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Gefährliches Gottvertrauen: Kirchen als Superspreader? | BR24

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Nachdem seit Mai Gottesdienste und religiöse Versammlungen wieder erlaubt sind, werden immer wieder Corona-Infektionsherde bei religiösen Versammlungen publik. Doch ist das Ansteckungsrisiko in Kirche oder Moschee tatsächlich höher als im Baumarkt?

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Gefährliches Gottvertrauen: Kirchen als Superspreader?

Nachdem seit Mai Gottesdienste und religiöse Versammlungen wieder erlaubt sind, werden immer wieder Corona-Infektionsherde bei religiösen Versammlungen publik. Doch ist das Ansteckungsrisiko in Kirche oder Moschee tatsächlich höher als im Baumarkt?

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Mehr als 200 Gläubige hatten sich im Mai in einer Freikirche in Frankfurt am Main mit dem Coronavirus infiziert. Eine Nachricht, die bundesweit durch die Medien ging. Ein Gottesdienst der Baptisten-Gemeinde war zum verhängnisvollen Infektionsherd geworden. Mundschutz und Abstandhalten – das ist längst auch in Kirchen, Moscheen und Synagogen Pflicht.

Und doch klagte Gesundheitsminister Jens Spahn kürzlich im Interview mit den "Tagesthemen" über Corona-Ausbrüche bei religiösen Zusammenkünften, wodurch sich die Infektionslage in Deutschland nicht beruhigen könne.

Freikirchen: "Mit kritischen Argusaugen beäugt"

Sind religiöse Veranstaltungen eine Gefahr, zumal wenn sie singen und sich an den Händen halten? Immer wieder wird der Vorwurf laut, religiöse Gemeinschaften seien "Superspreader" und verbreiteten das Coronavirus. Joachim Henn von der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde in München-Großhadern weist die Vorwürfe zurück: Nach dem Corona-Ausbruch in der Frankfurter Freikirche mit mehr als 200 Infizierten habe man sehr schnell reagiert. "Wir wussten durch die Vorfälle in Frankfurt, dass wir als Freikirche selbstredend in unserer Nachbarschaft mit kritischen Argusaugen beäugt werden, wie wir damit umgehen."

Er räumt ein, dass Nähe und Zuneigung durch Körperkontakt oder das Singen in den Freikirchen stark ausgeprägt sei. "Die noch charismatischeren Kreise leben natürlich auch noch eine viel stärkere Form des Musikalischen, indem man dann miteinander tanzt", sagt Joachim Henn. Deshalb sei das Corona-Übertragungsrisiko in Freikirchen tatsächlich hoch.

Gottesdienst: Vorab-Registrierung ist notwendig

Entsprechend habe man in seiner Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde reagiert: Von sonst maximal 120 Gläubigen darf aktuell höchstens ein Drittel zu den Gottesdiensten kommen, die Gläubigen müssen Masken tragen und 1,50 Meter Abstand halten. Außerdem müssen sich alle Gläubigen vorab registrieren, die teilnehmen wollen. Tanzen, die Hände reichen, einander nahe sein – das ist aktuell nicht möglich.

Ähnliche Schutzkonzepte haben auch die beiden großen Kirchen entwickelt, genau so wie muslimische und jüdische Gemeinden. Wenn die Regeln eingehalten werden, sollte die Infektionsgefahr nicht höher sein als im Kegelclub oder im Baumarkt.

Ob religiös oder nicht: Versammlungen sind immer heikel

Stephanie Jacobs sieht das ähnlich. Sie leitet das Referat für Gesundheit und Umwelt der Stadt München und ist damit oberste Corona-Krisenmanagerin der Landeshauptstadt. Ob religiös oder nicht – Menschenversammlungen seien immer heikel.

"Immer da, wo Menschen zusammenkommen, ist Vorsicht geboten, gerade jetzt, wo weltweit die Infektionen zunehmen", sagt Jacobs. "Nach unseren Kenntnissen halten sich die Religionsgemeinschaften sehr genau an die Auflagen und wir erleben hier einen besonders verantwortungsvollen Umgang auch mit den Hygiene- und Abstandsregelungen", lobt sie.

Corona-Ausbruch bei Religionsgemeinschaften eher die Ausnahme

Aktuell weiß sie von keinem Corona-Ausbruch nach einer religiösen Zusammenkunft im Großraum München. Und auch für die Stadt Ingolstadt war der Ausbruch bei einer religiösen Feier von Muslimen eher die Ausnahme: Es gäbe "keine Anhaltspunkte, die eine grundsätzliche Problematik bei anderen Religionsgemeinschaften belegen würden", teilte ein Sprecher auf Anfrage mit. Ein genereller "Superspreader"-Verdacht gegen Religionsgemeinschaften ist also nicht gerechtfertigt.

Allerdings gibt es Corona-Leugner und Infektionsschutzgegner auch unter Gläubigen. "Ich hatte zwei, drei, die mit ihren kruden Verschwörungstheorien auch bei uns einhergehen", bestätigt Joachim Henn von der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde in München-Großhadern. Derlei Tendenzen habe seine Kirchengemeinde aber "widerstanden", so formuliert er es. Ebenso wenig teile man eine Einstellung nach dem Motto, "als Christ muss man nur genug beten und es passiert nichts", so Henn. Die Religionsgemeinschaften hätten da eine große Verantwortung, so betont er, einen konstruktiven Beitrag zu leisten, um eine Ausbreitung des Virus zu verhindern.

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