Ein junger Mann sitzt in einem Auto und hält seinen Führerschein in der Hand.
Bildrechte: Josef Rädlinger Unternehmensgruppe

Ein junger Mann sitzt in einem Auto und hält seinen Führerschein in der Hand.

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Gratis-Führerschein: Immer mehr Lehrstellen bieten "Zuckerl"

Der Lehrlingsmangel lässt Firmen beim Wettbewerb um junge Leute kreativ werden. Immer mehr Unternehmen überlegen sich über das Geld hinaus zusätzliche Anreize, um Nachwuchs zu gewinnen. Es winken ein kostenloser Führschein oder Hotel-Rabatte.

Über dieses Thema berichtet: Mittags in Niederbayern und Oberpfalz am .

Wer bei der Zwischenprüfung gute Noten schreibt, bekommt beim Maschinenbau-Unternehmen "Sesotec" in Schönberg im Landkreis Freyung-Grafenau einen Extra-Urlaubstag. Außerdem zahlt die Firma, die im Schnitt rund 30 Azubis hat, Zuschüsse für die Fahrtkosten zur Berufsschule oder für Lehrmittel und macht zu Lehrbeginn mit allen gemeinsame Ausflugs- und Kennenlerntage. Diese "Zuckerl" kommen bei immer mehr Firmen vor.

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Betriebe müssen "sichtbar" sein

Denn: Es reicht schon lang nicht mehr, einfach nur zu warten, dass sich genügend Nachwuchs bei einem Unternehmen bewirbt, heißt es bei der Handwerkskammer (HWK) Niederbayern-Oberpfalz.

"Heutzutage bewirbt sich eher der Betrieb beim Lehrling als umgekehrt." Andreas Keller, Bereichsleiter Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz

Die Betriebe müssen "sichtbar" sein, zum Beispiel an Ausbildungsmessen teilnehmen, sagt Andreas Keller von der HWK. Sie sollten auch aktiv unterwegs sein in den sozialen Medien, also da, wo sich auch die jungen Leute tummeln. Das Image einer Firma ist dabei genauso wichtig wie eine gute Mundpropaganda.

Geld alleine bindet nur kurzfristig

Nur nach außen gut zu wirken, nützt aber nicht langfristig. Das Betriebsklima muss auch in Wirklichkeit gut sein, betont die Handwerkskammer. Sonst ist man das zuvor mühsam gewonnene Personal schnell wieder los. Auch wer nur mit Geld lockt, muss damit rechnen, dass Bewerber wieder gehen, wenn eine andere Firma mehr zahlt.

Ein Kandidat für 2,6 Betriebe

Die Oberpfalz hat mit einem Kandidaten auf 2,6 Betriebe in Bayern das schlechteste Verhältnis von Bewerbern zu offenen Stellen. Bayernweit sind es auf einen Bewerber 1,8 Betriebe.

847 Lehrstellen sind momentan laut Lehrstellenbörse der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz unbesetzt – alleine im Handwerk. In Wirklichkeit sind es aber viel mehr, weil manche Firmen die offenen Ausbildungsplätze erst gar nicht mehr melden.

Aber es gibt auch eine beeindruckende Zahl an besetzten Lehrstellen: rund 14.000 machen momentan in Niederbayern und der Oberpfalz eine Lehre im Handwerk. Zusätzlich gibt es rund 24.500 Azubis in Industrie-, Gastro-, Handels- und Dienstleistungsberufen. Schulische Ausbildungen wie etwa in der Pflege sind dabei noch nicht mitgezählt.

Die großen Industriebetriebe, die früher oft allein mit ihrem Namen punkten konnten, werden inzwischen auch nicht mehr von Bewerbern gestürmt, betonen die Industrie- und Handelskammern. Sie müssten sich also auch mehr einfallen lassen als früher.

Baufirmen bieten Mini-Auto mit Sprit

Der Wettbewerb um den betrieblichen Nachwuchs ist in vollem Gang. Besonders "handfest" sind zum Beispiel Baufirmen. Das Bauunternehmen Wagner in Waldmünchen im Landkreis Cham zum Beispiel stellt seinen Auszubildenden, die unter 18 sind, kostenlos sogenannte Micro Cars zur Verfügung: nicht nur für den Weg zur Arbeit, sondern auch für Privatfahrten, inklusive Treibstoff. Das sind kleine Autos, die geschwindigkeitsreduziert sind und für die man keinen Autoführerschein braucht. Ähnlich macht es "Heimerl"-Bau in Schönthal – ebenfalls im Kreis Cham.

Führerschein auf Firmenkosten

Die "Josef Rädlinger Unternehmensgruppe" in Cham geht noch einen Schritt weiter und eröffnet ab September eine firmeneigene Verkehrsakademie. Dort können Beschäftigte nicht nur den Lkw-Führerschein machen, sondern auch Lehrlinge ihren kompletten Autoführerschein – und das kostenlos. Der Arbeitgeber zahlt also, was sonst Eltern und Jugendliche mit einer vierstelligen Summe belastet. Das Ganze funktioniert wie eine Ferien-Fahrschule im zwei- bis dreiwöchigen Blockunterricht. Dafür müssen sich die Azubis nicht einmal Urlaub nehmen, denn alles passiert in der Arbeitszeit.

Das Bauunternehmen ist allerdings eher einer der "Großen" in der Branche, hat mehr als 130 Auszubildende und rund 2.000 Mitarbeiter. Mehr Lehrlinge könnte man aber selbst hier für die klassischen Baustellenberufe brauchen, für die sich traditionell immer weniger Jugendliche bewerben als für Büroberufe.

Kostenlose Freizeitangebote für Azubis mit Begleitung

Einige Hotels im Bayerischen Wald bieten ihren Auszubildenden Mitarbeiterkarten an. Damit können sie kostenlos oder ermäßigt in beliebte Freizeiteinrichtungen der Region wie zum Beispiel die Western-Stadt Pullman City – sogar mit Begleitung.

Auch besondere Weiterbildungen, zum Beispiel zum Biersommelier, gibt es auf Wunsch kostenlos. Manche Hotels sind noch großzügiger: Das Wellness-Hotel Oswald in Kaikenried im Kreis Regen zum Beispiel gewährt den Familienmitgliedern seiner gesamten Beschäftigten - also nicht nur denen der Azubis - einen 50-prozentigen Preisnachlass auf alle Leistungen im Haus.

Das gesamte Personal darf außerdem an seinen freien Tagen oder in freien Stunden den großen Wellnessbereich nutzen, vom Hallen- und Freibad bis zur Saunalandschaft. Für die Mitarbeiter gibt es außerdem in einigen Partner-Wellness-Hotels der Region Preisnachlässe für Übernachtungen.

Kreative Projekte und buntes Betriebsklima

Immer mehr Betriebe bieten für ihren Nachwuchs aber auch mehr Verantwortung oder ein bunteres Betriebsklima an. Zu letzterem gehören gemeinsame Aktionen in der Freizeit, vom Kartfahren bis zur Ausflugsfahrt. Zum Thema "Verantwortung" zählen Projekte, in denen Lehrlinge selbst etwas umsetzen dürfen, so zum Beispiel auch beim Unternehmen Staudinger Automatisierungstechnik in Loiching im niederbayerischen Landkreis Dingolfing-Landau. Hier wurden Bienenstöcke gemietet, für die die Lehrlinge das gesamte Gelände hergerichtet haben.

Bei der "Max Heimerl Bau GmbH" in Schönthal dürfen die Lehrlinge alle drei Jahre einen Rohbau komplett alleine hinstellen. Das sogenannte "Lehrlingshaus" entsteht unter Anleitung eines Vorarbeiters und natürlich mit dem Einverständnis des Bauherrn.

Manche Autowerkstatt-Betriebe lassen ihre Lehrlinge ein Auto nach ihren Wünschen "tunen", also individuell ausgestalten, vom Spoiler bis zur besonderen Lackierung. Anschließend wird versucht, Kunden dafür zu finden. Der Ideenreichtum der Betriebe dürfte mit dem Lehrlingsmangel in den nächsten Jahren eher noch steigen.

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