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Gedenken an NSU-Opfer: OB entschuldigt sich bei Familie Şimşek | BR24

© BR/Jonas Miller

Stephan Doll, Marcus König, Abdul-Kerim Şimşek und Pfarrer Bernt Graßer legen Blumen an der Gedenkstelle für Enver Şimşek ab

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Gedenken an NSU-Opfer: OB entschuldigt sich bei Familie Şimşek

Auf der Gedenkveranstaltung für das NSU-Mordopfer Enver Şimşek hat sich Nürnbergs Oberbürgermeister Marcus König (CSU) bei den Hinterbliebenen entschuldigt. Bei der Kundgebung wurde auch ein zweiter NSU-Untersuchungsausschuss im Landtag gefordert.

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Am Mittwochabend (09.09.20) haben laut Polizeiangaben rund 100 Menschen Enver Şimşek gedacht. Der Blumenhändler wurde vor genau 20 Jahren von den Rechtsterroristen des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) in Nürnberg ermordet und war das erste Mordopfer der Neonazis. Zu der Gedenkveranstaltung der Stadt war auch der 33-jährige Sohn des Mordopfers, Abdul-Kerim Şimşek, gekommen.

OB Marcus König: "Es tut mir leid"

20 Jahre nach dem NSU-Mord an Enver Şimşek in Nürnberg hat sich Oberbürgermeister Marcus König (CSU) bei den Hinterbliebenen entschuldigt. "Ich bedauere zutiefst, was Ihnen und Ihrer Familie widerfahren ist", sagte er bei einer Gedenkkundgebung und fügte hinzu: "Es tut mir leid." Der türkische Blumenhändler wurde heute vor 20 Jahren von den Rechtsterroristen ermordet. König stelle sich die Frage, wieso die Tat damals nicht verhindert und erst mit der Selbstenttarnung des NSU aufgeklärt werden konnte. Auch das Versprechen der lückenlosen Aufklärung sei nicht eingehalten worden. "Die schrecklichen Taten zeigen, wohin Rechtsextremismus im schlimmsten Fall führt: Zu Mord und Terror." Daher müsse sich "die Demokratie viel stärker gegen ihre Feinde wappnen."

Fatal: Ermittler sahen Drogendealer in Mordopfer

Bei der Gedenkveranstaltung, an der nach Angaben mehr als 100 Menschen teilnahmen, sprach auch Abdul-Kerim Şimşek, der Sohn des Mordopfers. Er war 13 Jahre alt, als sein Vater erschossen wurde. Der 33-Jährige kritisierte erneut die Ermittlungsarbeit der Polizei, die sich nach dem Mord gegen seinen Vater und die Familie richtete. Die Beamten unterstellten dem Mordopfer, ein Krimineller oder Drogendealer gewesen zu sein. "Ich war erleichtert, als ich hörte, dass mein Vater von Nazis ermordet wurde und so seine Unschuld bewiesen wurde", so Abdul-Kerim Şimşek. Gegenüber dem BR kam er kurz auf den rassistischen Anschlag auf die Shisha-Bar im hessischen Hanau (19.02.20) zu sprechen, bei dem im Februar dieses Jahres zehn Menschen getötet wurden. Şimşek sagte, bei dem Anschlag hätte es auch ihn treffen können.

"Ich war selbst schon öfter in diesem Café. Auch mit meiner Familie und mit meiner Frau. Ganz ehrlich, als das passiert ist, stand ich unter schock. Nicht nur, dass ich meinen Vater verloren habe, im Endeffekt hätte uns das auch wieder treffen können." Abdul-Kerim Şimşek, Sohn des am 09.09.2000 in Nürnberg ermordeten Enver Şimşek

Zweiter NSU-Untersuchungsausschuss gefordert

Stephan Doll von der Allianz gegen Rechtsextremismus in der Metropolregion Nürnberg forderte, dass "endlich die Helfer und Hintermänner ermittelt werden und eine gerechte Strafe vollzogen wird". Zudem müsse in Bayern einen zweiter NSU-Untersuchungsausschuss eingesetzt werden, um die Strukturen der Terrorzelle und ihr Netzwerk zu enttarnen. "Jeder Angriff auf Muslime Juden, Sinti und Roma, auf Zugewanderte und Minderheiten ist ein Angriff auf uns alle, auf die Demokratie und Menschenwürde", so Doll weiter. Bei der Kundgebung sprachen zudem der türkische Generalkonsul Serdar Deniz und Pfarrer Bernt M. Graßer. Fuat Gökçebay, der Religionsattaché des Generalkonsulats Nürnberg, hielt ein türkisches Gebet.

"Junge Stimme" fordert Straßenumbenennungen

Der migrantisch geprägte Verein "Junge Stimme" forderte zuvor in einer Mitteilung, dass die Stadt Nürnberg das Gedenken an die NSU-Opfer in Zukunft offensiver unterstützt. Laut Initiative würden Gedenkveranstaltungen zu den NSU-Opfern "nahezu ausschließlich" von zivilgesellschaftlichen Gruppen getragen. Zudem fordern sie, dass die Straßen, in denen sich die Tatorte befinden, nach den Opfern umbenannt werden. Die Stadt reagierte auf den Vorschlag darauf zurückhaltend. Mittels mehrerer Formate würde bereits dauerhaft an die Opfer erinnert werden, sagte Martina Mittenhuber aus dem Menschenrechtsbüro, das die Kundgebung organisierte.

Kritik am Auftritt des Oberbürgermeisters

Der Kritik der Initiative "Junge Stimme" schloss sich auch die antifaschistische Initiative "Das Schweigen durchbrechen" an, die etliche Gedenkveranstaltungen in der vergangenen Jahren durchführten. In einer Stellungnahme kritisierten die Aktivisten auch die Teilnahme des Oberbürgermeisters Marcus König an der Kundgebung. Dieser habe in der Vergangenheit nicht an den Gedenkkundgebungen teilgenommen, sollte dafür aber an einer CSU-Veranstaltung mit dem umstrittenen ehemaligen Verfassungsschutzpräsidenten Hans-Georg Maaßen im Januar sprechen, so der Vorwurf. König sagte seine Rede damals wegen anderer Verpflichtungen ab.

Şimşek vertrat Kollegen in Nürnberg

Der 38-jährige Enver Şimşek war das erste Mordopfer der NSU-Terroristen. Der Blumenhändler lebte in Hessen, betrieb aber auch in Bayern mobile Verkaufsstände. Am 9. September 2000 vertrat er in Nürnberg-Langwasser einen Kollegen, der im Urlaub war. In den frühen Nachmittagsstunden wurde er von den Neonazis des NSU mit mehreren Schüssen niedergestreckt und erlag zwei Tage später seinen schweren Verletzungen. Er hinterließ zwei damals 13 und 14 Jahre alte Kinder und seine Ehefrau. Erst mit der Selbstenttarnung des NSU 2011 wurde der Mord aufgeklärt. Zuvor hatten die Beamten jahrelang gegen das Mordopfer und seine Familie ermittelt.

© BR/Jonas Miller

Gedenk-Schild am Tatort

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Abdul-Kerim Şimşek während seiner Rede

© BR/Jonas Miller

Blumenniederlegung an der Gedenkstele

© BR/Jonas Miller

Transparent mit der Aufschrift "Rechtem Terror entgegentreten"

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