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Gegen "Bauernbashing" und Auflagen: Protestzug der Landwirte | BR24

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Landwirte demonstrieren gegen Bauernbashing

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Gegen "Bauernbashing" und Auflagen: Protestzug der Landwirte

Schlechte Stimmung bei den Landwirten: Sie fühlen sich angeprangert und sind unzufrieden mir der Agrarpolitik. Bundesweit - darunter in Bayreuth, München und Würzburg - demonstrieren die Bauern heute gegen "Stimmungsmache" und strenge Auflagen.

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"Giftspritzer, Tierquäler, Subventionsempfänger" - viele Bauern fühlen sich als Buhmänner der Nation. Verantwortlich dafür seien vor allem Umwelt- und Tierschutzorganisationen sowie die Presse, die sie mit pauschalen Vorwürfen überzögen: Insektensterben, Nitrat im Grundwasser, ausgeräumte Landschaften, grausame Massentierhaltung - für alles werde die Landwirtschaft verantwortlich gemacht.

Als jüngstes Beispiel beklagen die Bauern die im schwäbischen Bad Grönenbach in großen Milchviehbetrieben aufgedeckten Tierquälereien: Sie alle würden seither als Tierquäler hingestellt, es würden alle über einen Kamm geschert und kein Unterschied gemacht.

"Wir hängen an unseren Tieren. Wir bemühen uns, die gut zu behandeln, gut zu füttern. Aber wenn etwas in der Öffentlichkeit ist, wenn ein schwarzes Schaf da ist, das wird auf alle übertragen." Erika Wunner, Milchbäuerin aus Oberfranken

Bauern gehen auch in Bayern auf die Straße

Die Landwirte wollen diese Entwicklung nicht länger hinnehmen: Bundesweit gehen die Bauern heute auf die Straße, am Vormittag sind auch in Bayern drei große Kundgebungen geplant. In Bayreuth, München und Würzburg werden jeweils Hunderte protestierende Landwirte mit ihren Traktoren erwartet.

Die drei Kundgebungen sind Teil eines bundesweiten Aktionstags der Bauerninitiative "Land schafft Verbindung", der sich innerhalb kürzester Zeit Zehntausende Landwirte angeschlossen haben. In 17 Städten hat die Facebookgruppe heute zu Demonstrationen aufgerufen. Von der Protestbewegung überrascht wurde nicht zuletzt der Deutsche Bauernverband, der an der Organisation der Demonstrationen nicht beteiligt ist.

© Bayerischer Rundfunk 2019

Bauernproteste in München

Verärgerung über "Stimmungsmache" und die Politik

Die Initiative beklagt zum einen "permanente negative Stimmungsmache" und "Bauernbashing". Das richtet sich vor allem gegen die Vorwürfe von Umweltschützern und Politikern, dass die konventionelle Landwirtschaft schlecht für Natur, Umwelt und Trinkwasser sei.

Zudem sind die Bauern verärgert, weil EU und Bundesregierung die Umweltauflagen in den vergangenen Jahren stetig verschärft haben. Gleichzeitig stellen alljährlich Tausende von Bauern den Betrieb ein, weil sich die Landwirtschaft immer weniger lohnt. Ein Symbol der Protestbewegung sind die grünen Kreuze, die viele Landwirte als Symbol ihrer Existenzängste auf Feldern und Wiesen aufstellen.

Nitrat, Glyphosat & Co: Strengere Auflagen beim Umweltschutz

Zum Schutz des Grundwassers vor Nitrateinträgen kommen auf die Bauern etwa bei der Düngung noch strengere Auflagen zu. Mit der Düngeverordnung von 2017 hadern viele Bauern immer noch, denn sie sind mit viel Bürokratie verbunden. Dazu kommt, dass sie Obergrenzen beim Ausbringen von Gülle beachten müssen. Bei der letzten amtlichen Messung im Jahr 2016 war der Nitratgehalt bundesweit an jeder dritten Messstelle zu hoch. Auf Druck aus Brüssel muss die Bundesregierung nun die Düngeverordnung weiter nachbessern. Sonst drohen Deutschland Strafzahlungen von täglich über 800.000 Euro.

Beim Einsatz des umstrittenen Unkrautbekämpfungsmittels Glyphosat plant die Bundesregierung nun massive Einschränkungen auf Agrarflächen, dazu in Schutzgebieten ein Verbot von Pestiziden, die Insekten schaden. Denn in der Agrarlandschaft schwindet die Artenvielfalt am stärksten. Als Hauptursache dafür nennt das Bundesamt für Naturschutz (BfN) die immer intensivere Bewirtschaftung der Agrarflächen mit immer größeren Feldern, fehlenden Randstreifen, Maisanbau, häufig gemähten Wiesen und Pestizideinsatz.

Preisdruck bei Lebensmitteln

Anders als bis Ende der 1980er Jahre konkurrieren heute die europäischen Bauern bei offenen Märkten mit Landwirten aus der ganzen Welt. Um mithalten zu können, müssen sie möglichst kostengünstig Nahrungsmittel erzeugen, denn am Weltmarkt sind die Preise eher niedrig. Zusätzlich liefert sich der Lebensmittelhandel in Deutschland einen Preiskampf, eine Handvoll Unternehmen übertrumpft sich gegenseitig mit Billigpreisen, das drückt zusätzlich auf die Erzeugerpreise der Bauern.

Konkurrenz aus Südamerika

Zusätzlich wächst bei Landwirten die Sorge, dass ihnen schon bald immer mehr billige Agrarprodukte aus Südamerika Konkurrenz machen. Denn die Europäische Union hat sich mit vier südamerikanischen Staaten auf ein umfassendes Handelsabkommen verständigt und ihnen für Agrarerzeugnisse einen erleichterten Zugang zum EU-Markt zugesichert.

Noch ist dieses sogenannte Mercosur-Abkommen nicht unterzeichnet - Österreich will den Freihandelsvertrag kippen. Für den Berufsstand aber ist es schon jetzt ein "Kuhhandel zu Lasten der Bauernfamilien". Organisationen wie Greenpeace befürchten, dass europäische Landwirte künftig in einen gnadenlosen Preiskampf gezwungen werden.

Schwindende Akzeptanz bei der Bevölkerung

Das erfolgreiche Volksbegehren "Rettet die Bienen" hat es deutlich gemacht: In der Bevölkerung schwindet die Akzeptanz gegenüber der bisherigen Landwirtschaft. Die Bauern sollen nicht mehr nur Nahrungsmittel erzeugen, sondern so wirtschaften, dass sie die für alle Menschen wichtigen Lebensgrundlagen wie Boden, Luft, Wasser und die Artenvielfalt nicht gefährden.

Nur so kann nach Ansicht von Wissenschaftlern die gesellschaftliche Akzeptanz der Agrarpolitik und die finanzielle Unterstützung der Bauern durch Steuergelder langfristig gesichert werden. Der Diskussion darüber, so mahnt Alois Glück, Moderator des Runden Tischs Artenvielfalt, müssen sich die Bauern und ihr Berufsstand stellen. Denn es helfe nicht weiter, sich in eine Opfer-Rolle zu begeben.

© BR

Sie lieben ihren Beruf, fühlen sich oft für ihn geboren und sehen sich zunehmend am Pranger und am Gängelband: Landwirte in Bayern. Restriktive Auflagen, Vorurteile und das Gefühl, wer nicht Bio ist, ist böse, drücken auf die Stimmung.