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Gewalt-Vorwürfe gegen Sicherheitsdienst im Ankerzentrum Bamberg | BR24

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Schläge auf die Hände, Pfefferspray ins Gesicht, Tritte auf einen am Boden liegenden Menschen. Über Security-Mitarbeiter im Ankerzentrum Bamberg gab es massive Beschwerden. Waren die Übergriffe systematisch? Von Michael Olmer

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Gewalt-Vorwürfe gegen Sicherheitsdienst im Ankerzentrum Bamberg

Schläge auf die Hände, Pfefferspray ins Gesicht, Tritte auf einen am Boden liegenden Menschen. Über Security-Mitarbeiter im Ankerzentrum Bamberg gab es massive Beschwerden. Waren die Übergriffe systematisch?

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In einer Whats-App-Gruppe von Sicherheitskräften des Ankerzentrums Bamberg, damals noch Aufnahmeeinrichtung Oberfranken, fallen im September und Oktober 2017 Sätze wie diese:

"Und gerade hab ich ein Senegalesen gelegt."

Und:

"Wir sind uns einig, der 'Nigga' hat keine Rechte."

Die Gruppe nennt sich "Sons of Odin" - der Name weckt deutliche Assoziationen zur rechten Szene, und ist im Fall der Mitglieder des Chats wohl auch von dort inspiriert. Manche der Chatinhalte hängen auf den Tag genau mit Übergriffen vom 27. September 2017 zusammen - und nehmen auf diese sogar direkt Bezug.

Gewalt-Vorwürfe: Mehrere Verfahren gegen Security-Personal

Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes standen damals im Verdacht, mehrere schwere Übergriffe auf Flüchtlinge in der Aufnahmeeinrichtung Bamberg verübt zu haben. Betroffen: vor allem schwarze Bewohner. Kriminalpolizei und Staatsanwaltschaft Bamberg ermittelten in mehreren Fällen.

Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes hatten damals gegen eigene Kollegen Anzeige erstattet. Jedoch wurden die Verfahren eingestellt. Derzeit wird im Zusammenhang mit der Eskalation der Gewalt in der Nacht vom 10. auf den 11. Dezember 2018 ermittelt - nicht nur gegen Flüchtlinge, sondern auch gegen Sicherheitspersonal.

Vertuschungsversuche?

Der Berliner Strafrechtler Benjamin Düsberg vertritt einen Senegalesen, den die Staatsanwaltschaft noch heute wegen eines Vorfalls in der Kantine vom 5. September 2017 als Angreifer beschuldigt. Anwalt Düsberg sagt, sein Mandant habe nichts gemacht. Der Senegalese sei dazugekommen, als gerade ein Einsatz gegen einen anderen Bewohner eskaliert sei.

"Mein Mandant wollte helfend eingreifen und als er schon nur auf dem Weg dahin war, nur um die Securities anzusprechen, was sie denn da machen mit dem Herrn, kam ein weiterer Security von hinten, hat ihm Pfefferspray ins Gesicht verabreicht und der wurde dann später wehrlos auch noch geschlagen." Benjamin Düsberg, Rechtsanwalt

Düsberg wirft Teilen des Sicherheitspersonals im Ankerzentrum Bamberg vor, Bewohner der Aggression zu beschuldigen, um eigene gewaltsame Übergriffe zu rechtfertigen.

Ex-Security-Mitarbeiter belasten Kollegen

Die Vorwürfe gegen die Security-Mitarbeiter kommen aber nicht nur von Flüchtlingen, sondern auch von eigenen Kollegen. Sieben ehemalige Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes der Bamberger Einrichtung haben mit dem BR geredet. Ihre Namen wollen sie nicht öffentlich nennen, aber ihre Schilderungen haben sie vor laufendem Mikro abgegeben.

Einer beschreibt etwa Vorfälle bei Taschenkontrollen am bewachten Eingangstor. Schon, wenn ein der deutschen Sprache nicht mächtiger Bewohner mit den Händen gestikulierte, hätten sich einzelne seiner Kollegen nicht um Verständigung bemüht, sondern zugeschlagen.

"Sie schlugen mit der flachen Hand, wie bei einer Ohrfeige, nur eben auf die Hände, klatschten sie nach unten. Und nach so paar Mal waren die Flüchtlinge angefressen, dann haben die vom Sonderteam sie gepackt und zu Boden gebracht. Und wenn ein Bewohner dann unten lag, haben sie den noch geschlagen." Ex-Security im Ankerzentrum Bamberg

Die Kollegen, um die es bei derartigen Schilderungen ging, waren Mitgliedern einer Sondereinheit innerhalb des Sicherheitsdienstes. Und bei Schlägen auf die Hände ist es offenbar nicht geblieben.

Parallelstrukturen: Machtmissbrauch und grundlose Gewalt durch Sondereinheit

Seit Sommer 2017 steht das Personal unter der Leitung der Firma "Fair Guards Security", die auch Subunternehmen beschäftigt. Damals, so schildern es die ehemaligen Mitarbeiter, sei eine Sondereinheit entstanden, die immer wieder zu Machtmissbrauch tendiert und grundlos Gewalt eingesetzt habe: in Zimmern und an den beiden heikelsten Orten in einer Flüchtlingsunterkunft, am Gate und in der Kantine.

Der Sondereinheit gehörten offenbar auch die "Sons of Odin" an, die sich in einer WhatsApp-Gruppe gegenseitig aufgestachelt und gegen Flüchtlinge gehetzt hatten. Sie mussten im Zuge der damaligen Ermittelungen die Einrichtung verlassen.

Vorgesetzter des gesamten Sicherheitsteams sowie der Sondereinheit ist seit Sommer 2017 ein Bereichsleiter, dem nach Angaben ehemaliger Mitarbeiter im Jahr 2018 erneut eine Sondereinheit unterstanden hat.

Zusammenhang zu Eskalationen vom 11. Dezember 2018?

Überhaupt soll der Bereichsleiter selbst Stimmung gegen Bewohner gemacht und zu hartem Vorgehen animiert haben. Wer sich gegen seinen Kurs stellte, musste gehen - so schildern es alle sieben Ex-Mitarbeiter, die mit dem BR geredet haben. "Der hat ständig Leute gemobbt und gemeint, wenn die Leute ihren Job behalten wollten, dann sollen sie auf Linie bleiben", sagt einer, der gehen musste.

Hatten die Hierarchie- und Parallelstrukturen des Sicherheitsdienstes des Ankerzentrums Bamberg Einfluss auf die Eskalation von Anfang Dezember letzten Jahres? Ehemalige Mitarbeiter äußern Vermutungen in diese Richtung, belegen lassen sich diese nicht. Mehrere Menschen wurden damals verletzt, auch Polizeibeamte wurden angegriffen, eine Wohnung geriet in Brand. Fünf Monate später sind die Ermittlungen noch nicht abgeschlossen. Vier Asylbewerber sitzen in Untersuchungshaft. Doch die Staatsanwaltschaft ermittelt auch gegen zwei namentlich bekannte Sicherheitsleute.

Zuständiger Wachdienst will sich nicht weiter äußern

Was sagt der für die Sicherheit in der "Anker"-Einrichtung zuständige Wachdienst? Er könne die Vorwürfe aus den Reihen der Ex-Mitarbeiter "nicht bestätigen", antwortet Stefan Ketterer, Chef der Firma Fair Guards Security, auf Anfrage des Bayerischen Rundfunks schriftlich und knapp. Auch der Bereichsleiter will sich nicht zu den Vorwürfen äußern.

Das Unternehmen verweist für weitere Fragen an den Betreiber des Ankerzentrums, die Regierung von Oberfranken. Diese erklärt auf Nachfrage, man reagiere entschieden auf Verdachtsmomente - zumindest nach Eintreten polizeilicher Ermittlungen.

"Die Regierung von Oberfranken lehnt Rassismus, aggressives Verhalten, Mobbing aufs Schärfste ab. Wird ein solches (angebliches) Verhalten eines Vertragspartners der Regierung angezeigt, zieht die Regierung umgehend entsprechende Konsequenzen. (...)" Stellungnahme Regierung von Oberfranken

Ermittlungen gegen Sicherheitsdienst: Regierung von Oberfranken lässt Zeugen abschieben

Einen Geflüchteten, der mehrere Übergriffe durch Security-Mitarbeiter in der Nacht zum 11. Dezember 2018 gesehen haben will, hat die Regierung von Oberfranken im Februar abschieben lassen, noch bevor es zu einer Zeugenvernehmung gekommen ist.

Man sei zuvor mit der Kriminalpolizei im Hinblick auf besagte Dezembernacht alle Personen durchgegangen, "gegen die ermittelt wurde/wird, bzw. die als Zeugen hätten befragt werden sollen." Gegen die Rückführung des betroffenen Asylbewerbers habe es keine Einwände gegeben. Die Staatsanwaltschaft äußert sich dazu unter Verweis auf aktuell noch laufende Ermittlungen nicht.