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Zu wenig Strömung, zu viele Hindernisse: In der verbauten Iller können die Fische nicht wandern und der Kies verstopft den Strom. Jetzt wird der Fluss für viele Millionen Euro saniert.

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Geschundener Fluss: So soll die Iller wieder lebendiger werden

Zu wenig Strömung, zu viele Hindernisse: In der verbauten Iller können die Fische nicht wandern und der Kies verstopft den Strom. Jetzt wird der Fluss für viele Millionen Euro saniert.

Von
Florian RegensburgerFlorian Regensburger
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Um dem verbauten Fluss Iller neues Leben einzuhauchen, müssen Wasserwirtschaftsämter und Kraftwerksbetreiber viel Geld in die Hand nehmen. Im bayerisch-baden-württembergischen Gemeinschaftsprojekt "Agile Iller" werden Betonschwellen, die quer durch den Fluss verlaufen, abgebrochen. Fischtreppen an Stauwehren sollen gebaut und das Flussbett, wo es geht, aufgeweitet werden. 70 Millionen Euro stehen dafür allein für den Abschnitt zwischen Memmingen und Ulm zur Verfügung.

Barriere für Fische wird abgebrochen

Damit etwa Laichwanderungen für gefährdete Fischarten wieder möglich werden, beginnt die Arbeit aber schon viel weiter südlich in den Allgäuer Bergen bei Oberstdorf. Hier hat das Wasserwirtschaftsamt Kempten gerade zwei massive Betonschwellen in der Trettach abgebrochen. In dem Quellfluss der Iller waren es die letzten ihrer Art. An ihrer Stelle stabilisiert jetzt eine flach ansteigende Rampe aus großen Flussbausteinen das Bachbett. So können Fische wieder hindurchschwimmen, bei gleichbleibendem Hochwasserschutz, versichert der Leiter des Kemptener Wasserwirtschaftsamts Karl Schindele: "Das erfüllt genau den gleichen Zweck, man braucht dafür wirklich sehr große Steine. Mit einem Wildbach ist bei Hochwasser nicht zu spaßen. Das muss sehr, sehr stabil sein."

"Jeder weiß, dass die Lachse wandern müssen"

Auch für den Fischereifachberater des Bezirks Schwaben, Oliver Born, ist diese Form des Hochwasserschutzes der richtige Weg: "Jeder weiß, dass die Lachse wandern müssen, um sich fortzupflanzen, vom Meer in die Flüsse hinein. Die Iller-Fische tun das ganz genauso. Der Donaulachs oder der Huchen etwa wandert von Ulm aus der Donau bis in dieses Gebiet hier hinein, um sich fortzupflanzen."

"Die Huchen waren nicht mehr da“

Ein paar hundert Meter flussabwärts vereinigt sich die Trettach mit der Breitach und der Stillach zur Iller. 150 Kilometer weit bahnt sich der Fluss seinen Weg nach Norden. Besser gesagt: Er wird gebahnt. Über Jahrhunderte wurde die Iller in ein immer engeres Korsett gezwängt, mit Querbauwerken und Begradigungen bis zur Mündung in die Donau.

Schon mit dem Bau des allerersten Iller-Wehres vor über 100 Jahren, dem Ayer Wehr bei Senden, war für wandernde Fische erst einmal Schluss: "Wenige Jahre nach dem Bau des Wehres sind die Bestände in der Iller oberhalb von uns komplett zusammengebrochen. Die typischen Schwärme von Nasen (eine Fischart, Anmerkung d. Red.) fehlten, die Huchen waren nicht mehr da", sagt Born.

Fische können jetzt an Wehren vorbei schwimmen

Inzwischen hat man an den Wehren der Iller bereits zahlreiche Fischaufstiegsanlagen gebaut. In einem solchen künstlichen Wasserlauf können Fische an einem Stauwehr vorbeischwimmen. Doch Wehre verbauen nicht nur Fischen den Weg stromauf – sondern auch flussabwärts dem Kies, der unablässig aus den Alpen in den Fluss gespült wird.

Kann die Strömung ihn nicht mehr flussabwärts tragen, wird er zum Problem, wie vor dem ersten Illerstau bei Altusried. Hier häuft der Kies sich an und muss ausgebaggert werden, über 150 LKW-Ladungen pro Jahr. Bei starkem Hochwasser kann es auch noch deutlich mehr werden.

Statt der Strömung transportieren jetzt LKW den Kies

Anstelle der Strömung transportieren die Lastwagen den Kies auf der Straße flussabwärts, wo er der Iller häppchenweise zurückgegeben wird, wie unterhalb der Staustufe in Legau. Der Kraftwerksbetreiber hat die Probleme für den Lebensraum hier erkannt: Fische brauchen Kies zum Laichen.

"Wir versuchen hier mit Buhnen und Geschiebe, optimale Laichhabitate zu erstellen, dass Kieslaicher sich hier wohlfühlen. So sind Wasserkraft und Ökologie kein Widerspruch. Wir glauben, dass das der richtige Weg ist", sagt Ralf Klocke von den Lechwerken. Bagger verteilen dazu den Kies zwischen künstlich angelegten Buhnen, so dass unterschiedlich schnell fließende Bereiche unterschiedlicher Tiefe entstehen. Damit ist die Aussicht am größten, dass kieslaichende Fische die neuen Laichplätze annehmen.

70 Millionen Euro nur von Memmingen bis Ulm

Es geht aber längst nicht nur um die Fische, wenn Kraftwerksbetreiber und Wasserwirtschaftsämter aktuell viel Geld in den Umbau der Iller stecken - im Projekt "Agile Iller" sind es allein 70 Millionen Euro nur für den Abschnitt von Memmingen bis Ulm. Denn fehlt der Nachschub an Kies, gräbt das Flussbett sich immer tiefer in den Boden ein, wie auf weiten Strecken der unteren Iller. Überschwemmungsflächen und Auwälder werden vom Fluss abgeschnitten, der Grundwasserspiegel kann dadurch absinken - auch das sind Spätfolgen von Begradigungen und Verbauungen am Fluss.

Blaupause für die Iller bei Immenstadt

Dass es auch anders geht, kann man an der oberen Iller im Seifener Becken bei Immenstadt beobachten, wo das Ökosystem Fluss mit seinen Auen wieder funktioniert. Hier hat das Wasserwirtschaftsamt Kempten im Zuge des Baus der B19 schon vor rund 15 Jahren das einst kanalisierte Flussbett aufgeweitet. Die Iller mäandert mit mehreren Seitenarmen durch eine Landschaft aus Kiesbänken, die ständig in Bewegung ist und nach jedem Hochwasser ein bisschen anders aussieht.

"Vieles hängt an der Iller an diesen Seiten- oder Nebenarmen des Flusses", sagt Fischereifachberater Born. Sie böten Laichplätze, Zonen mit ruhigem Wasser als Lebensraum für Jungfische. Und: "In Zusammenhang mit dem Auwald entstehen Hochwasserrückzugsgebiete, die wir in einem eingeengten Fluss nirgends finden."

Aufweitung steigert auch den Freizeitwert

Auch oberhalb der abgebrochenen Betonschwelle an der Trettach hat man das Bachbett aufgeweitet. Man kommt vom Ufer daher gut an die Trettach heran, Kiesbänke sind entstanden und optimale Laichgründe für die Fische. Armin Weitenauer vom Oberstdorfer Fischereiverein sieht noch einen weiteren Vorteil, den Freizeitwert: "Wenn ich hier herkomme", sagt er, "dann sehe ich oft Familien mit Kindern, die hier in der Natur am Bach ihre Freizeit genießen und auch einen Mehrwert davon haben, dass hier was für die Trettach gemacht wurde".

Durchwanderbarkeit ist das Ziel

Für Oliver Born ist der Durchbruch an der Trettach ein weiterer Mosaikstein auf dem Weg zu einem großen Ziel: Bis in ihr Quellgebiet bei Oberstdorf soll die Iller wieder durchgängig werden: "Dann habe ich die Hoffnung, dass wir die ganze Vielfalt der Arten hier langfristig erhalten können. Ohne die Durchwanderbarkeit von Ulm bis hier herauf ist das Ziel letztlich nicht erreichbar." Der Weg dorthin ist eingeschlagen: Auch am Hauptfluss, der Iller selbst, sollen nun zahlreiche Betonschwellen abgebrochen und durch Rampen aus Steinen ersetzt werden. An der ersten großen Iller-Schwelle bei Heimertingen im Unterallgäu ist der Beginn der Arbeiten um den kommenden Jahreswechsel geplant.

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