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Gedenken: Die Todesmärsche von Flossenbürg | BR24

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Kurz vor der Befreiung am 23. April 1945 trieb die SS die Häftlinge des KZ Flossenbürg in der Oberpfalz auf Todesmärsche in Richtung Dachau. Tausende sterben oder werden in diesen letzten Kriegstagen ermordet.

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Gedenken: Die Todesmärsche von Flossenbürg

Kurz vor der Befreiung am 23. April 1945 trieb die SS die Häftlinge des KZ Flossenbürg in der Oberpfalz auf Todesmärsche in Richtung Dachau. Tausende starben oder wurden in diesen letzten Kriegstagen ermordet.

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Der Zweite Weltkrieg ist im Frühjahr 1945 in seiner letzten Phase. Die Amerikaner sind auf dem Vormarsch. Am 3. April erobern sie Aschaffenburg, am 14. April ergibt sich Bayreuth. Was die Amerikaner nicht ahnen: Versteckt in den Hügeln der Oberpfalz befindet sich noch ein Konzentrationslager: Flossenbürg.

Verzweifelte Lage

Rund 20.000 Häftlinge warten dort auf ihre Befreiung. Eine verzweifelte Lage für die Häftlinge: zwischen der Hoffnung, befreit zu werden, und der Todesangst, von der SS davor umgebracht zu werden.

Hoffnung auf Befreiung ganz nah

Justin Sonder ist einer der überlebenden Häftlinge. Im Februar 1945 wird er nach Flossenbürg gebracht. Er muss außerhalb des Lagers Arbeiten erledigen. Am 14. April 1945 macht er dabei eine merkwürdige Beobachtung:

"Die Straße war voll mit schwedischen Omnibussen vom Roten Kreuz. Und da hatte ich Hoffnung, dass sie uns übernehmen. Ich bin den ganzen Nachmittag auf dem Appellplatz hin und her gelaufen." Justin Sonder, Zeitzeuge

Den ganzen Tag hofft Justin Sonder darauf, vom Roten Kreuz evakuiert zu werden. Vergeblich.

Häftlinge im Zug nach Dachau

Zwei Tage später, am 16. April, werden die jüdischen Häftlinge auf dem Appellplatz zusammengetrieben. Bewacht von rund hundert SS-Männern werden die 1.700 Menschen in einen Zug gepfercht, um sie ins KZ Dachau zu bringen. Die Amerikaner bombardieren auf dem Weg immer wieder Loks oder Eisenbahnknotenpunkte, weil sie davon ausgehen, dass in den Zügen deutsche Truppen sind.

"Wie wir nach dem Fliegerangriff hergekommen sind, haben wir Verletzte gesehen, Schreie von Menschen auf der Straße gehört. Wie wir nähergekommen sind, haben wir sie auf dem Platz, auf der Straße liegen sehen." Ottmar Hochmuth, Zeitzeuge

Erst Zug, dann zu Fuß

Als der Zug in Schwarzenfeld beschossen wird, treibt die SS die Häftlinge zu Fuß weiter, die Verwundeten erschießen sie. Eine Blutspur zieht sich durch die Oberpfalz. Justin Sonder bleibt unverletzt. Hinter Schwarzenberg teilt sich die Kolonne auf. Auf verschiedenen Wegen werden die Häftlinge zu Fuß durch die Oberpfalz getrieben. Schwarzenfeld ist nicht das letzte Massaker.

Massaker in Neunburg vorm Wald

Am 21. April 1945 erreicht der Todesmarsch Neunburg vorm Wald. Ein Teil der Häftlinge darf auf einer Wiese bewacht von der SS rasten. Neunburger bringen den Häftlingen Kartoffeln und Wasser. Stundenlang bleiben sie dort. Es regnet.

Während dessen richtet die SS in einem Wald oberhalb des Ortes ein weiteres Massaker an. Wieder kommen die Amerikaner zu spät und können nur noch die Leichen von 160 Häftlingen bergen. Wie schon in Schwarzenfeld befehlen sie den Bewohnern, die Toten würdig zu bestatten.

Der Todesmarsch geht weiter

Die SS ist inzwischen mit den restlichen Häftlingen weiter zu Fuß unterwegs in Richtung Süd-Osten. Immer wieder werden Menschen am Wegesrand erschossen. Erst Tage später am 23. April 1945 werden die Häftlinge in Wetterfeld befreit. Die SS-Männer ergeben sich den Amerikanern.

"Das war das Signal: Wir sind aufgestanden und haben alle in allen verschiedensten Sprachen ein einziges Wort gesagt: Freiheit. Wir haben das laut gerufen." Justin Sonder, Zeitzeuge

Mehr als 5.000 Menschen werden auf diesen Todesmärschen des Konzentrationslagers Flossenbürg ermordet.

Gedenkfeiern wegen Corona abgesagt

Für den 26. April und 3. Mai 2020 waren in den KZ-Gedenkstätten Dachau und Flossenbürg Festakte zum Gedenken an die Befreiung geplant. Wegen der Corona-Pandemie können sie nicht stattfinden. Über 100 Überlebende und Befreier hatten ihr Kommen ursprünglich zugesagt, so die Stiftung Bayerischer Gedenkstätten. Nach Alternativen, dennoch der Befreiung offiziell gedenken zu können, werde gesucht.

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