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Gedenken an Münchner NSU-Opfer: Kritik an Ermittlern und Justiz | BR24

© BR/Thies Marsen

Gedenkveranstaltung für Theodoros Boulgarides.

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Gedenken an Münchner NSU-Opfer: Kritik an Ermittlern und Justiz

Mit Kranzniederlegung am Tatort und einer Gedenkveranstaltung ist in München an Theodoros Boulgarides erinnert worden. Der Familienvater war vor 15 Jahren, am 15. Juni 2005, von Rechtsterroristen des NSU ermordet worden.

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Mit einer Kranzniederlegung am Tatort und einer anschließenden Gedenkveranstaltung in der evangelischen Auferstehungskirche im Münchner Westend ist am Montagabend an Theodoros Boulgarides erinnert worden. Der Familienvater war vor 15 Jahren, am 15. Juni 2005, von Rechtsterroristen des Nationalsozialistischen Untergrunds NSU ermordet worden.

Gedenken unter Corona-Bedingungen: Zwar wurde die Veranstaltung per Live-Stream im Internet übertragen. Doch in der Auferstehungskirche selbst waren nur wenige Besucher zugelassen. Rund 50 verteilten sich auf den Kirchenbänken, unter ihnen auch Angehörige von Theodoros Boulgarides. Hinterbliebene des zweiten Münchner NSU-Opfers Habil Kılıç, den die Rechtsterroristen im Sommer 2001 in dessen Obst-und Gemüseladen in München-Ramersdorf ermordet hatten, waren ebenfalls eingeladen.

"Wir werden die Akte NSU nicht schließen!"

Das interkonfessionelle Friedensgebet anlässlich des Gedenkens gestalteten sowohl christliche als auch jüdische und muslimische Geistliche. Münchens Bürgermeister Katrin Habenschaden (Grüne) entschuldigte sich in ihrer kurzen Ansprache bei den Opfer-Angehörigen für das langjährige Versagen des Staates und seiner Sicherheitsbehörden bei den Ermittlungen: "Was den trauernden Hinterbliebenen dadurch noch an zusätzlichem Leid und Verletzungen zugefügt wurde, ist beschämend und hat das Vertrauen in den Rechtsstaat erschüttert." Die grüne Landtagsabgeordnete Gülseren Demirel versprach weitere Aufklärung: "Wir werden die Akte NSU nicht schließen!"

Über 180 Tote durch rassistische Gewalt

Bei der Gedenkveranstaltung wurde auch eine Installation des Münchner Künstler Wolfgang Gebhard eingeweiht, die bis 15. August in der Auferstehungskirche an der Gollierstraße zu sehen ist und die nicht nur an die Münchner NSU-Opfer erinnern soll, sondern an die über 180 Menschen, die seit der Wiedervereinigung in Deutschland von Rassisten und Neonazis ermordet wurden. Rund 1.000 Münchnerinnen und Münchner haben sich für die Installation "Ich bin: Theodoros Boulgarides" fotografieren lassen.

Theodoros Boulgarides war das siebte Mordopfer des NSU, das fünfte in Bayern. Die Mörder kamen am helllichten Tag und erschossen den damals 41 Jahre alten zweifachen Vater, der aus Griechenland stammte, in seinem gerade erst eröffneten Schlüsseldienst-Laden im Westend. Nach der Tat verdächtigten die Behörden seine Witwe Yvonne Boulgarides und ermittelte auch gegen andere Familienmitglieder. In der Münchner Boulevardpresse erschienen Artikel mit Schlagzeilen wie: "Türken-Mafia schlug wieder zu".

Viele Fragen im Mordfall Boulgarides bleiben ungeklärt

Vor allem für die Witwe und die beiden damals minderjährigen Töchter war das traumatisch. Sie hatten nicht nur einen engen Angehörigen verloren, sondern wurden jahrelang von Behörden und Medien und damit auch von Nachbarn und Bekannten verdächtigt, in die Morde verwickelt gewesen zu sein. Zwar scheint inzwischen klar, dass die NSU-Terroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt Theodoros Boulgarides ermordet haben, doch noch immer ist in dem Fall vieles ungeklärt – vor allem die Frage, ob die beiden NSU-Mörder in München Helfer hatten. Denn der Schlüsseldienst war erst wenige Tage vor dem Mord eröffnet worden und Außen deutete nichts auf Besitzer mit Migrationshintergrund hin. Wie konnten davon aber die damals in Zwickau lebenden Rechtsterroristen wissen, die gezielt Männer mit ausländischen Wurzeln ermordeten? Und warum kontrollierte die Polizei zwar kurz nach der Tat verdächtige Neonazis, die offenbar den Tatort inspizierten, verfolgte diese Spur aber nicht weiter?

Kritik am Urteil im NSU-Prozess

Fragen, die die Angehörigen bis heute beschäftigen und belasten und die auch im fünf Jahre dauernden NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht München nicht beantwortet worden sind. Bernd Berger, Pfarrer der evangelischen Auferstehungskirche, kritisierte bei der Gedenkveranstaltung am Montagabend denn auch das Urteil im NSU-Verfahren: "Es ist beschämend, dass da fast akribisch und fast lustvoll beschrieben wird, welche Farbe die einzelnen Sprengsätze hatten, aber über die Angehörigen, die Opfer und die Familien wird kaum etwas erzählt." Dem wolle man entgegenwirken und den Opfern ihren Namen und ihre Geschichte zurückgeben.

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© BR/Thies Marsen

Gedenken an Theodoros Boulgarides am 15.06.2020.

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Gedenken an Theodoros Boulgarides am 15.06.2020.