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Kommunalwahlen

Gillamoos-Bilanz: Routine für Söder, Premiere für Kühnert | BR24

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Auf dem politischen Frühschoppen beim Gillamoos sind die Spitzenpolitiker aller Parteien in den Bierzelten rhetorisch in die Vollen gegangen. Ein Best of der "Sprüche".

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Gillamoos-Bilanz: Routine für Söder, Premiere für Kühnert

Grüne als "Kiffer", die CSU als Testosteron-Partei: Beim Gillamoos wurden die politischen Gegner wie gewohnt heftig abgewatscht. Vorrangig ging es aber um die jüngsten Landtagswahlen. Eine Analyse.

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Abensberg und Dresden trennen 280 Kilometer Luftlinie, von Abensberg nach Potsdam sind es 407 Kilometer. Gefühlt aber war die Kleinstadt in Niederbayern an diesem Montag deutlich näher an Sachsen und Brandenburg – jedenfalls in den Bierzelt-Reden beim Politischen Frühschoppen am Gillamoos. Denn neben Bier, Hendl und Sticheleien gegen die Konkurrenz gab es dieses Mal vor allem Interpretationen der jüngsten Landtagswahlen.

Dabei war CSU-Chef Markus Söder in der angenehmen Situation, kein Ergebnis seiner eigenen Partei bewerten zu müssen – weil die Christsozialen bekanntlich in keinem anderen Bundesland zur Wahl stehen. Und so nutzte Söder seine Rede vor allem, um GroKo-Partner SPD in die Pflicht zu nehmen. Tenor: Die Sozialdemokraten müssten endlich den Stillstand beenden und dürften sich nicht länger mit sich selbst beschäftigen.

Kühnert: Söder kann vor Kraft kaum gehen

Das sahen die Sozialdemokraten ein Zelt weiter naturgemäß ganz anders. Hauptredner war hier Juso-Chef Kevin Kühnert. Er betonte, dass die SPD trotz Verlusten stolz auf ihr Ergebnis in Brandenburg sein könne, wo man stärkste Kraft geblieben war. In Richtung CSU erklärte Kühnert, Ministerpräsident Söder könne derzeit vor Kraft nicht mehr gehen – "ein paar Monate, nachdem er minus zehn Prozent bei der Landtagswahl geholt hat".

Mehrmals warnte Kühnert in seiner Rede nachdrücklich vor der AfD - man dürfe nicht hinnehmen, das "ordentliche Neonazis in diesem Land wieder für Parlamente kandidieren und gewählt werden". Adressat dieser Worte dürfte vor allem der Brandenburger AfD-Spitzenkandidat Andreas Kalbitz gewesen sein. Söder dagegen ging vergleichsweise kurz auf die AfD ein. Die Partei sei "nicht der Stammtisch einsamer Konservativer", sagte der CSU-Chef - und ergänzte: "Franz Josef Strauß hätte die AfD aufs Messer bekämpft - und genau das machen wir auch."

Routine für Söder, Premiere für Kühnert

Während Söder einen routinierten Auftritt abspulte, feierte Kühnert seine persönliche Bierzelt-Premiere – und das in einem dieses Jahr gut besuchten und stimmungsvollen Zelt. Schon in der Anmoderation war der Juso-Chef euphorisch begrüßt worden, mit den Worten: "Er ist jemand, der dieser Partei wieder Leben einhaucht." Dass Kühnert eben erst seinen Verzicht auf eine Kandidatur für den Parteivorsitz verkündet hat? - Sorgte bei vielen SPD-Anhängern am Gillamoos für Enttäuschung und Wehmut. Kühnert selbst ging in seiner Rede nicht erneut auf seine Beweggründe ein.

Aiwanger: Grüne sind "Kiffer-Partei"

Anders als für den Berliner Kühnert ist das Volksfest bei Abensberg für Freie Wähler-Chef Hubert Aiwanger traditionell ein Heimspiel, denn der elterliche Bauernhof liegt keine 30 Kilometer entfernt. Aiwanger attackierte in seiner diesjährigen Rede besonders die Grünen. Es handle sich um eine "Kiffer-Partei", deren Ideologen man stoppen müsse, bevor sie noch mehr Unheil anrichteten. Und weiter: "Die haben häufig noch nie eine echte Sau gesehen, höchstens ein Marzipanschweinchen."

Im vergangenen Jahr hatte Aiwanger noch vor allem gegen die CSU gewettert - mit denen die Freien Wähler aber seit vergangenem Herbst die bayerische Staatsregierung bilden. Aiwanger lobte nun die bisherige Zusammenarbeit und ergänzte optimistisch: "Vielleicht schaffen wir es künftig irgendwann ohne Koalitionspartner. Aber jetzt, in der Übergangszeit, brauchen wir halt die CSU."

Schulze: "Im Landtag trieft es vor Testosteron"

Und die von Aiwanger derart attackierten Grünen? Die machen auf dem Gillamoos immer ein Stück weit ihr eigenes Ding, was sich schon an der Ortswahl (Wein- statt Bierzelt) zeigt. Die bayerische Grünen-Fraktionschefin Katharina Schulze sprach unter anderem über Gleichberechtigung. "Wir Frauen wollen auch die Hälfte der Macht", erklärte sie. Und mit Blick auf den Bundestag und den Bayerischen Landtag sagte Schulze: "Dort trieft es vor Testosteron!" Söders neue Umweltpolitik hält Schulze für nicht glaubwürdig.

Anders als die Grünen blickte die FDP an diesem Montag auf einen unerfreulichen Wahlabend zurück. Weder in Sachsen noch in Brandenburg gelang der Einzug in den Landtag. "MIst" seien die Ergebnisse, sagte einer der rund 70 Zuschauer. Der niedersächsische FDP-Generalsekretär Konstantin Kuhle erklärte mit Blick auf die AfD, man rede von morgens bis abends "über eine braune Truppe" - und kümmere sich nicht um die Wirtschaftspolitik. Soli-Abschaffung für alle, Digitalisierungs-Offensive, keine Mietpreisbremse - das sind laut Kuhle zentrale Forderungen der Liberalen.

AfD: Sichert beobachtet "Multikulti-Wahn"

Bleibt die von Kuhle, Kühnert, Söder und anderen Rednern angesprochene AfD, die in Sachsen und Brandenburg mit deutlich Zuwächsen jeweils zweitstärkste Kraft geworden ist. Hier erklärte Landeschef Martin Sichert, dass die AfD in Sachsen mehr Stimmen bekommen habe als Linke, Grüne und SPD zusammen. Nicht nur in Berlin, sondern auch in Bayern beobachtet Sichert einen "Multikulti-Wahn". Der AfD-Bundestagsabgeordnete Gottfried Curio wiederum attackierte vor allem Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) für ihre Flüchtlingspolitik.

Übrigens: Während fast alle Redner über bereits vergangene Landtagswahlen sprachen, ging es bei der Linkspartei um einen Wahltermin in der Zukunft. Denn Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow tritt in wenigen Wochen (27. Oktober) zur Wiederwahl an - und äußerte sich am Gillamoos trotz schlechter Ergebnisse seiner Ost-Kollegen optimistisch. Thüringen sei ein starkes Bundesland.

In Bierzelten jedenfalls, das weiß auch Ramelow, wird das Ergebnis der Thüringer Landtagswahl sicher nicht derart prominent erörtert werden. Der Grund ist denkbar simpel: Das nächste Frühschoppen am Gillamoos ist erst in ziemlich genau einem Jahr.

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Der Gillamoos ist einer der ältesten Jahrmärkte in Niederbayern. Am letzten Tag des fünftägigen Festes treten traditionell Spitzenpolitiker parallel in Bierzelten auf. Es ist das größte Politikspektakel in Niederbayern.

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Politischer Schlagabtausch beim Gillamoos