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Gegen Einsamkeit: Verein startet Hotline für Senioren | BR24

© picture-alliance/Karo Kraemer

Das Telefon bleibt vielen Senioren derzeit als einzige Verbindung zur Außenwelt.

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    Gegen Einsamkeit: Verein startet Hotline für Senioren

    Gerade ältere Leute treffen die Ausgangsbeschränkungen hart: Sie gehören zur Risikogruppe, sollten möglichst nicht rausgehen, Besuch ist tabu. Der Münchner Verein "Retla" will die Vereinsamung im Alter stoppen: Mit einer Telefon Hotline für Senioren.

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    Unter der Nummer 089 1891 0026 können sich Seniorinnen und Senioren mit Gesprächsbedarf melden. Mit ein wenig Glück hören sie dann zwei vertraute Stimmen: Die von Michaela May oder Elmar Wepper. Eigentlich kennt man sie aus Film und Fernsehen: 1988 waren Michaela May und Elmar Wepper in der Kultserie "Irgendwie und Sowieso" zu sehen.

    Elmar Wepper und Michaela May als Telefonvermittler

    Jetzt sind die Schauspieler Schirmherrin und Schirmherr bei der Aktion "Telefonengel" des Münchner Vereins "Retla". Die Hotline richtet sich an ältere Leute, die jetzt in der Corona-Krise zuhause oder im Altenheim sitzen und keinen Besuch bekommen dürfen. Einsamkeit im Alter: Ein Thema, das Elmar Wepper sehr nah geht:

    "Ich bin ja selber in einem Alter, da muss man sich an die Nase packen. Man denkt immer, man ist so dynamisch und jung aber ich werde jetzt 76 und da ist man ein richtiger Senior. Ich bin zwar eingebunden in die Familie und hab das Privileg eine wunderbare Frau, Kinder und Enkel zu haben und einen tollen Hund, aber es gibt halt viele Menschen, denen es nicht so gut geht." Schauspieler Elmar Wepper

    Fast die Hälfte alle Menschen über 65 lebt laut statistischem Bundesamt alleine in einem Haushalt. Viele Personen im Freundeskreis versterben nach und nach. Dazu kommt jetzt noch die Ausgangsbeschränkungen im Kampf gegen das Coronavirus – viele haben dadurch kaum mehr soziale Kontakte. Um diesen Menschen zu helfen, hat der Verein Retla (der Name kommt vom Wort Alter, rückwärts geschrieben) eine Hotline gegründet.

    Mehr als 150 Ehrenamtliche wollen helfen

    Dort können Seniorinnen und Senioren anrufen, die sich einsam fühlen. Der Verein vermittelt ihnen dann eine feste Gesprächspartnerin oder einen Gesprächspartner. Dadurch sollen Freundschaften entstehen, die sogar über die Corona-Krise hinaus bestehen bleiben. Letzte Woche hat die Initiatorin Judith Prem einen Aufruf gestartet, um Ehrenamtliche zu finden. Seitdem stehe ihr Telefon nicht mehr still, wie sie sagt. Mehr als 150 Leute hätten sich bereits gemeldet:

    "Ich hatte eine Mutter, die war mit ihren Kindern zuhause, viele ältere Menschen die aktiv sind und sich im Seniorenbereich engagieren und jetzt auch nicht mehr ihrem Engagement nachgehen dürfen, eine Gruppe von Studenten, eine Telefonagentur, die sich mit ihren Mitarbeitern beteiligen möchte, und eine Baufirma, die 40 Mitarbeiter schicken möchte." Judith Prem, Initiatorin

    Jeder kann "Telefonengel" werden

    Und auch Claudia Weber ist dabei. Die Realschullehrerin ist gerade von der Arbeit freigestellt und hat trotzdem jede Menge zu tun. Normalerweise unterrichtet die 52-Jährige Deutsch, Geschichte und Ethik. Jetzt ist sie zuhause und bereitet Unterrichtsmaterial für ihre Schüler vor. Außerdem erledigt sie für ihre älteren Nachbarn die Einkäufe.

    Dass sie in einer Krise helfen will, steht für Claudia Weber schon seit 20 Jahren fest. Damals war ihr Großvater an Krebs erkrankt und musste rund um die Uhr versorgt werden – Ehrenamtliche haben dabei geholfen, erinnert sie sich.

    "Wir haben damals eine unheimliche Entlastung durch diese Menschen erfahren und ich hab mir damals geschworen, sollten jemals wieder härtere Zeiten kommen, möchte ich auch helfen. Und im Augenblick scheint es so, dass Menschen Hilfe brauchen können, deswegen wollte ich aktiv werden." Claudia Weber, Realschullehrerin

    Seit ein paar Tagen gehört deshalb zu Claudia Webers vielen Tätigkeiten noch eine weitere: Ehrenamtlicher Telefonengel bei RETLA. Noch steht ihr erstes Telefonat aus – aber sie ist gut vorbereitet: An Gesprächsthemen mangele es nicht, man könne über gemeinsame Interessen sprechen, Hobbies und Berufe. Besonders interessieren die Geschichtslehrerin natürlich auch Geschichten von früher, aus der Kindheit der Senioren. "Da ergeben sich sicher interessante Gespräche, wie es damals vor 60, 70 Jahren zugegangen ist", hofft die Realschullehrerin, "im Idealfall lerne ich noch was dazu. Ich lass mich überraschen."

    Der Gesprächsbedarf ist bei vielen hoch, aber die Hemmschwelle auch

    Die Freiwilligen bekommen außerdem einen Gesprächsleitfaden – darin steht zum Beispiel, wie sie sich verhalten sollen, wenn das Gespräch besonders ernst oder emotional wird. Noch sind die Seniorinnen und Senioren etwas zurückhaltend. Der Gesprächsbedarf ist hoch, sagen viele Pflegeheime, aber eine gewisse Hemmschwelle gibt es bei den älteren Leuten schon.

    Ein Anreiz für alle Unschlüssigen: Dienstags zwischen 11 und 12 und zwischen 15 und 16 Uhr sitzen Michaela May und Elmar Wepper am Telefon. Die versuchen dann, für die Senioren einen passenden Freiwilligen zu finden. Und freuen sich jetzt schon auf viele Anrufer.

    Info: Die Telefonhotline 089 1891 0026 ist jeden Tag von 8 bis 22 Uhr besetzt. Mehr Informationen gibt es auf retla.org