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Bildrechte: BR/Julia Müller

Mobbing, Schläge, Kinderpornografie - solche Fotos und Videos finden sich auf immer mehr Handys von Schülern. In vielen Fällen handelt es sich dabei um strafbare Inhalte. Den Jugendlichen ist das oft gar nicht bewusst.

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Gewaltvideos in Schulchats: Kampagne gegen "Handy als Waffe"

Mord, Vergewaltigung, Kinderpornografie: Solche Videos kursieren schon bei Minderjährigen. Viele Kinder und Jugendliche wissen nicht, wie schnell sie sich strafbar machen. Eine Präventionskampagne des bayerischen Justizministeriums soll aufklären.

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Von
  • Jasmin Brock
  • Irene Esmann

Eine neue Nachricht im Klassen-Gruppenchat, ein Video wird geteilt: Noch bevor es geöffnet wird, ist es schon auf dem Smartphone gespeichert. Darunter nicht immer nur Harmloses, sondern auch kinderpornografische Aufnahmen, Gewaltvideos oder andere strafbare Inhalte. Laut bayerischem Justizministerium wird das Problem immer größer. Über Social Media oder in Chatgruppen würden solche Videos von Schülern und Schülerinnen selbst verbreitet.

Immer mehr minderjährige Täter im Bereich Kinderpornografie

Laut polizeilicher Kriminalstatistik werden immer mehr Minderjährige verdächtigt, Kinderpornografie zu verbreiten: Seit 2018 hat sich die Zahl in Deutschland verfünffacht - von damals 1.373 Fällen auf 7.643 im vergangenen Jahr. Das bayerische Justizministerium geht von einer hohen Dunkelziffer aus. Auch für den Freistaat hat das Justizministerium Daten herausgegeben: Die Zahl der Jugendlichen, die wegen Verbreitung, Erwerb und Besitz kinderpornografischer Inhalte verurteilt wurden, ist gestiegen. Nach der bayerischen Strafverfolgungsstatistik waren es 2019 doppelt so viele wie 2018, nämlich 39 statt 18.

Neue Kampagne: "Mach dein Handy nicht zur Waffe"

Für die Präventions-Kampagne "Mach dein Handy nicht zur Waffe" haben das bayerische Justiz- und das Kultusministerium nun selbst ein Video produziert: zusammen mit dem erfolgreichen TikToker Falco Punch. Zwar werden Schülerinnen und Schüler auch im Unterricht über die Problematik informiert und aufgeklärt. Für Bayerns Justizminister Georg Eisenreich (CSU) aber ist wichtig, die Jugendlichen dort anzusprechen "wo sie sich aufhalten und die Straftaten passieren - im Netz", so Eisenreich. Er findet: "das Video ist ja auch wirklich toll geworden".

Heimliche Aufnahmen sind "kein Witz"

Im dem düsteren Video bewegt sich Falco Punch durch eine Schule im Look einer amerikanischen High-School und spricht die Zielgruppe Schüler und Schülerinnen direkt an – um abzuschrecken. Mit schnellen Schnitten und Blenden inszeniert er sein Handy als potenzielle Waffe. Er lässt sich für das Video in Handschellen abführen oder posiert als Häftling. Das soll deutlich machen, dass das Weiterschicken von Videos, die Gewalt oder Vergewaltigungen zeigen, strafbar ist. Genau wie "Hetze, Hass und Hakenkreuze", so der Influencer im Video. Auch Mobbing oder das heimliche Aufnehmen und Verschicken von Nacktfotos ist laut Punch "kein Witz, Leute", sondern strafbar. Bei der Vorstellung der Kampagne sagte Punch, er habe selbst Mobbing übers Handy oder Smartphone in seiner Schulzeit erlebt. Nun wolle er "etwas Gutes tun" und seine Reichweite in der "Community" nutzen, um über etwas aufzuklären, was "allgegenwärtig" sei.

Justizminister Georg Eisenreich (CSU) sagte, dass Kinder sich der Dimension ihres Handelns nicht bei allen Inhalten bewusst seien: "Viele wissen nicht, dass bereits der Besitz von Kinderpornografie strafbar ist." Als Minister wolle er mit der Kampagne Opfer vor Straftaten und Schüler und Schülerinnen vor Strafverfahren schützen und einen Beitrag zur Gewaltprävention leisten.

Was ist strafbar?

Laut Strafgesetzbuch ist die Herstellung und Verbreitung von Medien verboten, die grausame oder unmenschliche Gewalttätigkeiten zeigen. Bestraft wird auch, wer solche Videos Kindern und Jugendlichen schickt – auch wenn es im Privatchat und nicht öffentlich passiert. Ebenfalls strafbar macht sich, wer Pornografie Minderjährigen anbietet, überlässt oder zugänglich macht. Das gilt auch für Minderjährige als Absender: Wenn sie Pornografie oder Gewaltvideos zum Beispiel an Mitschüler weiterschicken, machen sie sich strafbar.

Schon Besitz von Kinderpornografie ist verboten

Bestraft werden kann der Täter oder die Täterin ab einem Alter von 14 Jahren. Bei Kinderpornografie ist schon der Besitz verboten: Denn Besitz, Erwerb und Verbreitung von Kinderpornografie ist eine Straftat – ein einzelnes Video auf dem Handy reicht schon aus.

Was Kinder tun können, wenn sie Gewaltvideos bekommen

Was tun, wenn man Videos oder Fotos zugeschickt bekommt, auf denen Gewalt zu sehen ist? "Auf keinen Fall weiterschicken, sondern löschen und sich jemandem anvertrauen", rät Daniela Riedel vom Kinderschutzbund Bayern. Wenn man Inhalte zur Anzeige bringen will, sei das mit dem Löschen natürlich schwierig – in jedem Fall sollten sich Kinder und Jugendliche dann aber mit Lehrern und Lehrerinnen, Eltern oder Sozialarbeitern besprechen.

Als Zuständige für den Fachbereich Medienkompetenz beim Kinderschutzbund in Bayern kennt Riedel das Problem der Videos aus der Praxis. Sie erzählt von einem Jungen, der einen Messenger-Sticker in den Klassenchat gepostet hat – mit kinderpornografischem Inhalt. Im einberufenen Elternabend kam heraus, dass er den Sticker selbst in einer Gaming-Community geschickt bekommen hatte.

Warum werden Gewaltvideos weitergeschickt?

Daniela Riedel vom Kinderschutzbund berichtet: "Der eine verbreitet es, weil er es cool findet, der Nächste, weil er sich erschreckt und sagt: Krass, hast du sowas schon mal gesehen?" Dass die Zahlen von strafrechtlich relevantem Inhalt und minderjährigen Verbreitern steigen, wundere sie nicht. Es gebe immer mehr Möglichkeiten, Inhalte zu teilen – und die Zeit am Smartphone sei in der Pandemie vermutlich auch gestiegen.

Trotzdem erwartet Riedel keine heranwachsende Generation von gefährlichen Straftätern: Wenn sie anspricht, welches Leid die Opfer auf Videoaufnahmen erfahren haben, merkt sie oft "echte Betroffenheit" und Einsicht.

Falco Punch wird Video auf Instagram-Kanal teilen

Das zweieinhalbminütige Video "Mach dein Handy nicht zur Waffe" des Justiz- und des Kultusministeriums ist seit der offiziellen Vorstellung auf der Webseite der Kampagne zu finden. Damit es möglichst viele Schüler und Schülerinnen erreicht, wollen die Ministerien es auf Social Media verteilen. Falco Punch wird es beispielsweise auf seinem eigenen Instagram-Kanal teilen. Zusätzlich werden Plakate in Schulen aufgehängt.

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