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Mann schimpft Mädchen (Symbolbild)

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    Gewalt gegen Kinder: Böses Erwachen zum Schulstart?

    Schon lange wird vermutet, dass Kindeswohlgefährdungen während der Pandemie stark zugenommen haben. Laut dem bayerischen Landesjugendamt gibt es bislang zwar nicht mehr Fälle - mit den Schulöffnungen nach Pfingsten könnte sich das Bild aber ändern.

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    Von
    • Andreas Herz

    Tanja Dachs, eine schlanke Frau mit kurzen roten Haaren, rückt ihren Stuhl vor ein Regal voller Spielsachen. In diesem Raum des Augsburger Jugendamts können Beraterinnen spielerisch mit Kindern eine Beziehung aufbauen, wenn es Gesprächsbedarf gibt. Den könnte es demnächst mehr denn je geben, fürchtet die Augsburger Sozialpädagogin.

    Sozialpädagogin: "Ich erwarte eine Welle"

    "Wenn wir aufmerksam sind, erwarte ich eine Welle an Kindeswohlgefährdungen", sagt Dachs. Schon jetzt landen Fälle aus dem Lockdown bei ihr. Lehrerinnen oder Ärzte können sich anonym an sie wenden, wenn sie eine Kindeswohlgefährdung vermuten: "Einmal hatte ein Kind ein Hämatom unter dem Auge und der Laptop war so gedreht, dass die Kamera nur das halbe Gesicht aufgenommen hat. Das Schlimmste ist, was man nicht sieht. Wenn Eltern sagen: 'Du bist der letzte Dreck. So etwas wie dich haben wir nicht gebraucht.'"

    Der Bub, der seine Mutter vor Schlägen schützen will

    Das Spektrum an beobachteten Kindeswohlgefährdungen geht jedoch darüber hinaus, berichtet Dachs: "Wenn Kinder Beschützer- oder Versorger-Rollen übernehmen." An eine Beratung erinnert sie sich besonders. "Da ging es um einen Sechsjährigen, der immer heim wollte. Und dann ist rausgekommen, dass der Vater massiv die Mutter schlägt - und er die Mama beschützen wollte. Er muss sie ganz fest umarmen, damit der Papa nicht zuschlägt." Dachs betont, wie gravierend die Folgen sind: "Wenn sie sich überlegen, was das für eine Bürde, ein Rucksack ist, den dieses Kind trägt. Unvorstellbar."

    Überraschende Zahlen vom Landesjugendamt

    Schon lange wird vermutet, dass solche Kinder-Schicksale in der Pandemie stark zugenommen haben – bedingt durch Stress, Isolation oder berufliche Sorgen der Eltern. Laut dem bayerischen Landesjugendamt gibt es bislang allerdings nicht mehr Kindeswohlgefährdungen als sonst. Sind die Pandemie-Folgen also doch nicht so schlimm wie befürchtet?

    Britta Ortwein-Feiler, Leiterin der Beratungsstelle der Katholischen Jugendfürsorge in Cham, sieht das anders. "Man geht davon aus, dass es ein großes Dunkelfeld gibt", betont sie. "Es gibt ja Aussagen von Experten, dass wenn die Schulen wieder komplett in den Präsenzunterricht wechseln, die Kitas aufmachen, dass es dann mit Sicherheit zu einer steigenden Zahl kommt, weil man die Kinder wieder vor sich hat und dann auch erkennt, wenn Kinder belastet sind."

    Einige Landkreise melden steigende Zahlen

    BR-Recherchen zeigen, dass in einigen bayerischen Landkreisen die Kindeswohlgefährdungen bereits gestiegen sind. Das Jugendamt Fürth schreibt etwa von einer "signifikanten Zunahme häuslicher Gewalt mit weitreichenden Folgen für die seelische, geistige und körperliche Entwicklung".

    Auch Coburg beobachtet eine starke Zunahme, "obwohl Schulen und Kindergärten durch die teilweise Schließungen in der Corona-Zeit als Melder wegfallen". Und im Berchtesgadener Land, wo der Lockdown besonders hart war, wurden schon vergangenes Jahr 192 Kindeswohlgefährdungen registriert, knapp 50 mehr als im Jahr davor. In diesem Jahr waren es allein in den ersten drei Monaten des Jahres schon 90 Fälle.

    Psychiatrien und Kinderkliniken schlagen Alarm

    Psychiatrien oder Kinderkliniken melden schon jetzt, dass die Suizidgefahr bei Kindern und Jugendlichen gestiegen sei. Genauso wie schwerer Alkohol- und Drogenmissbrauch. Essstörungen und Zwänge hätten sich verschlimmert. Gerade wenn die Wohnung eng ist, die Eltern keine Arbeit haben oder psychisch krank sind, droht Kindern Gefahr, warnt Ortwein-Feiler: "Schon wenn vier Risikofaktoren vorliegen, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit einer Kindeswohlgefährdung um das Siebenfache."

    Eine Kindeswohlgefährdung zu erkennen ist jedoch schwer, geschweige denn eine solche auch zu belegen. Am leichtesten sind natürlich äußerliche Verletzungen zu deuten, wie blaue Flecken, Verbrühungen oder Brandwunden, verursacht etwa durch das Ausdrücken einer Zigaretten auf dem Körper eines Kindes. Geht es um miterlebte Gewalt in der Familie oder psychische Vernachlässigung, wird es deutlich schwerer.

    Kindeswohlgefährdung hat viele Formen

    "Wir hatten einen Buben, der in der Pause immer auf einen kleinen Hügel geklettert ist, um zu schauen, ob um zehn Uhr zuhause die Rollladen hoch sind", berichtet Sozialpädagogin Dachs. Oft steht hinter solchem Verhalten eine psychische Erkrankungen eines Elternteils, der sprichwörtlich nicht mehr aus dem Bett kommt. "Die Kinder müssen dann den Haushalt erledigen, die Fassade aufrecht erhalten. Auch das ist Kindeswohlgefährdung", sagt Dachs.

    Lehrer sollten deshalb in den nächsten Wochen noch genauer hinschauen als sonst, fordert die Augsburgerin. "Wenn Kinder in den Gedanken kreiseln, wenn man ein schlechtes Bauchgefühl hat, dann wäre es gut, zum Hörer zu greifen und hier anzurufen, weil das hat eine Berechtigung!" Alle Lehrerinnen und Lehrer haben übrigens einen Anspruch auf eine solche Beratung, wenn ihnen ein Kind Sorgen macht. Und Dachs appelliert eindringlich, diesen Anspruch auch zu nutzen.

    Wie man bei Verdacht reagieren sollte

    Wer im Privaten bei den Nachbarskindern einen Verdacht schöpft, dem rät Britta Ortwein-Feiler erst einmal ruhig zu bleiben und nicht dem ersten Impuls zu folgen. Wenn möglich, könne man zunächst mit den Eltern sprechen: "Mehr mit einer Haltung 'Mir ist da etwas aufgefallen', und nicht mit einem Vorwurf. Aber man sollte schon deutlich machen, dass man hinschaut und etwas bemerkt hat." Bei einer schweren Misshandlung empfiehlt Ortwein-Feiler dagegen, sofort das Jugendamt einzuschalten. Das sei auch anonym möglich.

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