Eine Patientin trainiert in der Physiotherapie in der geriatrischen Reha-Klinik der AWO in Würzburg.

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Geriatrische Reha-Klinik in Würzburg vor dem Aus

Geriatrische Reha-Klinik in Würzburg vor dem Aus

Pflegebedürftig ins Heim – davor fürchten sich ältere Menschen nach einem Unfall oder Schlaganfall. Auch in Würzburg. Doch die geriatrische Reha-Klinik der AWO schreibt rote Zahlen. Seniorenvertretungen warnen vor einer Pflegekatastrophe.

Nur mit Mühe gelingt es Christa Jänsch, sich ihr Oberteil anzuziehen. Die 85-jährige Seniorin ist nach Sturz und Operation auf Unterstützung angewiesen. Schnell konnte sie auf der Station der geriatrischen Reha-Klinik der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Würzburg Fortschritte machen. "Ich bin arg bestrebt, eine gewisse Selbstständigkeit zu bekommen. Ich möchte wieder laufen können, nicht mit Hilfe, sondern generell, zumindest am Rollator", sagt Jänsch während ihrer Physiotherapie. Und genau das ist das Ziel der geriatrischen Rehabilitation: Dass Menschen pflegebedürftig werden, soll verhindert oder zumindest reduziert werden.

Pflegesätze sind nicht kostendeckend

Diese Versorgung in Würzburg zu gewährleisten, steht jetzt aber auf der Kippe. Der Grund: Die Pflegesätze für eine Behandlung dort seien schon lange nicht mehr kostendeckend – die Klinik lege ständig drauf. "Es geht nicht darum hier Profit rauszuschlagen, sondern einfach darum, die Aufwendungen, die wir bringen, refinanziert zu bekommen. Um gar nicht mehr. Aber das ist aktuell nicht der Fall", sagt Kathrin Tatschner, Chefärztin der Geriatrischen Reha-Klinik der AWO.

Pro Tag ein Defizit von 73 Euro

Ein Tag hier kostet 308 Euro pro Patient - mit allem, was dazu gehört: von Ärztinnen, Pflegekräften und Therapeuten bis zur Verpflegung. Von den Leistungsträgern, also den Pflege- und Krankenkassen, gibt es dafür gemäß Pflegesatz aber nur 235 Euro. Das heißt, es fehlen täglich 73 Euro. Aufs Jahr und alle Patienten hochgerechnet macht das ein Defizit von 690.000 Euro.

Pro Tag und Patient kostet die Behandlung in der Geriatrischen Reha der AWO in Würzburg 308 Euro.

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Stationäre geriatrische Reha im Bürgerspital bereits geschlossen

Damit ist die Geriatrische Reha-Klinik der AWO nicht alleine: Auch die der Stiftung Bürgerspital in Würzburg schreibt rote Zahlen: eine Million Euro jährlich. Die Station ist deshalb seit zwei Jahren geschlossen. Das Therapieangebot: weggefallen.

Eigentlich könnten die Angebote der geriatrischen Reha die ohnehin angespannte Lage in den Pflegeheimen entlasten, betont Michael Schwab, Chefarzt des Geriatriezentrums: "Alte Menschen wollen selbstständig bleiben, sie können das auch. Dazu kommt: Die Gesellschaft kann es sich gar nicht leisten, das Selbstständigkeits- und Gesundheitspotential älterer Menschen nicht zu nutzen." Zumindest die mobile und ambulante Geriatrie des Bürgerspitals laufen derzeit noch.

Seniorenvertretung warnt vor katastrophaler Versorgungslage

Auch die Würzburger Seniorenvertretung warnte in einer Pressekonferenz am Donnerstag, 11. August, davor, dass die Versorgung von älteren Patientinnen und Patienten nicht mehr sichergestellt werden könne. Angefangen bei der Entlassung aus der Akutversorgung im Krankenhaus: Die Suche nach einem geeigneten Platz in einer geriatrischen Reha gestalte sich schwierig.

Grundsatz müsse sein: Reha vor Pflege

"Gerade im Alter ist es jedoch wichtig, dass sofort nach der Akutbehandlung die Rehabilitationsmaßnahmen einsetzen, um Tendenzen einer Hospitalisierung entgegenzuwirken", so Renate Fiedler, Vorsitzende der Seniorenvertretung Würzburg. Würde dieser Versorgungsbaustein Reha fehlen, müssten viele ältere Patientinnen und Patienten wohl in ein Pflegeheim. Aber auch hier ist die Lage dramatisch. In Würzburg etwa sind derzeit 270 Betten nicht belegt. Der Grund: Es fehlt Personal, der Pflegeschlüssel kann nicht erfüllt werden.

Dabei sei die Unterbringung in einer wohnortnahen geriatrischen Reha-Einrichtung enorm wichtig, so Fiedler, "um die Bindung an Familie, Freunde und Nachbarn aufrechtzuerhalten." Die können nach Ende der Reha-Maßnahme bei der Rückkehr in die eigene Wohnung unterstützen.

Brief an Gesundheitsminister Holetschek: "Pflegekatastrophe"

In einem Brief an Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) fordern die Seniorenvertretung Würzburg gemeinsam mit den beiden Reha-Kliniken, dass der Freistaat etwas unternimmt, um die "sich anbahnende Pflegekatastrophe" zu entschärfen.

In seiner Antwort zeigt Minister Holetschek zwar Verständnis für die Lage und verspricht, sich beim Bund für die "notwendige Unterstützung" der Rehas einzusetzen, damit Bayern "Reha-Land Nr. 1" bleibe. Holetschek weist allerdings darauf hin, dass der Bund keinen Einfluss habe auf die Verträge der Kosten- mit den Leistungsträgern. Man sei aber im "beständigen Austausch" mit den Organisationen der geriatrischen Rehabilitation und erörtere deren Belange.

Würzburger Rehas fordern höhere Pflegesätze von den Kassen

Geplant sei ein Runder Tisch im Januar 2023 – so lange können und wollen die Seniorenvertretung, das Sozialreferat der Stadt Würzburg, die geriatrischen Reha-Kliniken der AWO und des Bürgerspitals nicht warten. Gemeinsam mit anderen Geriatrien bundesweit will man erneut in Verhandlungen gehen – und auch die Politik in die Pflicht nehmen. Schließlich stehe im Sozialgesetzbuch der Grundsatz "Reha vor Pflege", wie Landtagspräsidentin a.D. Barbara Stamm in der Pressekonferenz am Mittag nochmal deutlich gemacht hat.

Maßgebliche Verbesserung durch Reha: 80 Prozent können nach Hause

Wie wichtig die spezialisierte Versorgung in einer geriatrischen Reha-Klinik ist, zeigt erneut ein Blick auf die Zahlen: Alle 1.180 Patientinnen und Patienten, die zur Behandlung in die Klinik der AWO kommen, verlassen sie wieder mit einer signifikant gewachsenen Fähigkeit, für sich selbst sorgen zu können – eine Bilanz, die bayernweit genauso aussieht. Dementsprechend können rund 80 Prozent der Seniorinnen und Senioren wieder nach Hause entlassen werden.

Auf dem Gang der Station der geriatrischen Reha-Klinik findet Physiotherapie statt.

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