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Gedenken an NSU-Opfer Enver Şimşek : "Es ist schmerzhaft!" | BR24

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Vor 20 Jahren begann die NSU ihren ersten Mord. In Nürnberg schoss sie Enver Simsek nieder. Er erlag seinen Verletzungen. Bei der anschließenden Mordserie starben neun Menschen. Mit einer Demonstration wurde in Nürnberg den Opfern der NSU gedacht.

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Gedenken an NSU-Opfer Enver Şimşek : "Es ist schmerzhaft!"

Enver Şimşek war das erste Mordopfer des NSU. Vor 20 Jahren wurde er getötet, die Polizei verfolgte lange eine falsche Spur. In Nürnberg haben nun rund 300 Menschen an ihn erinnert - auch sein Sohn, Abdul-Kerim Şimşek. Für ihn ein schwerer Auftritt.

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Von
  • Jonas Miller

Vor rund 20 Jahren, am 9. September 2000, wurde der Blumenhändler Enver Şimşek von der rechtsextremen Terrorzelle Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) niedergeschossen und erlag zwei Tage später seinen schweren Verletzungen. Enver Şimşek war das erste Mordopfer des NSU. Das "Bündnis Nazistopp" hatte nun zur Demonstration unter dem Motto "Und immer noch fordern wir Aufklärung" aufgerufen. An der Gedenkaktion beteiligten sich laut Veranstaltern mehr als 300 Menschen.

Sohn spricht am Tatort

Bei der Kundgebung am damaligen Tatort in Nürnberg-Langwasser sprach auch Abdul-Kerim Şimşek, der Sohn des ermordeten Blumenhändlers Enver Şimşek. Für ihn war es sichtbar nicht leicht, an dem Ort zu stehen, an dem sein Vater niedergeschossen wurde.

"20 Jahre ist es her, dass mein Vater tot ist. Es ist ein bedrückendes Gefühl hier zu sein, hier zu stehen und zu wissen, dass mein Vater vor 20 Jahren stundenlang hilflos und schwer verletzt in seinem Transporter lag. Es bedrückt mich und ist schmerzhaft." Abdul-Kerim Şimşek, Sohn des NSU-Opfers Enver Şimşek

Abdul-Kerim Şimşek war 13 Jahre alt, als sein Vater von den rechtsextremen Terroristen des NSU ermordet wurde. Es habe viele Momente in seinem Leben gegeben, in denen er seinen Vater vermisst und sich nach ihm gesehnt hätte, so Şimşek.

"Es hat nicht gereicht, dass ich meinen Vater verlor..."

Auch die Ermittlungen der Polizei gegen seinen Vater und seine Familie hätten Spuren hinterlassen. Die Ermittler hatten nach dem Mord behauptet, Enver Şimşek wäre aufgrund einer Streiterei im Drogenmilieu erschossen worden.

"Elf Jahre voller Ungewissheit und Verdächtigungen gegen die Familie. Er soll ein Drogendealer gewesen sein. Es hat nicht gereicht, dass ich meinen Vater verlor. Er wurde auch noch verdächtigt. Es sind elf Jahre, die mich und meine Familie geprägt haben." Abdul-Kerim Şimşek, Sohn des NSU-Opfers Enver Şimşek

Die Ermittler hatten nach dem Mord behauptet, Enver Şimşek wäre aufgrund einer Streiterei im Drogenmilieu erschossen worden. Erst nach der Selbstenttarnung der rechtsextremen Terrorzelle im Jahr 2011 wurde die Tat aufgeklärt. Dennoch sind auch im Prozess viele Fragen nicht geklärt worden.

Das Gericht ging davon aus, dass der NSU aus drei Personen bestand, dem Trio Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. Abdul-Kerim Şimşek glaubt nicht an diese Version. Wie viele andere Experten hält auch er den NSU für ein Netzwerk.

"Bis heute wissen wir nicht, warum unser Vater umgebracht wurde. Zufall war es nicht. Und auch der Prozess war eine große Enttäuschung. Bis auf Beate Zschäpe laufen alle Angeklagten frei herum. Die Nazis applaudierten, als das Urteil gesprochen wurde." Abdul-Kerim Şimşek, Sohn des NSU-Opfers Enver Şimşek

Abdul-Kerim Şimşek hat das Vertrauen in den Staat verloren

In den Staat habe er deswegen kein Vertrauen mehr. Auch Seda Başay-Yıldız nahm an der Kundgebung teil. Die Frankfurter Anwältin vertrat die Familie im NSU-Prozess und wird derzeit selbst massiv mit Drohschreiben angefeindet, die mit "NSU 2.0" unterzeichnet sind. Auch Başay-Yıldız kritisierte das Vorgehen der Behörden nach dem Mord an Enver Şimşek.

"Nicht mal zwei Tage nach dem Mord wurden die Telefone der Hinterbliebenen angehört. Beamte der Polizei haben Nachbarschaft und Freunde gefragt: Wie hat denn die Frau Şimşek auf den Tod ihres Mannes reagiert? Wie lange hat sie geweint?" Seda Başay-Yıldız, Anwältin der Familie Şimşek

Die Ermittler zeigten der Witwe zudem Bilder einer blonden Frau und behaupteten, ihr Mann hätte zu dieser "eine außereheliche Beziehung" geführt und würde mit ihr zwei Kinder haben. Die Geschichte war erfunden, Enver Şimşek kannte die Frau auf dem Foto überhaupt nicht.

Weitere Veranstaltungen in Nürnberg

In den kommenden Tagen wird es noch weitere Gedenkveranstaltungen für die NSU-Opfer und Enver Şimşek geben. Am kommenden Mittwoch jährt sich das Attentat auf Enver Şimşek zum 20. Mal. Um 17 Uhr findet daher erneut eine Gedenkveranstaltung am Tatort in der Liegnitzerstraße statt. Im Anschluss wird im Dokumentationszentrum am ehemaligen Reichsparteitagsgelände der Film "Spuren - Die Opfer des NSU" gezeigt.

NSU ermordete zehn Menschen

Bis 2007 töteten die Rechtsterroristen des NSU neun Migranten und eine deutsche Polizistin. Fünf der Opfer wurden in Bayern ermordet, drei davon in Nürnberg. Zudem gelten bundesweit mehrere Bombenanschläge und Überfälle als Taten des NSU. In Nürnberg verübte die Terrorgruppe bereits 1999 ihren ersten rassistisch motivierten Sprengstoffanschlag in einer Bar. Der Betreiber wurde schwer verletzt und überlebte.

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