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Große Anteilnahme bei Gedenkfeier zum Oktoberfest-Attentat | BR24

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Noch nie war die Anteilnahme so groß: hunderte Menschen gedachten am Vormittag in München der Opfer des Oktoberfest-Attentates 1980.

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Große Anteilnahme bei Gedenkfeier zum Oktoberfest-Attentat

Noch nie war die Anteilnahme so groß: hunderte Menschen gedachten am Vormittag in München der Opfer des Oktoberfest-Attentates 1980. Der Neonazi Gundolf Köhler hatte zwölf Menschen bei dem Bombenanschlag getötet und mehr als 200 Menschen verletzt.

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Mit einer Gedenkfeier ist heute Vormittag an das Oktoberfest-Attentat 1980 erinnert worden. Mehrere Hundert Menschen gedachten der 12 Ermordeten und mehr als 200 Verletzten von damals. Laut Oberbürgermeister Dieter Reiter war der Andrang zu dem Gedenken noch nie so groß. Der langjährige BR-Journalist Ulrich Chaussy erhob in seiner Ansprache schwere Vorwürfe gegen die bayerischen Ermittlungsbehörden.

Bewegende Worte und Gesten der Opfer

Einige Überlebende und Angehörige der Toten waren da, viele sind an Seele und Körper verletzt.

Gudrun Lang war zum Zeitpunkt des Attentats 19 Jahre alt. Heute kam sie zum ersten Mal seit 1980 wieder an den Ort, an dem ihr bester Freund starb und sie selbst schwer verletzt wurde.

"Wo ich hier um die Ecke gegangen bin, das war wie ein Deja vu für mich - die Luft, die Gerüche, mir sind echt die Tränen gekommen. Manche Dinge sind völlig präsent: dieser Feuerball, dieses Zündschnur-Zischen, auch dieses Gefühl in diesem Feuerball davongetragen zu werden und in einer Schwärze aufzuwachen." Opfer Gudrun Lang

Oper und Hinterbliebene leiden bis heute

Gudrun Lang wird von der Münchner Beratungsstelle Before betreut – ebenso wie rund 30 weitere Betroffene des Wiesn-Attentats. Sie erhalten dort auch finanzielle Unterstützung, etwa für medizinische Behandlungen. Denn mit dem Alter haben sich die körperlichen und seelischen Leiden bei vielen verschlimmert. Das Geld kommt von einem Hilfsfond, den die Stadt München vor anderthalb Jahren eingerichtet hat – im Gegensatz zum Freistaat: Die Staatsregierung lehnt es dagegen ab, einen Opferfonds auf Landesebene einzurichten. CSU-Vertreter hatten argumentierten, dass noch Ermittlungen der Bundesanwaltschaft zum Oktoberfestattentat liefen. Diesen wolle man nicht vorgreifen.

Neue Art des Gedenkens im nächsten Jahr

München will zudem das Mahnmal am Haupteingang des Oktoberfests überarbeiten – aktuell läuft dazu ein Gestaltungswettbewerb. Oberbürgermeister Dieter Reiter versicherte den Betroffenen des Attentats heute, dass sie dabei ein Mitspracherecht haben werden:

"Ich geh davon aus, dass das Ganze zum 40. Jahrestag des Atttentats 2020 fertig ist und hier stehen wird." OB Dieter Reiter

Eine Chance hat die Stadt allerdings vertan: Im sogenannten Brausebad auf der Verkehrsinsel gegenüber des Haupteingangs zum Oktoberfest einen Gedenkort zu schaffen, in die man sich selbst im Wiesn-Trubel zurückziehen könnte, um in Stille zu gedenken und sich zu informieren. Das Gebäude wurde jüngst verpachtet, jetzt ist darin ein Bierausschank.

Noch kein Ende der Ermittlungen

Neben dem Gedenken an die Toten und Verletzten stand bei der heutigen Gedenkveranstaltung vor allem eines im Zentrum: Das neue Ermittlungsverfahren zum Oktoberfest-Attentat, das die Bundesanwaltschaft 2014 eingeleitet hat. Opferanwalt Werner Dietrich, der die Wiederaufnahme der Ermittlungen erzwungen hatte – widersprach Gerüchten, die Bundesanwaltschaft würde die Ermittlungen bald einstellen.

"Die ermittelt noch weiter und hat auch noch nicht alle Unterlagen bekommen;, beispielsweise vom Bundesnachrichtendienst. Und erst dann wird die Entscheidung getroffen, ob man eine Anklage erheben kann oder ob das Verfahren wieder eingestellt wird." Opferanwalt Werner Dietrich

Schwere Vorwürfe gegen Ermittlungsbehörden

Auch der langjährige BR-Journalist Ulrich Chaussy betonte: Es gebe in Sachen Oktoberfest-Attentat noch vieles aufzuklären – über rechtsextreme Hintermänner der Tat, über Verwicklungen der Geheimdienste, aber auch über die skandalösen Ermittlungen der Behörden. Damals habe der Verfassungsschutz gezielt Einfluss auf die Polizeiarbeit genommen, Gutachten und wichtige Beweismittel – darunter eine abgetrennte Hand – seien spurlos verschwunden, Hinweise auf einen extrem rechten Hintergrund der Tat seien ignoriert und der 21-Jährige Gundolf Köhler, der sich im Umfeld der extrem rechten Wehrsportgruppe Hoffmann bewegt hatte, zum frustrierten Einzeltäter erklärt worden.

Chaussy befürchtet jedoch, dass die neu eingerichtete Sonderkommission des bayerischen Landeskriminalamtes gar kein Interesse an einer Aufklärung früherer Fehler hat:

"Wie können die Angehörigen der gleichen Behörde, die damals die Ermittlungen geführt hat, heute unvoreingenommen auf die Arbeit ihrer früheren Kollegen schauen. Da wäre es gut gewesen, eine andere Behörde wäre damit beauftragt gewesen, diese Ermittlungen zu führen." Ulrich Chaussy

Er habe den Eindruck, dass Justiz und Polizei in Bayern auch diesmal nicht willens seien, das Oktoberfest-Attentat ernsthaft aufzuklären, so Ulrich Chaussy. Sollte das Ermittlungsverfahren erneut ergebnislos eingestellt werden, dann seien Öffentlichkeit und Politik gefordert.

"Ich denke mal, das könnte eine Aufgabe für einen Untersuchungsausschuss im Bayerischen Landtag sein." Ulrich Chaussy
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Beim Bombenanschlag eines Neonazis kamen 1980 12 Menschen ums Leben, mehr als 200 wurden verletzt. Bei der Gedenkfeier wurde auch Kritik an den bayerischen Ermittlern laut.