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Die mittelfränkische Stadt Ansbach hat einen Anstieg von häuslicher Gewalt festgestellt. Im Vergleich zum Vorjahr ist die Gewaltbereitschaft um 20 Prozent gestiegen. Dafür gibt es viele Gründe wie finanzielle Existenzängste oder Lockdowns.

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Gewalt in Familien: Jugendamt Ansbach vermutet hohe Dunkelziffer

Die Corona-Pandemie verschärft häusliche Krisen. Beispiel Landkreis Ansbach: Im Bereich der innerfamiliären Gewalt sind die Zahlen 2020 um rund 20 Prozent gestiegen. Das Ansbacher Jugendamt vermutet bei Kindeswohlgefährdungen eine hohe Dunkelziffer.

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Von
  • Laura Grun

11.30 Uhr im Jugendamt Ansbach. Andreas Herbolsheimer hat heute Bereitschaftsdienst. Seit zwei Jahren arbeitet der studierte Sozialpädagoge im Jugendamt. Nach nur wenigen Minuten klingelt das Telefon. Ein Nachbar hört Schreie aus einer angrenzenden Wohnung. Eheleute scheinen zu streiten, Geräusche, die wie Schläge klingen, sind wahrzunehmen, und Kinder weinen.

Detailliert nimmt Herbolsheimer die Schilderungen des anonymen Anrufers auf, stellt Rückfragen, ob sich solch ein Szenario schon häufiger abgespielt hat, ob er auch etwas gesehen oder nur gehört hat und notiert sich anschließend die Kontaktdaten.

Gewalt in der Familie nimmt zu

Anrufe wie dieser kämen in den vergangenen Monaten immer häufiger vor, sagt Herbolsheimer. Es könne zwar sein, dass sich an einem Tag kein einziger Anrufer melde – am nächsten würden aber wiederum gleich mehrere Meldungen aufgenommen, dass beobachtet wurde, wie Kinder geschlagen werden oder es zu gewalttätigen Angriffen zwischen Ehepartnern kommt. Mal seien es Nachbarn, Polizeibeamte, aber auch die Kinder selbst, die sich an das Jugendamt wenden und Herbolsheimer in der Bereitschaft erreichen.

Diese gefühlte Zunahme belegt auch die Statistik. Vergleicht man die Zahlen aus den Jahren 2019 und 2020 fällt auf: Gewalt in Familien ist im Landkreis Ansbach um 20 Prozent gestiegen. Den Grund für den deutlichen Anstieg sieht Jugendamtsleiterin Elisabeth Sonntag auch in der Corona-Krise.

"Durch die Pandemie und die Einschränkungen ist der Druck auf die Familien gewachsen. Da, wo es schon vor der Pandemie Belastungen in den Familien gab, wurden diese verstärkt. Aber auch andere Familien kamen zunehmend an die Belastungsgrenzen." Elisabeth Sonntag, Jugendamtsleiterin Landkreis Ansbach

Weniger Kindesmissbrauch und Vernachlässigung in Statistik

Frust im Homeschooling, beengter Wohnraum, Kurzarbeit und Existenzangst – all das seien mögliche Auslöser für innerfamiliäre Gewalt, sagt Sonntag. Rückläufig in der Statistik seien dagegen die Zahlen der gemeldeten Verdachtsfälle von Kindeswohlgefährdungen. Dazu zählen Vernachlässigung, seelische und körperliche Misshandlung sowie sexueller Missbrauch. Im Corona-Jahr 2020 sei die Gesamtzahl der Verdachtsmeldungen im Landkreis Ansbach um 19 auf 133 Kindeswohlgefährdung gesunken.

Trotz rückläufiger Zahlen hohe Dunkelziffer vermutet

Im Vergleich mit 2019 zeigt ein genauer Blick auf die Art der Kindeswohlgefährdung, dass der Rückgang jedoch ausschließlich im Bereich von Vernachlässigung und Misshandlung beobachtet werden konnte. Vor allem in den ersten Wochen nach Beginn des Lockdowns im Frühjahr 2020 seien die Meldungen stark rückläufig gewesen, dieser Trend zeige sich auch bundesweit, so Sonntag weiter.

Grund für diesen Rückgang könnte der fehlende Kontakt zu Schulen und Kitas sein. Durch Wechsel- oder Distanzunterricht oder gar komplette Schließungen von Schulen und Kindertagesstätten würden zuverlässige Melder solcher Vergehen wie Lehrer oder Erzieherinnen wegfallen. Fehlen diese wichtigen Institutionen, die ansonsten Kinder und Jugendliche im Blick haben, werden laut Sonntag auch Vernachlässigung und Misshandlung weniger sichtbar. Daher vermuten die Experten im Jugendamt Ansbach eine hohe Dunkelziffer und keine tatsächliche Verbesserung der Situation der Kinder.

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