Zurück zur Startseite
Bayern
Zurück zur Startseite
Bayern

Geht die Energiewende ohne große Stromtrassen? | BR24

© BR

Zwei große Gleichstromkabel sollen künftig Windstrom aus dem Norden nach Bayern bringen, Südlink und Südostlink. Dagegen kämpfen Bürgerinitiativen, und auch die Freien Wähler-die mittlerweile in der Staatsregierung zuständig sind für Energiepolitik.

6
Per Mail sharen
Teilen
  • Artikel mit Audio-Inhalten

Geht die Energiewende ohne große Stromtrassen?

Die Freien Wähler wollten Energiepolitik anders umsetzen als die CSU: gegen große Stromtrassen und für dezentrale Lösungen. Jetzt stellen sie den Energieminister. Ganz ohne große Trassen wird es aber kaum gehen.

6
Per Mail sharen
Teilen

Als Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger kurz vor Weihnachten zum bayerischen Energiegipfel lud, waren die Abgesandten der Bürgerinitiativen gegen Stromtrassen in ihren gelben Warnwesten nicht zu übersehen. Hubert Galozy von der Initiative gegen die Südosttrasse war schon einmal da - vor vier Jahren, als CSU-Ministerin Ilse Aigner zum Energiedialog geladen hatte:

"Wir hoffen jetzt wirklich, nachdem vier Jahre nichts passiert ist, dass Herr Aiwanger das Thema wieder aufnimmt." Hubert Galozy, Intitiative gegen die Südosttrasse

Der Freie Wähler Hubert Aiwanger hatte sich vor der Landtagswahl stets an die Seite der Stromtrassen-Gegner gestellt. Beim Energiegipfel vor Weihnachten betonte Aiwanger: "Ich sehe derzeit nicht die große Antwort darauf, wie wir die Energielücke im Süden schließen können. Trassen sind vorgeschlagen, Planungen laufen, aber die Realisierung steht in den Sternen."

Nach Meinung Aiwangers solle Bayern bis dahin am besten selbst so viel Strom erzeugen, dass die großen Stromleitungen schlicht überflüssig werden.

Energiewende hat ihren Preis

Können durch eine Energiewende vor Ort wirklich große Stromleitungen überflüssig werden? Die Nürnberger Wirtschaftsprofessorin Veronika Grimm hat untersucht, ob das Ganze dann nicht sogar billiger für die Stromkunden wäre. Sie rechnet vor: Die Stromerzeugung und der Transport fallen mit jeweils 20 bis 25 Prozent des Strompreises etwa in gleicher Höhe ins Gewicht. Wenn man den Strom dezentral erzeugt, sei das teurer, dafür würde der Transport billiger.

"Wir haben in Studien gezeigt, dass diese Abwägung nicht klar zugunsten der zentralen Erzeugung ausfällt, sondern dass man sich zumindest ein gewisses Maß an Dezentralität erlauben sollte unter Kostengesichtspunkten." Veronika Grimm, Wirtschaftsprofessorin Universität Nürnberg

Also: Den ganzen deutschen Strom mit Windrädern in der Nordsee und Solarparks im Süden erzeugen, und dann mit immer mehr Stromleitungen hin und her transportieren - das ist selbst wirtschaftlich nicht die günstigste Lösung. Aber könnten wir uns die großen Stromautobahnen durch Deutschland ganz sparen? Da sagt die Leiterin des Energiecampus Nürnberg: Nein.

"Ganz verzichten auf die Hochspannungsübertragungstrassen kann man sicherlich nicht. Es muss im gewissen Maße zugebaut werden - wahrscheinlich nicht in dem Maße, wie man sich das ursprünglich mal vorgestellt hat." Veronika Grimm

Unrealistische Studien

Auch das Öko-Institut hat untersucht, ob der dezentrale Ausbau von Ökoenergie die ungeliebten Stromautobahnen verhindern kann. Zehn Studien aus den letzten Jahren wurden analysiert, darunter auch solche, die die Gleichstromtrassen für verzichtbar erklärten. Allerdings auf falscher Grundlage, sagt Felix Matthes vom Öko-Institut: "Sie unterstellen einfach, dass in Bayern, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz der Windenergieausbau um den Faktor sieben steigt im Vergleich zu heute. Nur sind das völlig illusorische und nicht belastbare Annahmen."

In der Realität wurden in Bayern wegen der restriktiven 10H-Mindestabstandsregel zu Siedlungen zuletzt kaum noch neue Windräder genehmigt. Ausbaupotenzial gibt es freilich auch noch bei der Photovoltaik, gegen die sich weniger Widerstand erhebt.

"Wir haben das ausführlich uns angeguckt. Durchaus auch in Extremszenarien, dass wir alle Dächer dieses Landes mit Photovoltaikanlagen bedecken und auch nochmal 100 Gigawatt Freiflächenanlagen überwiegend im Süden bauen: Das vermeidet die Leitungen nicht." Felix Matthes, Öko-Institut

Trassen und mehr dezentrale Energieerzeugung

Die Erdkabel Südlink und Südostlink seien unverzichtbar, sagt Felix Matthes vom Öko-Institut. Und man sollte neben jedes davon sicherheitshalber auch noch ein Leer-Rohr in den Boden legen, um einen künftigen Ausbau zu vereinfachen. Genau so sinnvoll sei aber auch, möglichst viel Strom dezentral und verbrauchernah zu erzeugen.

"Das macht in jedem Fall Sinn und das wird auch so kommen. Weil eben gebäudeintegrierte Photovoltaik natürlich eine wichtige Option ist. Und wenn Fläche eine knappe Ressource ist, dann müssen wir eben auch die Ressource Dachflächen möglichst ausnützen. Und das ist in der Regel eine verbrauchsnahe Erzeugung." Felix Matthes

Die Alternative entweder mehr Stromleitungen oder mehr Windräder und Solarzellen vor Ort gäbe es demnach in dieser Form gar nicht. Für eine erfolgreiche Energiewende braucht es am Ende vielleicht beides, wie die Studien zeigen.