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Gedenken an Pogromnacht in Würzburg
© BR - Eberhard Schellenberger

Autoren

Barbara Markus
Achim Winkelmann
© BR - Eberhard Schellenberger

Gedenken an Pogromnacht in Würzburg

Der Reichspogromnacht vom 9. November 1938 wurde in Würzburg bereits am Vorabend gedacht. Erstmals nahmen daran die obersten Vertreter der beiden großen christlichen Kirchen in Deutschland teil. Kardinal Reinhard Marx, Vorsitzender der Bischofskonferenz sowie der Ratsvorsitzende der evangelischen Kirche, Heinrich Bedford-Strohm waren dabei, als der 79. Psalm am Platz der ehemaligen Hauptsynagoge von Würzburg in der Domerschulstraße gesungen wurde. Im Anschluss an die öffentliche Gedenkveranstaltung waren die beiden christlichen Würdenträger bei einer Podiumsdiskussion Gesprächspartner von Josef Schuster. Er ist Präsident des Zentralrats der Juden und Vorsitzender der jüdischen Kultusgemeinde in seiner Heimatstadt Würzburg.

„Es ist eine Erinnerung, es ist eine Mahnung – und manche Entwicklungen machen einem Gedanken, ob es – nicht heute, nicht morgen – aber vielleicht doch wieder zu einer solchen Situation auch in Deutschland kommen könnte. (…) Wenn in München 5.000 Menschen gegen den Einzug der AfD in den bayerischen Landtag demonstrieren, dann gibt mir das auch Mut und zeigt mir, dass bei den Menschen sehr viel Empathie da ist.“ Josef Schuster Präsident des Zentralrats der Juden

Gedenken an die Pogromnacht

Gedenken an die Pogromnacht

Zeitgemäße Erinnerungskultur

Vor 300 geladenen Gästen ging es dabei im jüdischen Gemeindezentrum "Shalom Europa" um die Frage nach einer zeitgemäßen Erinnerungskultur. 80 Jahre nach dem 9. November 1938 neigt sich die Ära der Zeitzeugen zu Ende - auf Seiten der Opfer, der Täter und der Zuschauer. Keine deutsche Identität ohne Ausschwitz? Ein Fragezeichen steht hinter dem Titel der Podiumsdiskussion, die der Zentralrat der Juden in Deutschland veranstaltet. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden hatte sich im Vorfeld klare Bekenntnisse von den obersten Repräsentanten der beiden großen christlichen Kirchen erhofft.

"Christlicher Glaube und Judenfeindschaft schließen einander aus, Antisemitismus ist Gotteslästerung." Heinrich Bedford-Strohm, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Kardinal Reinhard Marx, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz sieht Christen in der Pflicht, solidarisch mit Juden zu sein.

"Nicht noch einmal wird man uns auseinander ziehen, sondern wir werden Schulter an Schulter gemeinsam gehen. (...) Wer kommt auf den Gedanken, dass es nie wieder passieren kann? Natürlich kann es passieren, dass die Demokratie und der Rechtsstaat gefährdet sind." Kardinal Reinhard Marx, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz

Die zerstörten Fenster der Kieler Synagoge nach der Reichspogromnacht

Die zerstörten Fenster der Kieler Synagoge nach der Reichspogromnacht

Gedenken am Platz der ehemaligen Hauptsynagoge

In Würzburg war, ähnlich wie in München, die ehemalige Hauptsynagoge in der Domerschulstraße am 9. November 1938 verwüstet worden. Der Aufruf dazu kam von schräg gegenüber, aus der Universität, von ihrem damaligen Rektor. Auch alle anderen sechs Synagogen in Würzburg wurden geschändet, jüdische Geschäfte und Wohnungen zerstört und geplündert, Juden gedemütigt und misshandelt. Drei Menschen überlebten das Progrom nicht. Es war der Beginn einer systematischen Judenverfolgung, die in die Deportation von rund 2.000 Menschen aus Würzburg mündete.

Schüler aus Marktheidenfeld beteiligen sich am „DenkOrt Aumühle“

Die Stadt Marktheidenfeld und das dortige Gymnasium beteiligen sich am Würzburger Projekt „DenkOrt Aumühle“. Ort des Gedenkens ist das Anwesen Mainkai 7. Dort war um das Jahr 1910 ein jüdischer Betraum untergebracht. Die Bürger sind zur Gedenkfeier eingeladen. Zehntklässler des Balthasar-Neumann-Gymnasiums fertigten eine Gepäck-Skulptur gemeinsam mit Lehrerin Elke Grömling-Füller und Schülervater Christian Jopp zum Gedenken an die aus Marktheidenfeld deportierten und ermordeten Juden.

DenkOrt Aumühle

DenkOrt Aumühle

Der Hintergrund: Am ehemaligen Verladebahnhof an der Inneren Aumühle in Würzburg soll eine Gedenkstätte für jüdische NS-Opfer entstehen. Von dort wurden 2.068 Juden deportiert, die einst ihre Koffer, Rucksäcke und zusammengerollte Decken aufreihten, bevor sie in Züge einstiegen und zum Großteil nie mehr zurückkamen. 109 Ortschaften in Unterfranken sind eingeladen, sich zu beteiligen und selbst „Gepäckstücke“ auf einem wetterfesten Material anzufertigen, die dann an der Gedenkstätte aufgereiht werden.

Auch in Aschaffenburg, Schweinfurt, Gerolzhofen und Ebelsbach wird mit Veranstaltungen der Reichspogromnacht vor 80 Jahren gedacht.

Die Zentrale Gedenkveranstaltung in München überträgt der BR live.