auch die ganz normale, alljährliche Erkältungs- und Grippesaison vor der Tür.

Schon jetzt volle Wartezimmer

Schon jetzt sind die Wartezimmer der Kinderärzte voll. Es kommen verunsicherte Eltern mit ihren Kindern. Oft sind dabei Schniefnasen und Corona-Verdachtsfälle. Schließlich sollen Kinder mit stärkeren Erkältungssymptomen auch nicht in die Schule gehen.

Eltern in Angst, verschärfte Hygieneregeln

Dominik Ewald, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin in Regensburg, führt täglich zwei bis drei Corona-Tests durch. Bisher war nur ein Kind positiv. Doch er weiß: Die Eltern haben Angst - und wohin sollen sie sonst gehen?

"Jeder ist besorgt, aber das macht es natürlich schwierig, und das ist die Mehrbelastung für uns in den Praxen, zumal unser Gesundheitssystem uns diesen Mehraufwand letztendlich auch nicht gegenfinanziert." Dominik Ewald, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin

Allein um die verschärften Hygieneregeln einzuhalten, sind die Praxen stark gefordert. Für den Test muss man sich umziehen, und die Patienten, die wegen Coronaverdachts kommen, kann er auch nicht mit den anderen Patienten zusammensetzen.

Kinderarzt: Trotz leichtem Schnupfen in die Schule

Die Räume seines neuen Infektionsbereichs gehören eigentlich zu einer Nachbarpraxis, die der Kinderarzt kurzfristig anmieten konnte. Hier sitzen zum Beispiel erkältete Kinder, die nicht zur Schule gehen. Denn leicht erkältete Kinder dürfen erst wieder in die Schule, wenn sie mindestens 24 Stunden lang weitgehend symptom- und 36 Stunden lang fieberfrei sind.

Kinder- und Jugendärzte halten diese Vorgabe meist jedoch für unbegründet; bei einem leichten Schnupfen gebe es keinen Grund, warum ein Kind, das sich ansonsten gesund fühlt, nicht in die Schule gehen sollte, so Dominik Ewald:

"Bei diesen leichten Erkältungssymptomen, da haben wir ja all die Jahrhunderte vorher die Kinder auch nicht aus der Schule und dem Kindergarten, oder was auch immer das früher war, herausgelassen. Das ist natürlich alles sehr viel Hysterie und Panikmache." Kinderarzt Dominik Ewald

Unklarheit über Corona-Regeln an Schulen

Ob übertriebene Reaktion oder doch lieber vorsichtig sein – darüber muss Beate Irle, Leiterin der Grundschule Rohrdorf, täglich neu entscheiden. Ihr Problem ist das Durcheinander bei den Vorgaben. Obwohl der Rahmen-Hygieneplan den Schulen 30 Seiten lang Anweisungen gibt; die Entscheidung über konkrete Maßnahmen fällt immer im örtlichen Gesundheitsamt: "Das weiß ich über eine Kollegin, die aus einer anderen Schule betroffen war, dass die Klasse und die Kollegin zwei Wochen in Quarantäne mussten und ein Test gemacht wurde - alle waren negativ, und trotzdem mussten die 14 Tage Quarantäne eingehalten werden."

Kultusminister Piaozlo: "Es funktioniert sehr, sehr gut"

Nach welchen Kriterien entschieden wird, ist vielen Schulleitern unklar. Das Kultusministerium hält sein Modell für richtig. Denn bei über 6.000 Schulen in ganz unterschiedlichen Regionen Bayerns mit ganz unterschiedlichen Bedingungen sei es wichtig, den Schulen vor Ort auch viel Eigenverantwortlichkeit zu überlassen, so Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler): "Beides geht nicht immer zusammen: auf der einen Seite die Ansage, auf der anderen Seite die Eigenverantwortlichkeit, aber ich hab den Eindruck, es funktioniert sehr, sehr gut."

Ein Abstrich für den Busfahrer

Doch welcher Schulleiter will verantwortlich sein für die Entscheidung, wann ein Kind krank ist und wann nicht? Und so landen die Kinder wieder hier, bei den Kinderärzten, wie in Rosenheim beim Kinder- und Jugendarzt Otto Laub.

Um den Andrang zu bewältigen, hat Otto Laub zusätzlich eine Videosprechstunde. Er weiß, an den Schulen gibt es inzwischen wieder vermehrt Fälle von Corona, vor allem Lehrer, aber auch einzelne Schüler. Die Unsicherheit ist daher groß, und auch bei seinen Untersuchungen ist Otto Laub ständig mit dem Regelwirrwarr an den Schulen konfrontiert, ob etwa Schulen Abstriche verlangen oder sogar ein Busfahrer, der sagt, er nimmt die Kinder sonst nicht mit:

"Man muss halt bei jedem genau hinschauen, was ist. Was wir sicher nicht machen, ist, dass wir einfach quer durchs Volk diese Abstriche schleudern. Was nach unserem Dafürhalten nicht sinnvoll ist, sind zuhauf Atteste wegen Gesundschreibungen. So eine Gesundschreibung ist Unfug, das ist sinnfrei." Kinderarzt Otto Laub

Ein Leitfaden, aber keine Freigabe

Auch das wurde von Otto Laub schon verlangt. Um genau solche Auswüchse und Absurditäten zu vermeiden, hatten die bayerischen Kinderärzte im Sommer eigens einen einheitlichen Leitfaden für die Schulen mit erarbeitet. Doch der wartet noch immer auf seine Freigabe - zu widersprüchlich seien die Informationen aus der Politik, meint Kinderarzt Ewald.

"Wir haben mit dem Landesamt für Gesundheit und Lebensmittel schon zum Schulbeginn einen Leitfaden erstellt, genauso wie wir das für die Kitas hatten, und aus irgendeinem Grund gibt es diesen Leitfaden für die Schulen seit Wochen nicht, und der hätte uns eigentlich Klarheit bringen sollen." Kinderarzt Dominik Ewald

Warum der Leitfaden bislang noch nicht freigegeben wurde, wissen die Kinderärzte nicht. Seit Wochen warten sie ungeduldig darauf.

"Natürlich ist es so, dass wir jetzt alle eine Mehrbelastung haben, nicht nur im Bereich der Schulen, gerade auch im Gesundheitsbereich, und dass der eine oder andere, gerade durchaus auch Kinderärzte, da an Belastungsgrenzen kommen, ist klar. Dennoch, wir versuchen das natürlich in der Politik, und auch ich als Kultusminister, solche Belastungen zu nehmen, aber ganz wird das nicht gehen." Kultusminister Michael Piazolo, Freie Wähler

Kinderarzt: "Mal schauen, wie lange wir das mitmachen"

Was also tun? Die bayerischen Kinder- und Jugendärzte sprechen inzwischen deutliche Worte: Sollte es nicht rasch klare Kriterien für den Umgang mit Erkältungskrankheiten an den Schulen geben, werden die Praxen bald an ihre Grenzen kommen. "Es wird spannend", sagt Kinderarzt Laub, "mal schauen, wie lange wir das mitmachen".

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Ist es nur ein grippaler Infekt oder doch Covid-19? Die Unsicherheit unter Eltern ist groß. Wie zeigt sich das in den Kinderarztpraxen? Wir haben einen Kinderarzt besucht, der täglich über Maskenbefreiungsatteste diskutieren muss.

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