Zurück zur Startseite
Bayern
Zurück zur Startseite
Bayern

Glyphosat: Wenn Kommunen zum Vorbild werden | BR24

© dpa-Bildfunk

In vielen bayerischen Gemeinden wird Glyphosat nicht mehr eingesetzt

14
Per Mail sharen
Teilen
  • Artikel mit Video-Inhalten

Glyphosat: Wenn Kommunen zum Vorbild werden

Bayern hat eine Bundesratsinitiative gestartet und fordert ein Glyphosatverbot für Haus- und Kleingärten. Das reicht vielen aber nicht. Immer mehr bayerische Kommunen entscheiden sich dafür, auf eigenen Grünflächen kein Glyphosat mehr einzusetzen.

14
Per Mail sharen
Teilen

Immer mehr Gemeinden im Freistaat entscheiden sich gegen den Einsatz glyphosathaltiger Unkrautvernichtungsmittel, deren Schädlichkeit nur noch wenige bezweifeln.

Monsanto Prozess: Schadensersatz für krebskrankes Ehepaar

Seit 1974 verkauft der US-Agrar Konzern Monsanto den Wirkstoff Glyphosat. Laut BUND Naturschutz in Bayern gilt er als schädlich und ist maßgeblich für das Artensterben in der Agrarlandschaft verantwortlich. Die internationale Krebsforschungsagentur (IARC), eine Behörde der Weltgesundheitsorganisation (WHO), hat Glyphosat 2015 als "wahrscheinlich krebserregend" eingestuft.

2016 kaufte der deutsche Pharma- und Agrarchemiekonzern Bayer den Hersteller Monsanto und steht seither massiv in der Kritik. Gegen Monsanto liegen in den USA und mittlerweile auch in Kanada rund 18.400 Schadensersatzklagen vor. Besonders der Prozess um das Ehepaar Pilliod sorgte für Schlagzeilen: Die beiden an Lymphdrüsenkrebs erkrankten Rentner machten im Mai 2019 Monsanto für ihre Krankheit verantwortlich. Sie hatten jahrelang das glyphosathaltige Mittel Roundup eingesetzt. Sie klagten auf Schadensersatz in Höhe von zwei Milliarden Dollar. Zugesprochen wurden ihnen am Ende 86,7 Millionen Dollar.

Glyphosat in der Politik

Der Koalitionsvertrag von 2018 verspricht unter dem Punkt "Biodiversitätsschutz":

"Wir werden mit einer systematischen Minderungsstrategie den Einsatz von glyphosathaltigen Pflanzenschutzmitteln deutlich einschränken mit dem Ziel, die Anwendung so schnell wie möglich grundsätzlich zu beenden." Koalitionsvertrag 2018

Bayern will nun ein Glyphosatverbot für Haus- und Kleingärten durchzusetzen. Für den Umweltminister Thorsten Glauber ist das Verbot ein Schritt in die richtige Richtung:

"Durch die Annahme des Volksbegehrens habe ich immer dafür geworben, dass es eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist und deshalb ist es wichtig und richtig, dass wir bei uns vor der eigenen Haustür anfangen […] Wenn man die Biodiversität hochhalten will muss man bei sich zuhause im eigenen Garten beginnen." Thorsten Glauber, Freie Wähler, Bayerischer Umweltminister

Chemie im Garten

Glyphosat kommt vor allen in Herbiziden, also Mitteln zur Unkrautvernichtung zum Einsatz. In 40 Prozent aller Produkte für diesen Anwendungsbereich steckt Glyphosat Es ist der damit weltweit mit Abstand am meisten eingesetzte Wirkstoff.

In Deutschland sind derzeit 75 glyphosathaltige Pestizide zugelassen, davon 44 auch für Haus- und Kleingärten. 1.200 Tonnen des Wirkstoffs werden dabei jährlich in Haus- und Kleingärten ausgebracht. Das Problem: Glyphosat lässt sich weder abwaschen noch durch Erhitzen oder Einfrieren abbauen. Glyphosat-Rückstände in Lebens- und Futtermitteln halten sich für zwei bis vier Jahre.

Glyphosat in Städten und Gemeinden

Christine Margraf vom BUND Naturschutz in Bayern bewertet das Glyphosatverbot für Haus- und Kleingärten als einen Tropfen auf den heißen Stein.

"Das kann nicht mehr sein als ein erster Schritt, weil 99 Prozent des Herbizideinsatzes erfolgt von beruflichen Anwendern und nur ein Bruchteil in den privaten Gärten. Wir bräuchten generell ein Verbot in den Kommunen. Es gibt schon viele Kommunen, die sich zur pestizidfreien Kommune erklärt haben.“ Christine Margraf, BUND Naturschutz in Bayern e.V.

Ein wichtiger Schritt, denn immer noch kommen auch auf sogenanntem "Nichtkulturland" - etwa städtischen oder kommunalen Grünflächen, Straßen und Gleisen - riesige Mengen zum Einsatz. Rund 70 Tonnen jährlich werden allein auf deutschen Bahngleisen verteilt, um die Schienen von Unkraut zu befreien.

Einige bayerische Städte und Gemeinden, darunter Erlangen, Fürth, Nürnberg, Kitzingen, Regensburg, Dorfen, Landsberg am Lech, Kaufering, Bernau am Chiemsee oder die Gemeinde Murnau haben sich entschlossen, ganz auf Glyphosat zu verzichten und städtische Grünflächen, zum Beispiel Straßen und Bahngleise, alternativ zu behandeln.

Nürnberg - seit 30 Jahren glyphosatfreie Zone

Nürnberg verzichtet bereits seit 30 Jahren. Das Nichtkulturland wird per Hand mit Hilfe von Werkzeugen wie Hacken oder Unkrautstechern bearbeitet. Vom BUND Naturschutz in Bayern heißt es dazu:

"Nürnberg ist ohne Ausnahmen eine glyphosatfreie Stadt." BUND Naturschutz Bayern e.V.

In Erlangen wird auf städtischen Grünflächen ebenfalls auf glyphosathaltige Pflanzenschutzmittel verzichtet. Alle Neuverpachtungen sind zudem zu einem Glyphosatverzicht verpflichtet. Auch in Stegaurach im Landkreis Bamberg hat man das Problem erkannt. Für den zweiten Bürgermeister Bernd Fricke hat die Kommune im Punkt pestizidfrei leben eine große Vorbildrolle für die eigenen Bürger:

"Die meisten Bürger hier in Stegaurach haben Häuser mit Gärten und wenn wir da vorangehen, dass wir sagen ok, wir machen was mit den Flächen, dass wir die sinnvoll bewirtschaften, Blühflächen anlegen oder pestizidfrei wirtschaften, weniger Spritzmittel verwenden. Kommunen haben da immer eine große Vorbildfunktion." Bernd Fricke, 2. Bürgermeister Stegaurach

Ein Blick in die Zukunft

Österreich hat vor einigen Wochen beschlossen, Glyphosat gänzlich zu verbieten. Befürchtungen, dass nach dem Verbot jetzt andere, ebenso schädliche Pestizide zum Einsatz kommen könnten, kann Marion Ruppaner vom BUND Naturschutz in Bayern nicht teilen:

"Würde Glyphosat verboten werden, würden mehrere selektive, teurere Mittel eingesetzt, auch mechanische Verfahren würden wieder lukrativer werden. Dass Glyphosat so billig wurde, liegt vor allem am Auslaufen des Patents von Monsanto. Es können durch Veränderungen der Fruchtfolgegestaltung und mechanische Verfahren in manchen Fällen sogar bessere betriebswirtschaftliche Ergebnisse erzielt werden." Marion Ruppaner, BUND Naturschutz in Bayern e.V.

Video: Glyphosatverbot in privaten Gärten

© BR

Der Freistaat will den Einsatz des umstrittenen Unkrautvernichters Glyphosat in Haus- und Kleingärten verbieten lassen. Denn auch Hobbygärtner greifen mal gerne zur chemischen Keule im Kampf gegen das Unkraut. Was halten Kleingärtner von dem Vorstoß?