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Noch leeres "Contact Tracing Center" für die Corona-Nachverfolgung in der Messe Riem (München), aufgenommen am 30.11.20.

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    Gesundheitsämter: Teils ohne Leitung - und weiter am Limit

    Überstunden und Überlastung, teils monatelang keine Amtsleitung, noch immer keine einheitliche Software für die Nachverfolgung: Bayerns Gesundheitsämter sind weiter nicht optimal ausgerüstet - obwohl sie für die Corona-Eindämmung zentral sind.

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    Von
    • Katharina Pfadenhauer
    • Maximilian Heim

    Dauerbelastung, Überstunden, Krankmeldungen – die bayerischen Gesundheitsämter arbeiten wegen der Corona-Pandemie seit vielen Monaten am Limit. Wie groß genau das Ausmaß ist, lässt sich schwer abschätzen, auf Anfrage der Grünen-Fraktion im Landtag nennt die Staatsregierung keine genauen Zahlen. Zu den Krankheitstagen äußert sich Bayerns Gesundheitsministerium in der Antwort nur vage. Belastungsbedingt sei es an einzelnen Ämtern "teilweise auch zu längeren Ausfällen" gekommen. Konkrete Zahlen? Fehlanzeige.

    Auch zur Anzahl der Überstunden gibt es keine Auskunft. Eine Abfrage habe "ein uneinheitliches und nicht vergleichbares Bild ergeben", schreibt das Ministerium. Im vergangenen Jahr seien "in vielen Fällen Mehrarbeits- und Überstunden entweder finanziell oder zeitlich abgegolten" worden.

    Schulze: Söder-Regierung "seltsam still"

    Gestellt hat die Anfrage die bayerische Grünen-Fraktionschefin Katharina Schulze. Ihr reichen die Antworten nicht. "Normalerweise ist Markus Söder ja bekannt dafür, lautstark durch die Gegend zu posaunen", sagt sie. "Aber beim Thema Krankheitstage in Gesundheitsämtern ist die Söder-Regierung seltsam still." Schulzes Verdacht: Die Staatsregierung wolle lieber nicht genau hinschauen. "Weil dann müsste sie ja eigentlich was ändern."

    Das Gesundheitsministerium sieht das ganz anders und verweist auf hunderte Mitarbeiter, die in den Gesundheitsämtern für die Kontaktnachverfolgung zusätzlich eingestellt wurden – teils abkommandiert aus Verwaltung, Polizei und Bundeswehr, teils als befristete Neueinstellungen. Zuletzt kümmerten sich gut 5.500 Menschen in Bayern um die Kontaktnachverfolgung, teilt das Gesundheitsministerium auf BR-Anfrage mit. Dazu gehörten demnach 468 Polizeibeamte und 639 Bundeswehrsoldaten.

    Ministerium: Nachverfolgung sichergestellt

    Alles im Griff also – das ist auch die Botschaft in der Antwort auf die Grünen-Anfrage. "Aktuell sind die Gesundheitsämter in Bayern in der Lage, eine Kontaktpersonennachverfolgung sicherzustellen", heißt es darin. Sobald einzelne Ämter Schwierigkeiten bei der Nachverfolgung melden würden, "werden umgehend Möglichkeiten der personellen Verstärkung gefunden".

    Die Kollateralschäden sind aber in einigen Ämtern offenbar hoch. Tatsächlich arbeiten viele Gesundheitsämter nach BR-Informationen weiter an der Belastungsgrenze – oder darüber hinaus. Von vielen Überstunden ist die Rede, in Einzelfällen auch von "Raubbau an der Gesundheit" – und von Menschen, die den Job quittieren, weil sie nicht mehr können. Konkrete Zahlen gibt es dazu allerdings ebenfalls nicht.

    Teils ungleiche Verteilung des Arbeitspensums

    Ein Gesundheitsamtsmitarbeiter, der anonym bleiben möchte, sagte gegenüber dem BR, dass aufgrund der Personalknappheit vor allem die Arbeit an den Wochenenden ungleich verteilt würde. Eine Studentin würde zum Beispiel zum zehnten Mal in Folge den Wochenenddienst übernehmen. Man setze bewusst auf die Solidarität einiger weniger, so der Mitarbeiter, "das ist von oben so gewünscht".

    Doch auch "dort oben", an der Spitze der Behörden, gibt es teilweise Personalprobleme. Im Januar war rund jede siebte Leitungsstelle unbesetzt, mancherorts seit Beginn der Pandemie. In den vergangenen Wochen hat sich die Situation laut Ministerium verbessert: Drei Leitungsstellen konnten demnach nachbesetzt werden, sieben sind weiter vakant. Mit besseren Gehältern will die Regierung jetzt noch mehr Mitarbeiter für die Gesundheitsämter gewinnen, auch für die Führungspositionen.

    Grünen-Fraktionschefin Schulze hält die Kontaktnachverfolgung – trotz all der neu eingestellten Mitarbeiter – nicht für schlagkräftig genug. Ihre Anfrage habe ergeben, dass sich über 8.000 Personen für die Kontaktnachverfolgung beworben hätten. "Aber nur knapp über 1.000 wurden von der Söder-Regierung eingestellt." Zu wenig, findet Schulze. In einer globalen Pandemie gelte es an dieser Stelle "zu klotzen, nicht zu kleckern". Schulze kritisiert auch, dass Leitungsstellen teils monatelang unbesetzt waren - das sei "fahrlässig mitten in der dritten Welle".

    Weiter Probleme bei Software Sormas

    Eine weitere Baustelle in den Ämtern ist die Software für die Kontaktnachverfolgung. Eigentlich soll das Programm Sormas seit Monaten flächendeckend zum Einsatz kommen. Nach BR-Informationen nutzen einige bayerische Gesundheitsämter Sormas aber immer noch nicht aktiv für die Nachverfolgung. Grund: Es fehlen noch immer wichtige Schnittstellen, besonders zu den bisher verwendeten Programmen, damit die Daten reibungslos übertragen werden können.

    Der Gesundheitsamtmitarbeiter sagt: Andere Programme seien übersichtlicher und effektiver. "Bei uns im Team hat Sormas keinen besonders guten Anklang gefunden." Die alten Programme seien auf die Pandemie zugeschnitten worden, Sormas hingegen würde Dinge abfragen, die zeitaufwändig seien und "für die Bewältigung der akuten Problematik an der Front keine Bedeutung haben". Zudem sei es weit weniger übersichtlich als andere Programme. Die Bedürfnisse vor Ort hätten vor der Entscheidung für die Software abgefragt werden müssen, bemängelt der Mitarbeiter. "Doch das ist scheinbar nicht passiert."

    Schnittstellen nun auch für kommerzielle Programme

    Nach BR-Informationen ist Sormas an mindestens zwei Ämtern erst gar nicht installiert worden – unter anderem eben wegen fehlender Schnittstellen. Ein Mitarbeiter, der in einem Team für die Kontaktnachverfolgung arbeitet und ebenfalls anonym bleiben möchte, bestätigt dies dem BR: "Deshalb können wir anderen überlasteten Gesundheitsämtern nicht helfen, auch wenn es personaltechnisch funktionieren würde."

    Das Ministerium wiederum verweist zunehmend genervt auf den Bund – man habe "wiederholt mit Nachdruck darauf hingewiesen, dass alle erforderlichen Schnittstellen zur Meldesoftware schnellstmöglich zur Verfügung gestellt werden müssen". Auch für die anderen bisher teils verwendeten Programme für die Nachverfolgung, wie etwa die häufig verwendeten Aeskulab oder Octoware, soll es bald Schnittstellen geben.

    Schulze kritisiert "angezogene Handbremse"

    Grünen-Fraktionschefin Schulze zieht angesichts der Lage an den Gesundheitsämtern ein ernüchtertes Fazit. Seit über einem Jahr seien die Menschen, die dort arbeiten, am Limit. "Aber anstatt Unterstützung und Hilfe zu bieten, ist die Söder-Regierung mit angezogener Handbremse unterwegs", kritisiert Schulze. Und ergänzt mit Blick auf die Mitarbeiterzahl: "Mit mehr Personal wüssten wir dann auch endlich, wo sich die Menschen hauptsächlich anstecken und könnten die Corona-Schutzmaßnahmen zielgerichteter setzen."

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