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Im Prozess um den tödlichen Schlag gegen einen Mann in Augsburg wurde der 17-Jährige Angeklagte zu einer Jugendstrafe von vier Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt. Das Landgericht sah es als erwiesen an, dass er den Mann tödlich verletzt hatte.

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Zweites Opfer "grundsätzlich enttäuscht" über Kö-Urteil

Das Augsburger Landgericht hat im so genannten Kö-Prozess sein Urteil gesprochen. Die Jugendkammer verurteilte den Hauptangeklagten zur viereinhalb Jahren Haft, die zwei Mitangeklagten zu Bewährungsstrafen. Nicht alle sind zufrieden mit dem Urteil.

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  • Barbara Leinfelder

Der Hauptangeklagte Halid S. hat das Urteil regungslos hingenommen, sein Anwalt Marco Müller aber will nicht ausschließen, dass er in Revision geht: "Wir werden das schriftliche Urteil anschauen und dann überlegen, was wir machen. Im Ergebnis entscheidet das mein Mandant mit seiner Familie." Auch die Augsburger Staatsanwaltschaft will die Urteilsbegründung erst einmal prüfen. Die Anklage hatte sechs Jahre Jugendstrafe für den 17-Jährigen gefordert. Die mögliche Höchststrafe für Körperverletzung mit Todesfolge liegt für Jugendliche bei zehn Jahren Jugendstrafe.

Angehörige des Opfers haben auf höhere Strafe gehofft

Isabel Kratzer-Ceylan, die die Witwe des getöteten Feuerwehrmannes in der Nebenklage vertritt, sieht das Ganze aus zwei Blickwinkeln: "Wir sind sehr zufrieden mit der Urteilsbegründung, denn der Richter hat uns in allen Punkten Recht gegeben", lobt sie den Richterspruch. Das Gericht habe dem "unerträglichen Plädoyer der Verteidigung, wonach das Opfer zum Täter gemacht wird", eindeutig widersprochen, "und das ist ganz wichtig für uns".

Dennoch wolle sie nicht verhehlen, dass "uns die Höhe des Strafmaßes zu niedrig ist". Ihre Mandantin hätte sich eine höhere Strafe gewünscht, denn der Tod ihres Mannes wiege schwer. "Wenn ich so einen heftigen Schlag ausführe, muss ich auch damit rechnen, dass der Tod eintritt", so Kratzer-Ceylan gegenüber den Pressevertretern.

Nebenkläger empfinden Strafmaß als zu gering

Die Rechtsanwältin Marion Zech, die die Tochter des Todesopfers vertritt, argumentiert ähnlich: Für die Angehörigen stelle sich die Frage, welchen Wert der Staat dem Opfer beimesse. Für sie sei dabei aber sehr wichtig, dass das Gericht in seiner Urteilsbegründung herausgestellt habe, wie gefährlich so ein Schlag gegen den Kopf sein kann, das zu bagatellisieren, wie es vom Hauptangeklagten getan worden sei, "halte ich für völlig krank".

Wie geht es dem zweiten Opfer?

Während sich im Gerichtsgebäude Reporter, Kameraleute und Fotografen um Rechtsanwälte und Verteidiger drängen, die ihre Statements abgeben, sitzt einer, der mittendrin war im Tatgeschehen in einem Park ein paar Meter weiter auf einer Bank. Der 50-Jährige hat sich mit seinem Rechtsbeistand gleich nach der Urteilsverkündung zurückgezogen vom Trubel im Gericht, zum Durchschnaufen. Der Handwerksmeister ist ein muskulöser Mann mit kräftigen Händen, aber die vergangenen Tage im Gericht haben ihn sichtlich geschafft. Er war es, der selbst Opfer der drei Jugendlichen wurde, die gerade zu Haft- und Bewährungsstrafen verurteilt worden sind.

Er hat einen dreifachen Jochbeinbruch im Gesicht erlitten durch Schläge, und eine Verletzung am Oberschenkel, wohl durch Tritte. Der Familienvater hat bis heute körperliche Probleme damit. Wie er das Urteil aufnimmt? Der 50-Jährige atmet erst einmal tief durch, bevor er antwortet: "Ich bin mit dem Urteil nicht zufrieden, weil das erwachsene Kerle sind, sie fühlen sich so, und verhalten sich so und dann werden sie behandelt wie Kinder". Das verstehe er nicht, er sehe da eine Lücke im Gesetz, vom Jugendstrafrecht zum Erwachsenenstrafrecht: "Wenn man mit einer gefährlichen Körperverletzung so davonkommt – ich kann es nicht ändern, bin aber grundsätzlich enttäuscht." Er nehme aber positiv daraus mit, "dass ich jetzt noch dasitzen kann, weil einer kann es nicht mehr."

Schwere Tage für Familie des Opfers

Der Verein "Sicheres Leben" aus Gersthofen hat den Fall ebenfalls verfolgt. Für den Verein stehen grundsätzlich die Opfer einer Gewaltstraftat im Mittelpunkt. Sie erfahren Unterstützung und Hilfe, wenn dies gewünscht wird. Vereinsvorsitzende Gabriele Schmidthals-Pluta weiß, dass es "viel Kraft und Mut" bedarf, diesen Prozess mit zu begleiten, Aussagen zu tätigen und mit den Tätern zusammen im Gerichtssaal sitzen zu müssen. Die gesamten Emotionen und das schwer traumatische Geschehnis kommen wieder hoch und alles müsse noch einmal durchlebt werden.

Könnten derartige Taten verhindert werden?

Das könne aber auch helfen, die Tat besser zu verarbeiten und das gesprochene Urteil könne ein klein wenig Genugtuung für die Familie bedeuten. Dennoch wird in der Familie "der Schmerz und die Trauer über den sinnlosen Tod ihres Vaters und Ehemannes ein ganzes Leben lang bestehen", so Schmidthals-Pluta. Sie sieht vor allem auch Mängel in der Prävention: "Die Biographie des Haupttäters spricht für sich, rechtfertigt aber niemals eine derartige Tat, auch wenn sie sicherlich nicht geplant war."

Die Wut- und Zornausbrüche mit hohem Gewalt- und Aggressionspotenzial des Täters hätten schon viel früher in Augenschein genommen werden müssen und man hätte diese mit therapeutischer Unterstützung vielleicht unter Kontrolle bringen können. Dies zu erkennen und entsprechend zu handeln sei immer ein gesamtgesellschaftliches Problem.

Richter übt Kritik an milden Urteilen seiner Kollegen

Richter Lenart Hoesch hatte in seiner Urteilsbegründung durchaus seine Berufskollegen kritisiert: Es scheine an der Zeit, dass auch von den Jugendrichtern strengere Maßnahmen wie Arrest verhängt würden, so der Richter. Richter Hoesch bezog sich damit auf die milde Sanktionierung einer Körperverletzung des jetzt verurteilten Haupttäters an einem Mitschüler vor zwei Jahren. Der Hauptangeklagte habe im aktuellen Fall aus einem "nichtigen Anlass" einen vernichtenden Schlag abgegeben, und keinesfalls aus einer Nothilfe-Situation. Aus dem früheren Vorfall, bei dem er einen Mitschüler in der Schule gegen den Kopf und Hals geschlagen hatte, habe der 17-Jährige anscheinend nichts gelernt. Damals hatte er lediglich eine Verwarnung kassiert.

Der Richter ermahnte den 17-Jährigen, möglichst schnell eine Sozialtherapie zu beginnen und diese auch durchzuhalten, er habe noch viel an seinem Verhalten zu arbeiten. Der psychiatrische Gutachter hatte dem jungen Mann attestiert, er stehe an einem Scheideweg, hin zu einer dissozialen Persönlichkeitsstörung.

Wie ist das Verfahren insgesamt zu bewerten?

Viele verschiedene Ermittlungsstränge, die aber nicht miteinander verbunden werden konnten – das ist der Eindruck, der bei den meisten Prozessbeobachtern entstanden ist. Dass ein einziger Schlag eine tödliche Hirnblutung auslöst, sei zwar selten, so ein Rechtsmediziner vor Gericht, es komme aber immer wieder vor und sei wissenschaftlich dokumentiert. Für viele weitere Ermittlungsansätze aber gab es keine ausreichenden Beweise, etwa dafür, ob die jungen Männer in einer Art Gang unterwegs waren, ob sie generell als gewaltbereit einzustufen waren oder gar gezielt Kampfsport-Schlagtechniken trainiert hatten.

Zeugenaussage nicht immer hilfreich

Auch viele Zeugenaussagen waren zu ungenau und führten ins Leere. Die Erinnerung war zu vage, viele Zeugen konnten nicht mehr auseinanderhalten, was sie selbst gesehen und was sie in den Medien gehört oder gelesen hatten. Die Staatsanwaltschaft hatte in ihrem Plädoyer daher bereits angesprochen, dass "das Bemühen um Wahrheitsfindung" in diesem Fall an seine Grenzen komme. Staatsanwaltschaft und Gericht müssten sich an Fakten halten und im Zweifel Dinge zugunsten der Angeklagten offenlassen – das hat sich im verhältnismäßig milden Urteil nun niedergeschlagen. Der Richter Lenart Hoesch hatte bereits gleich zum Beginn des Verfahrens deutlich gemacht, dass es nicht Aufgabe des Gerichts sei "irgendwelche gesellschaftliche Erwartungen zu erfüllen, sondern nach Recht und Gesetz" zu handeln.

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Der angeklagte Jugendliche habe eine Aggressionsproblematik, so BR-Reporter Andreas Herz. Für die Hinterbliebenen des Opfers aus Augsburg sei unverständlich, dass der Täter wie ein Erwachsener gehandelt und nach Jugendstrafrecht verurteilt wurde.

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