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Apotheken kämpfen mit Lieferengpässen
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Claudia Grimmer
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Apotheken kämpfen mit Lieferengpässen

Vor sechs Jahren wurde Petra Schmitt zum ersten Mal ein Medikament mit dem Wirkstoff Valsartan verschrieben. Mitte 2018 wurde dann bekannt, dass bestimmte Chargen solcher Blutdrucksenker, hergestellt in China, mit potenziell krebserregenden Nitrosaminen verunreinigt sind. Der Beginn eines beispiellosen Skandals.

Krebsgefahr durch verunreinigten Blutdrucksenker

Mittlerweile wurde bei der 60-Jährigen aus dem unterfränkischen Kleinostheim Gebärmutterkrebs festgestellt. Zunächst war ihr ein möglicher Zusammenhang nicht klar, da Wissenschaftler davon ausgingen, dass nur wenige Krebsarten durch Nitrosamine entstehen könnten.

"Es war damals immer die Rede von Blasenkrebs und Nierenkrebs. Mittlerweile ist aber bekannt, dass auch mein Krebs in diese Gruppe der Krebsarten fällt, die durch Valsartan ausgelöst werden können." Petra Schmitt, Krebspatientin

Strafantrag gegen Hersteller von Valsartan gestellt

Nach der Diagnose folgten mehrere Operationen, Bestrahlungen, Chemotherapie. Ein langer Leidensweg, der Kraft kostet und gleichzeitig Wut und Hilflosigkeit bei der 60-Jährigen auslöst. Inzwischen hat sie zusammen mit anderen Betroffenen Strafantrag gegen die Firma gestellt, die das Valsartan-Medikament in Deutschland vertreibt.

"Die haben einen chinesischen Zulieferer und gegen den ist es halt schwierig vorzugehen, weil es im Ausland ist." Petra Schmitt, Krebspatientin

Ein Nachweis, dass der Krebs von Petra Schmitt auf die Einnahme des verunreinigten Valsartan-Medikaments zurückzuführen ist, ist schwer zu erbringen.

Valsartan Skandal: Fast eine Million Betroffene in Deutschland

Nach einer Schätzung der Bundesregierung könnten allein 2017 rund 900.000 Patienten verunreinigte Blutdruckmittel eingenommen haben.

Der Valsartan-Skandal ist in seiner Dimension gewaltig. Denn es blieb nicht bei einem Rückruf. Allein von Juli bis September 2018 wurden 20 Arzneimittel-Chargen mit den Wirkstoffen Valsartan und anderen Sartanen von den Herstellern zurückgerufen. Seitdem mussten alle paar Wochen weitere Medikamente vom Markt genommen werden – bis heute. Die jüngsten Rückrufe wurden am 19. Februar 2019 gelistet.

Inzwischen hat die Europäische Arzneimittelagentur den Grenzwert für die potentiell Krebs erregenden Nitrosamine verschärft: Er wird auf fast Null gesenkt, allerdings haben die Hersteller dafür eine Übergangsfrist von zwei Jahren.

Apotheken: Ständig Lieferengpässe bei Medikamenten

Durch die Rückrufe der verunreinigten Medikamente wird es auch mit Ersatzpräparaten langsam schwierig. Zusätzlich verschärft sich die Situation von Patienten noch durch Lieferengpässe - und die betreffen nicht nur Valsartan-Patienten. Margit Schlenk vom Bayerischen Apothekerverband sagt, es gebe ständig Lieferengpässe bei allen möglichen Substanzen.

"Das heißt, wir sind ständig am Jonglieren, wie wir den Bedarf der Patienten optimal decken können." Margit Schlenk, Apothekerin

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte listet aktuell Lieferengpässe für Aspirin, Cholesterinsenker, Parkinsonmittel oder Antiepileptika auf seinen Internetseiten auf.

Arzneimittelproduktion in Billiglohnländer verlagert

Noch 1970 galt Deutschland als die Apotheke der Welt. Dann kamen Rabattverträge mit den Krankenkassen, um Geld vor allem im Medikamentenbereich zu sparen. Das bedeutete für viele Firmen: Auslagerung in Billiglohnländer, weg aus Deutschland, wie Fritz Sörgel vom Institut für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung in Nürnberg-Heroldsberg, sagt.

"Wenn sie eine Schmerztablette für unter zehn Cent produzieren sollen: Wie wollen sie das in Deutschland machen? Das ist schlicht und einfach nicht machbar." Prof. Fritz Sörgel, Pharmazeut

Neues Gesetz: Mehr Kontrollen geplant

Rückrufe, Skandale, Lieferengpässe: Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat darauf mit einem "Gesetzentwurf für mehr Sicherheit in der Arzneimittelversorgung" reagiert. Statt freiwilliger Meldungen der Hersteller über Rückrufe soll es künftig eine Informationspflicht geben. Auch mehr Kontrollen und mehr Befugnisse für die Behörden in Bund und Ländern sind geplant.

Experte: Spahns Vorschlag zur Arzneimittelsicherheit reicht nicht

Abgesehen davon, dass der Gesetzentwurf von Minister Spahn noch durch den Bundesrat muss – nach Ansicht von Sörgel kommen die Maßnahmen zu spät und reichen nicht. "Das ist eine Beruhigungspille", kritisiert er. Seiner Meinung nach müssen Arzneistoffe, die nach Deutschland importiert werden, "auf dem allerhöchsten technischen wissenschaftlichen Stand überprüft" werden. Das sei das zentrale Problem, doch davon lese er in dem Gesetzentwurf nichts.