Junge trinkt aus Wasserflasche bei sehr großer Hitze (Symbolbild)

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Gefahr Hitzetod: Tun bayerische Kommunen zu wenig?

Gefahr Hitzetod: Tun bayerische Kommunen zu wenig?

Kann man an Hitze sterben? Man kann, warnen Mediziner und Forschende. Und die Zahl der Tage, an denen es gefährlich heiß wird, nehmen zu. Was unternehmen bayerische Kommunen, um die Bevölkerung zu schützen?

In Jahren mit extrem heißen Temperaturen starben bislang in Deutschland mehr Menschen an den Folgen von Hitze als im Straßenverkehr. Die Todesursachen sind häufig: Herzinfarkt oder Nierenversagen.

Sterblichkeit steigt mit der Temperatur

Die Augsburger Umweltforscherin und Professorin für Regionalen Klimawandel und Gesundheit, Elke Hertig, hat über Jahre den Zusammenhang von Sterblichkeit und Hitze untersucht: Im Hitzesommer 2003 starben 7.600 Personen an den Folgen der Hitze, 2015 waren es 6.100, hat Hertig mit ihrem Team errechnet. Und die Tendenz steige, sagt die Forscherin.

Zwar gibt es keine bayerischen Zahlen, allerdings geht aus einer Landtagsanfrage von September 2021 hervor, dass die letzte Juliwoche 2019 besonders heiß war und damals auch besonders viele Menschen starben. Vor allem Menschen mit Kreislauferkrankungen sieht Hertig als gefährdet. "Wir sehen, dass die Sterblichkeit pro Grad Temperaturanstieg um circa 3,8 Prozent ansteigt", sagt Hertig. "Also das sind schon immense Zahlen."

Hertig warnt auch davor, dass Hitzewellen und extrem heiße Tage mit Temperaturen von 38 Grad und mehr zunehmen werden. Deswegen müsste das Thema schnell auf die Agenda, so die Klimaforscherin.

Kommunen in der Pflicht

Für den Schutz der Bevölkerung vor Ort sind die Kommunen verantwortlich, doch in keiner bayerischen Stadt oder Gemeinde liegt ein Hitzeaktionsplan vor. Das bestätigen Recherchen von BR24 und eine Stellungnahme des Bayerischen Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL).

Immerhin: Das LGL hat im September 2021 eine Arbeitsgruppe zum Thema Hitzetod gegründet, zu der auch Kliniken und Pflegeverbände gehören. Denn von hohen Temperaturen bedroht sind vor allem ältere Menschen - umso mehr, wenn sie alleine leben. Denn sie haben weniger Durstgefühl, vergessen zu trinken, dehydrieren. Die Folge: Nierenversagen.

DWD warnt bei Hitzetagen

Ähnlich wie bei Hochwasser oder Starkregen gibt der Deutsche Wetterdienst (DWD) Warnungen bei Hitzetagen heraus. Ausschlaggebend ist dabei die gefühlte Temperatur. Die wiederum ist abhängig von Wind, Strahlung, Luftfeuchtigkeit und der eigentlichen Temperatur. Es ist also eine berechnete "künstliche" Temperatur, der Schwellenwert liegt bei etwa 32 Grad.

Wird dieser Schwellenwert an mindestens zwei Tagen in Folge überschritten, gibt es eine sogenannte Hitzewarnung, die auch beispielsweise im Radio gemeldet wird. In den vergangenen fünf Sommern warnte der DWD an 79 Tagen in Bayern, besonders oft in Aschaffenburg, Altötting, Würzburg, Miltenberg, im Landkreis Rottal-Inn und Passau.

Hitzeaktionsplan: Beispiel Würzburg

Würzburg ist dabei, einen Hitzeaktionsplan zu erstellen. Die Stadt gilt durch ihre Kessellage als eine der heißesten Städte in Bayern. Auch Augsburg, Regensburg und München wollen dem Stadtrat bald einen Hitzeaktionsplan vorlegen. Bei der Stadtplanung ist den Verantwortlichen das Thema bewusst, doch bei akuten Hitzeereignissen schützen Gemeinden ihre Bürgerinnen und Bürger zu wenig mit konkreten Maßnahmen.

Auch Martin Heilig (Grüne), Klimabürgermeister von Würzburg, räumt ein, dass Kommunen das Hitzerisiko oft nicht richtig bewerteten: "Das muss man ganz klar mit 'Ja' beantworten, dass insgesamt das Problem lange unterschätzt wurde und eigentlich immer noch unterschätzt wird."

Die Stadt hat bei Forschungsprojekten mitgemacht, unter anderem auch mit der Universität Würzburg und der TU München. Deren Ergebnisse zeigen, dass es in den Stadtteilen, in denen die Überhitzung besonders groß ist, mehr Rettungseinsätze gibt. "Insbesondere wenn wir Nächte haben, die sogenannten Tropennächte, wo es nicht unter 20 Grad abkühlt. Das ist eine ganz, ganz große Belastung für Menschen, die sowieso schon gesundheitlich angeschlagen sind, und sowohl für Kinder und auch für ältere Menschen", so der Bürgermeister. Würzburg arbeite deswegen mit Hochdruck daran, einen Hitzeaktionsplan aufzustellen.

Was andernorts gegen die Hitze getan wird

Tatsächlich wäre es nicht schwer, Menschen besser vor Hitze zu schützen. Andere Länder, aber auch deutsche Städte sind in diesem Zusammenhang bereits viel weiter und haben wirkungsvolle, einfache Maßnahmen. Frankreich zum Beispiel sagt bei Hitzewellen Großveranstaltungen im Freien ab. Wien hat 1.000 Trinkwasserbrunnen, 50 davon sind mobil und werden an belebte Plätze gefahren.

Kassel betreibt seit zwölf Jahren ein Hitzetelefon. Seniorinnen und Senioren werden bei hohen Temperaturen angerufen und ans Trinken erinnert. Oder Kommunen laden zum Abkühlen in klimatisierte Bibliotheken, Museen oder kühle Kirchen ein.

Was bei Hitze zu tun ist: Modellregion Straubing

Solche konkreten Maßnahmen finden sich auch bei einer sogenannten "Toolbox" des LGL. Die Stadt Straubing wird nun als Modellregion einen Leitfaden ausarbeiten, der dann auch auf andere Gemeinden übertragbar sein soll. Ende 2023 soll eine Art Masterplan stehen, mit ganz konkreten Vorschlägen, was bei Hitze zu tun ist, wie die Bevölkerung gewarnt und unterstützt werden kann.

Denn die Zeit drängt: Forscher prognostizieren, dass die Zahl der Hitzetage in Bayern mit über 30 Grad zunimmt. Sind es bislang ungefähr 15 Tage im Sommer, so könnten es durch den Klimawandel bis zum Ende des Jahrhunderts mehr als 50 Tage im Sommer werden.

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