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Das Abensberger Volksfest ist vor allem für seinen politischen Schlagabtausch von Bierzelt zu Bierzelt bekannt. Im Corona-Jahr abgesagt. CSU und Freie Wähler wollten nicht auf den Gillamoos verzichten und haben ihn in die digitale Welt verlegt.

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Gillamoos light: Technik-Tücken statt derber Schlagabtausch

Eigentlich ist der Gillamoos-Montag eines der größten Politik-Spektakel in Bayern. Damit es wegen Corona nicht ganz ausfällt, versuchten es heuer zumindest CSU und Freie Wähler digital - allerdings mit technischen Problemen und wenigen Zuschauern.

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Von
  • Maximilian Heim
  • Petr Jerabek

Viele Aussetzer bei Bild und Ton, irritierte Nutzer in den sozialen Netzwerken: Der "erste digitale Gillamoos" der Freien Wähler in Bayern wurde lange von technischen Problemen dominiert. Die Übertragung der heutigen Rede von Parteichef Hubert Aiwanger war deshalb live im Netz kaum zu verfolgen - weder auf Youtube noch bei Facebook oder Twitter. Erst gegen Ende der Online-Veranstaltung, während der Rede von Kultusminister Michael Piazolo, lief der Livestream auf den Kanälen weitgehend störungsfrei.

"Schade, die Übertragung ist so schlecht, das hat keinen Sinn“, kommentierte eine Facebook-Nutzerin. Und weiter: "Wäre gerne dabei gewesen."

Über ihren Facebook-Account reagierten die Freien Wähler auf diese und andere Kritik: "Sorry für die schlechte Übertragung. Dafür ist es die größte Premiere in der Geschichte Bayerns."

Piazolo: "Der Wille ist das Entscheidende"

Auch Piazolo griff die technischen Schwierigkeiten zu Beginn seiner Rede auf - und verteidigte das Vorhaben der Freien Wähler, den traditionellen politischen Schlagabtausch am Gillamoos wegen der Corona-Pandemie heuer ins Internet zu verlegen. "Der Wille ist das Entscheidende", erklärte Piazolo. "Wir machen es - andere trauen sich ja nicht mal."

Freie Wähler gegen dritte Startbahn am Münchner Flughafen

Zuvor hatte Aiwanger betont, dass die Freien Wähler im kommenden Jahr in den Bundestag einziehen wollen. Dort fehle bisher "der gesunde Menschenverstand". Er bekräftigte auch, dass die Freien Wähler gegen eine dritte Startbahn am Flughafen München seien. Entsprechende Planungen sollen laut Aiwanger beendet werden, man wolle darüber mit dem Koalitionspartner CSU erneut beraten.

Bisher ist im gemeinsamen Koalitionsvertrag ein Moratorium bis 2024 vorgesehen – allerdings sah auch die Lufthansa bereits vor der Corona-Krise keinen Bedarf vor 2030 für eine dritte Startbahn in München.

CSU mit Schwierigkeiten - Scheuer trotzdem zufrieden

Mit technischen Problemen hatte auch der CSU-Kreisverband Kelheim bei seinem ersten "virtuellen politischen Frühschoppen" mit Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer zu kämpfen. Neben kleineren Tonproblemen am Anfang auf Youtube gab es zwischenzeitlich einen Ausfall des Streams bei Facebook, sodass die ersten Minuten der Scheuer-Rede dort nicht zu sehen waren. "Entschuldigung für die Störung - Stream ist wieder online!" schrieb der CSU-Kreisverband kurz darauf auf seiner Facebook-Seite.

Scheuer sprach angesichts des ungewohnten Formats von einem Experiment und Wagnis, stellte der CSU und sich selbst aber am Ende ein exzellentes Zeugnis aus: "Die Veranstaltung war grandios." Einzig eine weitere Partei sei dieses Wagnis eingegangen, alle anderen politischen Mitbewerber hätten sich "ja virtuell verabschiedet", spottete Scheuer über Grüne, SPD, AfD und FDP. "Wenn man nichts ausprobiert, kann man auch keine Erfahrungen sammeln."

Scheuer: Viel Lob für Parteichef Söder

Reichlich Lob äußerte Scheuer für seinen Parteichef: "Markus Söder ist Taktgeber in Deutschland und das macht mich stolz." Für seinen Kurs in der Corona-Krise habe der bayerische Ministerpräsident höchste Zustimmungswerte in Deutschland. Umgekehrt gab es dagegen zuletzt wenig Lob, im Gegenteil: Anfang August nannte Söder das Chaos um den Bußgeldkatalog im Straßenverkehr "sehr ärgerlich", die von Scheuers Ministerium verantwortete Gesetzesnovelle sei "schlecht gelaufen".

Scheuer wiederum nahm seinen Parteichef heute auch in einem anderen Punkt in Schutz: Für die Debatte über Pannen bei den Corona-Tests in Bayern zeigte der Bundesminister kein Verständnis. Zehntausende Tests seien gut gelaufen, und es werde "über vielleicht 40, 46, 90 Tests" geredet, "die vielleicht nicht so gut gelaufen sind", sagte Scheuer. "Es ist so typisch deutsch."

Vergangene Woche war bekannt geworden, dass rund 10.000 Getestete ihre Ergebnisse verspätet bekommen hatten. Eine weitere Panne hatte es schon Mitte August gegeben.

Scheuer: Kritik an CSU gehört "scheinbar zum guten Stil"

Die erwarteten Attacken auf den politischen Gegner hielten sich zwar in Grenzen, die eine oder andere kritische Bemerkung kam von Scheuer aber doch. Die FDP habe sich vom bürgerlichen Lager entfernt, beklagte er. Die Grünen liebäugelten zwar mit der Union, angesichts der Unterschiede in der Wirtschafts- und Verkehrspolitik wäre ein solches Bündnis dem Minister zufolge aber riskant. Und die SPD träume von einer Koalition ohne Union.

Daher rechnet Scheuer für seine Partei mit einer schwierigen Bundestagswahl. Zwar stehe die Union in Umfragen gut da, aber die Zeit bis zur Wahl sei noch verdammt lang. "2021 haben wir eine Bundestagswahl, da wird die Losung sein: alle gegen CDU und CSU."

Auch die Kritik an sich selbst führte Scheuer indirekt auf seine Parteizugehörigkeit zurück: "Natürlich wirst du kritisiert - als CSU-Politiker sowieso." Als CSU-Verkehrspolitiker und Bundesminister noch mehr. In der "Berliner Blase" gehöre es "scheinbar zum guten Stil, einfach mal einen CSUler zu kritisieren".

Nur wenige Zuschauer

Als Scheuer am Ende seiner Rede der "virtuellen Welt für das Zuschauen und Zuhören" dankt, sahen das via Youtube 90 und auf Facebook 22 Menschen. In der Spitze waren es insgesamt rund 150 Zuschauer auf den beiden Kanälen, teilweise aber auch nur etwas mehr als 70.

Auch bei den Freien Wählern war das Live-Publikum recht überschaubar - mit durchschnittlich 70 bis 80 Zuschauern bei Youtube und Facebook zusammen.

Grüne wollten kein "inszeniertes Bierzelt"

Die bayerische Grünen-Vorsitzende Eva Lettenbauer verteidigte derweil die Entscheidung ihrer Partei, auf einen "digitalen Gillamoos" zu verzichten. "Ein politischer Gillamoos ist für uns eine Veranstaltung, die real vor Ort in Abensberg stattfinden sollte", sagte sie dem BR. Zwar setzen die Grünen laut Lettenbauer weiterhin auf digitale Formate, wie etwa virtuelle Parteitage – "aber eben nicht auf ein inszeniertes Bierzelt", betonte Lettenbauer.

Auch FDP, SPD und AfD in Bayern hatten sich gegen eine Online-Veranstaltung als Ersatz für die traditionellen Reden auf dem niederbayerischen Volksfest entschieden.

Kabarettist Wolfgang Krebs, der selbst jahrelang beim Gillamoos auftrat und dort in Politiker-Rollen schlüpfte, zeigte sich mit Blick auf virtuelle Bierzeltreden ebenfalls skeptisch: "Der Gillamoos lebt ja auch von diesem Zauber der Reaktionen des Publikums", sagte er auf Bayern 2. "Deswegen kann ich mir die Digitalisierung in diesem Bereich nur schwer vorstellen."

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Technische Probleme beim Livestream

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