Zurück zur Startseite
Bayern
Zurück zur Startseite
Bayern

Gewalt auf bayerischen Fußballplätzen - eine Seltenheit? | BR24

© BR Sport

Gewalt im Amateurfußball ist keine Seltenheit

9
Per Mail sharen
Teilen
  • Artikel mit Video-Inhalten

Gewalt auf bayerischen Fußballplätzen - eine Seltenheit?

Innerhalb der letzten drei Wochen hat es in Bayern mehrere Vorfälle gegeben, die Grund zur Annahme geben: Auf Fußballplätzen ist die Hemmschwelle gesunken – doch dieser Eindruck täuscht.

9
Per Mail sharen
Teilen

In letzter Zeit gab auf bayerischen Fußballplätzen einige Vorfälle, die jegliche Form von Fairness vermissen lassen: Am 9. November schlägt ein Spieler bei einem B-Klasse-Spiel in München seinen Gegner mit der Faust bewusstlos. Ende Oktober muss ein C-Klasse-Spiel ebenfalls in München wegen einer Massenschlägerei abgebrochen werden. Genauso wie ein A-Klasse-Spiel in Schrobenhausen Anfang November.

Mit versteinertem Gesichtsausdruck hängt der Trainer vom SV Waldperlach die grün-weißen Trikots der dritten Mannschaft über die Plätze in der Umkleide. Den Vorfall vom vergangenen Samstag hat Michael Stefinger noch nicht ganz verdaut, das ist ihm deutlich anzusehen. Sein Torwart wurde vom Gegner bewusstlos geschlagen - während des laufenden Spiels. So etwas hat er bisher noch nicht erlebt.

"Plötzlich ist der gegnerische Keeper ausgerastet, weil ihn mein Torwart mit einer Geste provoziert hat. Das hat ihn so in Rage gebracht, dass er zu meinem Torhüter gelaufen ist, ihn mit der Linken niedergestreckt hat und ihn dann noch gegen den Hinterkopf getreten hat. Weiter kann ich dazu nichts sagen, weil ich da schon den Notruf gewählt und den Rettungswagen gerufen habe." Michael Stefinger, Trainer SV Waldperlach

Sportgericht entscheidet bei massiven Regelverstößen

Das Spiel muss abgebrochen, das Opfer ins Krankenhaus eingeliefert werden. Solche Vorfälle werden, genauso wie Angriffe auf Schiedsrichter oder rassistische Pöbeleien, im elektronischen Spielbericht erfasst, der an den Bayerischen Fußballverband geht. Bei groben Unsportlichkeiten und massiven Regelverstößen wird ein Sportgericht aktiv. Dieses Gremium besteht aus Ehrenamtlichen, die im Hauptberuf Anwälte oder Richter sind. In einer Verhandlung bekommen Betroffene die Möglichkeit, ihre Sicht der Dinge zu schildern. Am Ende steht ein Urteil - wie bei einem echten Gericht.

Strafen: Geldbußen, Spielverbot oder Anti-Gewalt-Training

Die verhängten Strafen reichen von Spielsperren über Geldbußen bis hin zu lebenslangem Spielverbot. Dabei ist oft juristisch-soziales Fingerspitzengefühl gefragt. Drei jugendliche Hitzköpfe etwa, die einen Schiedsrichter nach dem Spiel körperlich bedrängt hatten, stellte das Sportgericht vor die Wahl: Eine Sperre für mehrere Spiele oder die freiwillige Teilnahme an einem Schiedsrichterkurs. Die Jugendlichen entschieden sich für den Schiedsrichterkurs und waren danach nicht mehr auffällig. Eine andere mögliche Auflage ist ein Anti-Gewalt-Training. Solche Kurse werden von Konfliktmanagern durchgeführt. 22 solcher Konfliktmanager arbeiten beim Bayerische Fußballverband (BFV), auch sie ehrenamtlich. Einer von Ihnen ist Salih Aydogan. Er betrachtet die Entwicklung auf den Fußballplätzen mit Sorge.

"Die Hemmschwellen bei körperlicher Gewalt sind schon niedriger geworden. Man sieht buchstäblich schneller Rot und ist auch nicht mehr in der Lage, sich selbst zu kontrollieren. Da ist schon ein breiter Verfall von Werten und Moral zu beobachten." Salih Aydogan, Konfliktmanager

Letzte Saison: 67 Spielabbrüche wegen Gewalt in Bayern

Sein Eindruck kann allerdings nicht als hinreichender Beleg für die Zustände auf allen bayerischen Fußballplätzen dienen. Das vollständige Bild ergibt sich beim Blick auf die Gesamtheit aller Vorfälle. Der DFB und seine Landesverbände erstellen regelmäßig einen "Lagebericht Gewalt". Der zeigt für Bayern: In der vergangenen Saison kam es in 67 Fällen zu einem Spielabbruch wegen gewalttätiger Übergriffe. Bei rund 235.000 Amateurspielen, die jedes Jahr in Bayern erfasst werden, ergibt sich also ein Gewaltquotient von rund 0.029 Prozent.

Anzahl der Gewaltfälle hat nicht zugenommen

Das bedeutet: Nur etwa alle 3.500 Spiele kommt es zu schweren Tätlichkeiten oder Übergriffen. Zum Vergleich: Im Bundesdurchschnitt liegt der Gewaltquotient bei etwa 0.04 Prozent. Tatsächlich geht es also auf den bayerischen Sportplätzen weit weniger schlimm zu, als die meisten glauben. Davon ist auch Jürgen Igelspacher, der Geschäftsführer des Bayerischen Fußballverbandes überzeugt:

"Die Anzahl der Gewaltfälle hat in den letzten drei Jahren nicht zugenommen. Die mediale Wahrnehmung ist eine andere. Kein Zweifel, jeder Fall ist einer zu viel, aber die absolute Anzahl der Gewaltfälle steigt nicht." Jürgen Igelspacher, Bayerischer Fußballverband

BFV setzt auf Prävention

Das führt der BFV auch auf seine Präventivmaßnahmen zurück. Wenn zum Beispiel im Vorfeld eines Spiels die Stimmung auf sozialen Netzwerken angeheizt wird, kommt ein Konfliktmanager zum Einsatz. Der erarbeitet mit den Vereinen Strategien, die eine Eskalation verhindern sollen. Mit der Kampagne "Wir regeln das" sensibilisiert der Verband außerdem die Öffentlichkeit für den schwierigen Job der Schiedsrichter.

Bei einer weiteren Aktion, die "Keine Gewalt im Jugendbereich" heißt, verteilen die Spieler vor dem Anpfiff Handzettel mit Verhaltensregeln an Eltern und Zuschauer. Darin wird gebeten, die Stimmung nicht unnötig aufzuheizen. Trotz aller wünschenswerten Emotionen sollte beim Fußball die Selbstkontrolle nicht völlig aufgegeben werden. Das meint auch Michael Stefinger, der Trainer des SV Waldperlach. Seit dem Vorfall mit seinem K.o.- geschlagenen Torhüter hat er viel nachgedacht: "Spieler Trainer, Zuschauer – jeder sollte sich an die eigene Nase packen. Es sollte respektvoller miteinander umgegangen werden auf dem Sportplatz."

Bei dem ausgeknockten Torwart scheint die brutale Attacke übrigens keine bleibenden Schäden zu hinterlassen. Er konnte mittlerweile das Krankenhaus verlassen, mit Prellungen im Nackenbereich und heftigen Kopfschmerzen. Dem Täter droht, neben einem Strafverfahren, eine lebenslange Spielsperre. Auch mit der konsequenten Verfolgung von Tätlichkeiten will der Bayerische Fußballverband sicherstellen, dass Gewalt weiterhin eine Seltenheit auf bayerischen Fußballplätzen bleibt.