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Gedenken an Opfer antisemitischer Morde in Erlangen | BR24

© dpa

Ein Polizist bewacht nach der Tat das Haus, in dem Shlomo Lewin und seine Freundin Frida Poeschke ermordet wurden.

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    Gedenken an Opfer antisemitischer Morde in Erlangen

    Vor 40 Jahren wurden der jüdische Verleger Shlomo Lewin und seine Freundin Frida Poeschke in Erlangen erschossen. Der Täter stammte aus der Neonazi-Szene. Bis heute gibt es Zweifel an der Einzeltäter-These. Erlangen gedenkt mit Video-Statements.

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    Von
    • Jonas Miller

    Als der Erlanger Rabbiner Shlomo Lewin heute vor 40 Jahren die Tür öffnet, fallen sofort Schüsse aus der Maschinenpistole. Lewin wird im Oberkörper und im Kopf getroffen. Der 69-Jährige sackt im Eingangsbereich seines Bungalows zusammen – seine Freundin Frida Poeschke eilt aus einem anderen Zimmer dazu. Auch sie wird mit mehreren Schüssen niedergestreckt. Dann verschwindet der Täter. Es handelt sich um den 29-jährigen Rechtsextremen Uwe Behrendt, einen Anhänger der "Wehrsportgruppe Hoffmann" (WSG).

    Die Stadt Erlangen erinnert heute an den Doppelmord vor 40 Jahren. Weil die geplante Gedenkveranstaltung aufgrund der Corona-Pandemie nicht stattfinden kann, gibt es auf der Internetseite der Stadt Kurzfilme mit Statements von Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU), Oberbürgermeister Florian Janik (SPD) sowie der Vorsitzenden der Jüdischen Kultusgemeinde Erlangen, Ester Limburg-Klaus.

    Film über das Attentat online

    Auf der Internetseite gibt es auch den Film "Ermordet von den Händen von Bösewichten – der antisemitische Mord an Shlomo Lewin und Frida Poeschke und seine Hintergründe" des BR-Journalisten Ulrich Chaussy zu sehen. Zudem erinnert ein Kubus auf dem Rathausplatz bis Mitte Januar an die beiden Mordopfer. Innenminister Herrmann legt am Vormittag einen Kranz am Grab von Frida Poeschke nieder. Am Abend findet eine Gedenkkundgebung der antifaschistischen Gruppe "Antithese" an der Lewin-Poeschke-Anlage statt.

    Viele Fragen ungeklärt

    Doch auch 40 Jahre nach dem Mord sind viele Fragen ungeklärt. Der in Deutschland geborene Rabbiner Shlomo Lewin musste in den 1930er Jahren vor den Nationalsozialisten fliehen und kam erst 1960 wieder nach Deutschland. Mit seiner Lebensgefährtin Poeschke setzte er sich gegen Antisemitismus und Neonazismus ein und warnte in diesem Zusammenhang öffentlich vor der paramilitärischen "Wehrsportgruppe Hoffmann" (WSG) des damaligen Neonazis Karl-Heinz Hoffmann, die im Nürnberger Raum aktiv war.

    Der Attentäter Uwe Behrendt war Anhänger dieser Wehrsportgruppe. Am Tatort in Erlangen fanden die Ermittler die Brille von Hoffmanns Freundin. Ein Indiz für eine weitere Täterin? Die Polizei ermittelte fortan auch gegen Karl-Heinz Hoffmann und seine Freundin. Allerdings wurde Hoffmanns Freundin erst Monate später vernommen. Eine Hausdurchsuchung folgte wiederum Monate nach der Vernehmung. Angeklagt wurden Hoffmann und seine Freundin dennoch. Das Gericht sah es jedoch nicht als erwiesen an, dass die beiden in den Doppelmord verstrickt waren.

    Rechtsextremer Attentäter starb im Libanon

    Das hatte auch damit zu tun, dass der vermeintliche Haupttäter Uwe Behrendt nie vernommen werden konnte. Nach der Tat setzte sich dieser über mehrere Länder mit Hilfe der Wehrsportgruppe in den Libanon ab. Dort trainierte er mit der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO), die mit der WSG zusammenarbeitete.

    Im Libanon starb Behrendt unter bis heute ungeklärten Umständen. So konnte nicht geklärt werden, ob Behrendt alleine schoss, welche Rolle die Wehrsportgruppe Hoffmann beim Mord spielte und wie die Brille von Hoffmanns damaliger Freundin Brinkmann an den Tatort kam.

    Ermittlungsbehörden ermittelten gegen Juden

    Die Ermittlungsbehörden versagten rückblickend auf ganzer Linie. Wie auch bei den NSU-Morden wurden die Täter beinahe ausschließlich im privaten Umfeld der Opfer gesucht, andere Mitglieder der jüdischen Gemeinde wurden verdächtigt. Das geschah in einer Zeit, in der der damalige CSU-Ministerpräsident Franz Josef Strauß die später verbotene Wehrsportgruppe noch als "Spinner" verharmloste. Bayerns heutiger Innenminister Joachim Herrmann (CSU) hatte erst vor wenigen Monaten erklärt, Strauß habe die Gruppe damals "völlig unterschätzt".

    Medien diskreditierten Mordopfer

    Auch die Medien spielten nach dem Mord 1980 eine unrühmliche Rolle und stellten die Opfer als zwielichtige Gestalten dar. Bei den Ermittlern, in den Medien und in der Neonazi-Szene wurden Gerüchte verbreitet, es handle sich um einen Mord im nachrichtendienstlichen Milieu, fälschlicherweise wurde Lewin als Agent des israelischen Geheimdienstes Mossad ausgemacht.

    "Rechter Terror wurde viel zu lange verharmlost"

    Die Stadt Erlangen und zivilgesellschaftliche Akteure wollen daher auch weiter an den Doppelmord erinnern. Erlangens Oberbürgermeister Florian Janik (SPD) mahnt: " Rechter Terror nach 1945 wurde zu lange verharmlost, und die Opfer sind oft in Vergessenheit geraten." Politik, Sicherheitsbehörden und die Zivilgesellschaft müssten demnach mit aller Konsequenz gegen Rechtsextremismus vorgehen.

    © BR Archiv

    Karl-Heinz Hoffmann (unten) mit bewaffneten Anhängern seiner "Wehrsportgruppe Hoffmann" (WSG)

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