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Grafenried - ein verschwundenes Dorf wird wieder ausgegraben | BR24

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Nach der Grenzöffnung vor 30 Jahren kam auch wieder zum Vorschein, was im Grenzstreifen zwischen Deutschland und Tschechien verborgen und versteckt war. Das Dorf Grafenried wird seit 2012 wieder ausgegraben

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Grafenried - ein verschwundenes Dorf wird wieder ausgegraben

Die Grenze zwischen Deutschland und Tschechien war jahrzehntelang Sperrgebiet. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs kamen Reste der früheren sudetendeutschen Dörfer zum Vorschein. Eins dieser "untergegangenen Dörfer" ist Grafenried.

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30 Jahre ist der Fall des Eisernen Vorhangs nun her. Nach der Grenzöffnung kam auch wieder zum Vorschein, was in diesem kilometerbreiten Streifen entlang der streng bewachten Grenze zwischen Deutschland und Tschechien verborgen war. Bäume, Pflanzen und Wiesen waren dort zum Beispiel über die Reste der früheren sudetendeutschen Dörfer gewuchert, aus denen nach dem Zweiten Weltkrieg Menschen vertrieben worden waren. Grafenried oder Lučina ist eins dieser Dörfer. Es wird seit 2012 wieder ausgegraben.

Der Reiz des Unerforschten

Fast jedes Wochenende machen sich Ehrenamtliche wie Alois Rötzer und Helmut Roith an die Arbeit und graben mit Schaufel, Kelle und Schubkarren nach Überresten des Dorfes. "Es hat ausgesehen wie im Urwald, es war komplett zugewachsen. Wir mussten teilweise bis zu drei Meter auffüllen", erzählt Rötzer. Er gräbt seit 2014. Roith ist bereits seit 2012 dabei, sogar unter der Woche nach Feierabend, wenn er mit seinem normalen Job als Tiefbaupolier fertig ist. Es sei wie eine Sucht, die Suche nach etwas Vergangenem. Alles sei noch so unerforscht, erzählt Roith.

Immer mehr Interesse an der Geschichte

Auch für die Tschechen war das Gebiet direkt an der Grenze jahrzehntelang Sperrzone. Suzanna Langpaulova, 41, ist die Projektleiterin für Grafenried, das als eines der wenigen verschwundenen Dörfer in Tschechien wieder ausgegraben wird. Wenigstens ein paar Reste davon. Hunderte solcher Dörfer gibt es, die meisten waren einige Jahre nach der Vertreibung dem Erdboden gleichgemacht worden. Bis zur Wende war das ganze Thema in Tschechien tabu, aber jetzt interessieren sich immer mehr Menschen dafür, sagt Langpaulova: "Die Geschichte des Zweiten Weltkriegs ist total unbegreifbar. Das ist vielleicht das Faszinierende, wenn man hier durch Grafenried geht und sich sagt: Wie ist das möglich? Hier lebten Leute und jetzt gibt es nur Trümmer."

Ehemalige Bewohner starteten Projekt

Der Anstoß zu den Grabungen, zunächst nur nach den Resten von Kirche und Friedhof, war von ehemaligen Grafenriedern gekommen, zum Beispiel von Hans Laubmeier, der als Kind aus dem 800-Seelen-Dorf vertrieben wurde, an das er sich noch gut erinnern kann. "Es war eine steinige Landschaft. Hier gab es Landwirtschaft, da waren Glashütten hier und eine Brauerei, die sogar gut gegangen ist", erzählt Laubmeier. Von Brauerei, Wirtshaus und Pfarrhof wurden seither unermüdlich Fundamente freigelegt. Scherben, alten Flaschen oder Kachelofenreste erinnern an den Alltag.

EU-Projekt gegen das Vergessen

Ein EU-Projekt ist entstanden, die tschechische Seite baute Info-Tafeln auf und der ehemalige Grenzpolizist Manfred Gross macht Führungen. "Von beiden Seiten ist das Interesse vorhanden, dass diese Zeit des bewussten Verschweigens wieder aufgearbeitet wird", sagt Gross. Und auch für die Besucher sei die Ausgrabungsstätte Grafenried als eine Art Museum ein Ort der Erinnerung und gegen das Vergessen.

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Reste des untergegangenen Dorfes Grafenried.

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Ein Marienbild im ehemaligen Dorf Grafenried.

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Alte Mauern und Treppen sind hier jetzt wieder sichtbar.

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Alte Scherben und Mauerfragmente wurden bei den Grabungen freigelegt.

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Blick durch einen Rundbogen auf den alten Friedhof von Grafenried.

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Alte Grabsteine auf dem Grafenrieder Friedhof.

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Projektleiterin Suzanna Langpaulova und der Heimatvertriebene Hans Laubmeier vor den Überresten eines Überwachungsbunkers.

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Helmut Roith gräbt seit Jahren ehrenamtlich jedes Wochenende in Grafenried.