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Gemeindeleitung ganz ohne Pfarrer - wie geht das? | BR24

© BR/Barbara Weiß

Nicht mehr der Pfarrer, sondern ein Team aus Haupt- und Ehrenamtlichen leitet die Pfarrgemeinde Neuaubing. Das Ganze ist Teil eines Pilotprojekts im Erzbistum München und Freising: neue Leitungsmodelle als Reaktion auf den Priestermangel.

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Gemeindeleitung ganz ohne Pfarrer - wie geht das?

Nicht mehr der Pfarrer, sondern ein Team aus Haupt- und Ehrenamtlichen leitet die Pfarrgemeinde Neuaubing. Das Ganze ist Teil eines Pilotprojekts im Erzbistum München und Freising: neue Leitungsmodelle als Reaktion auf den Priestermangel.

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Nach dem Pfarrverband Geisenhausen (Landkreis Landshut) und dem Pfarrverband Feldkirchen-Höhenrain-Laus (Landkreis Rosenheim) startet jetzt auch der Pfarrverband Neuaubing-Westkreuz in der Seelsorgeregion München in die Pilotphase: Fünf Mitglieder hat das neue Leitungsteam, das Ende April seine Arbeit aufnehmen wird, vorgeschlagen von der Gemeinde, gewählt vom Pfarrgemeinderat und von der Kirchenverwaltung. Ernst Weiß, bisher ehrenamtlicher Lektor in der Gemeinde und begeisterter Chorsänger, freut sich, dass er gewählt wurde: "Mich freut es in erster Linie, das Vertrauen bekommen zu haben. Wie es bei allen ankommt, wird sich mit der Zeit zeigen."

Ein demokratisches Leitungsteam aus Ehren- und Hauptamtlichen

Die neue Gemeindeleitung ohne Pfarrer ist ein Pionierprojekt. Sicher gewöhnungsbedürftig gerade für ältere Gemeindemitglieder, die noch die Zeit kennen, als jede Gemeinde ihren eigenen Priester hatte. Außer Rentner Ernst Weiß sind noch zwei weitere Ehrenamtliche sowie ein Diakon im neuen Leitungsteam mit dabei. Und Pastoralreferentin Susanne Engel. Für sie ist auch das Geschlechterverhältnis im neuen Leitungsteam etwas Besonderes: "Das ist mal etwas ganz Anderes: Sonst sitzt der Pfarrer oft mit lauter Frauen da, jetzt ist es mal umgekehrt, jetzt sitze ich mit lauter Männern da."

Das Team entscheidet, der Pfarrer hat nicht einmal ein Veto

Lauter Männer, aber kein Pfarrer. Dass der Priester des Pfarrverbands Neuaubing-Westkreuz sich für das Leitungsteam nicht zur Verfügung stellt, kann Susanne Engel verstehen. "Unsere Perspektive ist, dass es in den nächsten zehn Jahren 30 Prozent weniger Priester geben wird. Dann ist es sicher wichtig, dass der Pfarrer auch wirklich das macht, wofür er da ist: Seelsorge. Und dann ist es wichtig, dass man die Ressourcen und Fähigkeiten von Ehrenamtlichen mehr einsetzt. Warum auch nicht?"

Die Aufgabe: Gemeindeleitung für 10.000 Gläubige

Die fünf neu Gewählten werden sich um die ganze Organisation der Gemeinde mit etwa 10.000 Mitgliedern kümmern: Beerdigungen, Kommunionunterricht, Seniorennachmittag, Pfarrbrief, Öffentlichkeitsarbeit, Kontrolle des hauptamtlichen Verwaltungsangestellten. Nicht mehr der Pfarrer hat das Sagen. Er kann auch kein Veto gegen die Beschlüsse des Leitungsteams einlegen. Die Machtverhältnisse ändern sich also.

Die Pfarrei will beweisen, dass Kirche Demokratie lernen kann

"Vielleicht kann man so in den nächsten zwei Jahren beweisen, dass es eine Demokratisierung geben kann in der Kirche", hofft Ernst Weiß. Vielleicht kann so auch verhindert werden, dass Pfarrverbände immer noch vergrößert werden müssen, weil es an Priestern fehlt. Vielleicht kann auf diesem Wege die Kirche vor Ort erhalten werden, meint Pastoralreferentin Susanne Engel: "Es gibt irgendwo Grenzen von der Größe her. Das ist ein Weg, wie die Gemeinden vor Ort bestehen bleiben können. Die Leute, die hier in der Gemeinde wohnen, bleiben vor Ort. Seelsorger wechseln immer wieder - Pfarrer oder auch andere Mitarbeiter. Und wenn man dann weiß, dass viele Leute in der Pfarreienleitung verortet sind, die sich auch um das Leben vor Ort kümmern und denen das wichtig ist, hat es vielleicht auch noch eine andere Ausstrahlung."

Zwei Jahre Erprobungsphase, dann könnte das Modell Schule machen

Kardinal Reinhard Marx hat das Projekt "Pastoral planen und gestalten" initiiert. Jetzt soll es zwei Jahre lang erprobt werden. Die Gemeindemitglieder von St. Konrad stehen jedenfalls jetzt schon fest hinter ihrem neuen Leitungsteam: Eine tolle Chance sei das, finden die meisten, immerhin seien die Ehrenamtlichen ja sowieso längst Basis und Fundament der Kirche. 2022 wird die Pilotphase gemeinsam mit dem Erzbistum München-Freising ausgewertet. Dann wird entschieden, ob aus dem Experiment ein Zukunftsmodell auch für andere Kirchengemeinden in der Erzdiözese werden kann.

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