BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

NEU

Gewalt in Seniorenresidenz: Bewohnerin stirbt nach Übergriff | BR24

© BR

In der Seniorenresidenz Schliersee waren im Mai gravierende Mängel ans Licht gekommen. Das Landratsamt Miesbach wollte dem Betreiber noch eine Chance geben. Doch nun ist es zu einem gewaltsamen Übergriff gekommen - mit tödlichen Folgen.

Per Mail sharen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Gewalt in Seniorenresidenz: Bewohnerin stirbt nach Übergriff

In der Seniorenresidenz Schliersee waren im Mai gravierende Mängel ans Licht gekommen. Das Landratsamt Miesbach wollte dem Betreiber noch eine Chance geben. Doch nun ist es zu einem gewaltsamen Übergriff gekommen - mit tödlichen Folgen.

Per Mail sharen

In der Seniorenresidenz Schliersee ist es zu einem gewaltsamen Übergriff gekommen. Vor knapp zwei Wochen, am 25. Juli, soll ein dementer Bewohner auf eine andere Bewohnerin losgegangen sein. Er soll sie sexuell missbraucht und ihr schwere Verletzungen zugefügt haben. Die Bewohnerin wurde in ein Krankenhaus eingeliefert und ist nach BR-Informationen mittlerweile gestorben.

Staatsanwaltschaft prüft, wer verantwortlich ist

Das Polizeipräsidium Oberbayern Süd und die Staatsanwaltschaft München II haben dem BR den Vorfall bestätigt. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den mutmaßlichen Täter, den dementen Bewohner, wegen "versuchten Totschlags in Tateinheit mit Vergewaltigung und gefährlicher Körperverletzung".

Außerdem, so die Staatsanwaltschaft, prüfe man, ob weitere Personen für den Vorfall verantwortlich seien, etwa die Heimleitung oder Pflegepersonal. Das wäre zum Beispiel dann der Fall, wenn sich bei den Ermittlungen herausstellen würde, dass es zu Aufsichtsverstößen gekommen ist.

Zwar wurde laut Staatsanwaltschaft das Pflegepersonal auf den Vorfall aufmerksam, sei eingeschritten und habe Rettungskräfte alarmiert. Wie lange die Gewalttat gegen die Seniorin jedoch zuvor angedauert hatte, ohne dass das Personal eingeschritten ist, sei derzeit noch Gegenstand der Ermittlungen.

Missstände kamen nach Corona-Ausbruch ans Licht

Schon mehrfach sorgte die Seniorenresidenz für negative Schlagzeilen. Im April 2020 erkrankten erste Bewohner am Coronavirus. In der Folge musste die Unterkunft unter Quarantäne gestellt werden. Mitte Mai rückte die Bundeswehr an. Der Krisenstab des Landkreises hatte einen Amtshilfe-Antrag an die Bundeswehr gestellt, weil es dem italienischen Betreiber Sereni Orizzonti nicht mehr gelang, die Versorgung der Bewohner zu gewährleisten.

Drei Bewohner und eine Mitarbeiterin starben im Zusammenhang mit dem Coronavirus. Mitte Mai leitete die Staatsanwaltschaft München II Ermittlungen wegen vorsätzlicher Körperverletzung und Misshandlung von Schutzbefohlenen gegen die damalige Heimleiterin ein.

Debatte um Schließung der Unterkunft

Ende Mai, als die Bundeswehr die Einrichtung verließ, stand zur Debatte, das Heim zu schließen. Aber das Landratsamt, dem die Heimaufsicht, die sogenannte FQA – "Fachstelle für Pflege- und Behinderteneinrichtungen – Qualitätsentwicklung und Aufsicht" – untersteht, entschied sich dagegen.

Das Landratsamt schrieb in einer Pressemitteilung Ende Mai: "Der Betreiber konnte die hoch angesetzten Auflagen der Heimaufsicht nicht nur erfüllen, sondern teilweise sogar übererfüllen". Die geforderte Fachkräftequote läge sogar zehn Prozent über den gesetzlichen Vorgaben.

Personalsituation verschlechtert sich

Ehemalige Mitarbeiter berichten nun aber, dass sich die Personalsituation schon kurz darauf, seit Juni, wieder verschlechtert habe. Damals seien noch viele Freiberufler zur Unterstützung vor Ort gewesen, sagt Sylvia Schäfer, die damalige Interims-Qualitätsmanagerin, im BR-Interview. Diese seien dann aber nach und nach durch wenig qualifizierte Mitarbeiter ausgetauscht worden, die teilweise kaum Deutsch sprechen würden.

Das Landratsamt Miesbach schreibt dem BR, die Personalfachkräftequote werde aktuell "geringfügig unterschritten, Neueinstellungen sind jedoch bereits absehbar." Bei mehreren ausländischen Pflegefachkräften laufe aktuell das Anerkennungsverfahren als Pflegefachkraft in Deutschland.

Pflegekritiker: Personalmangel ist ein Problem

Mehrere ehemalige Mitarbeiter der Seniorenresidenz erheben jetzt schwere Vorwürfe. Sie sehen in der aktuellen Personalsituation einen Grund dafür, dass es zu einem Vorfall wie vor zwei Wochen kommen konnte. Wenn demente Bewohner nicht ausreichend betreut würden, dann könnte der "unauffälligste Bewohner übergriffig werden", sagt Schäfer.

Ähnlich sieht das auch der ehemalige Heimleiter und Buchautor Armin Rieger aus Augsburg. Es sei immer das gleiche Problem, sagte er dem Bayerischen Rundfunk. In vielen Heimen herrsche Personalmangel: "Und wenn ich zu wenig Personal habe, dann passieren eben solche Dinge." Man könne davon ausgehen, dass eine Frau, die mutmaßlich vergewaltigt und schwer misshandelt wurde, geschrien habe. "Wenn das über eine Zeit niemand in dem Heim mitbekommen hat, dann ist das ein Zeichen der personellen Unterbesetzung."

Seit kurzem hat die Seniorenresidenz Schliersee einen neuen Heimleiter. Auf BR-Anfrage äußert er sich bis Redaktionsschluss nicht zu den Vorwürfen.

Landratsamt will weiterhin kontrollieren

Das Landratsamt Miesbach schreibt dem BR, in den vergangenen Wochen seien Mitarbeiter der Heimaufsicht mehrmals pro Woche unangekündigt vor Ort gewesen. Dabei habe man die Pflege und die Versorgung der Bewohner geprüft, zum Beispiel, ob die Bewohner "gekämmt, gewaschen, gewickelt" seien oder ob Wunden versorgt seien. Auch die Anzahl und die Qualifikation des Personals seien Teil der Kontrollen.

Das Landratsamt betont, die Versorgung der Bewohner sei derzeit sichergestellt. Gleichzeitig räumt die Behörde ein, dass zwar viele Mängel behoben seien, bei einigen bestehe jedoch noch Verbesserungsbedarf.

Zu dem gewaltsamen Übergriff auf die Seniorin schreibt das Landratsamt, man nehme dies sehr ernst und zum Anlass, "die engmaschige Überwachung der Einrichtung trotz zwischenzeitlich eingetretener Verbesserung der pflegerischen Situation bis auf Weiteres fortzuführen".

"Darüber spricht Bayern": Der neue BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!