BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

NEU

Gedenken an erste Deportation Münchner Jüdinnen und Juden | BR24

© BR

In den frühen Morgenstunden des 20. November 1941 verließ ein Zug mit 1.000 Münchner Jüdinnen und Juden den Bahnhof Milbertshofen. Ziel: ein KZ in Litauen. An diese Deportation erinnerte eine Gedenkveranstaltung an historischem Ort.

Per Mail sharen
  • Artikel mit Video-Inhalten

Gedenken an erste Deportation Münchner Jüdinnen und Juden

In den frühen Morgenstunden des 20. November 1941 verließ ein Zug mit 1000 Münchner Jüdinnen und Juden den Bahnhof Milbertshofen. Ziel: ein KZ in Litauen. An diese erste große Deportation erinnerte nun eine Gedenkveranstaltung an historischem Ort.

Per Mail sharen

In der Nähe des damaligen Barackenlagers in der Knorrstraße, wo Tausende Juden Zwangsarbeit leisten mussten, stehen Donnerstagabend rund 200 Menschen auf einem Schulhof, darunter viele Jugendliche, mit Kerzen und Transparenten und setzen ein Zeichen gegen das Vergessen. "Keine Zukunft ohne Erinnerung – Gegen jede Form von Antisemitismus und Rassismus" ist das Anliegen der Veranstalter, der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern und der christlichen Gemeinschaft Sant‘ Egidio.

Frauen und Kinder wurden wenige Tage später ermordet

Der erste Deportationszug von München fährt ins Ghetto- und Konzentrationslager in Kaunas, ins von Deutschland besetzte Litauen. Alle Frauen, Männer und Kinder wurden dort wenige Tage später ermordet. Quellen und Zeitzeugenberichte belegen, dass das Judenlager in Milbertshofen gut einsehbar war. Doch geholfen hat niemand. "Das Schweigen, die Teilnahmslosigkeit, das Wegschauen der Bevölkerung und auch der Kirche sind von heute aus gesehen beschämend und unverzeihlich", bekennt Kardinal Reinhard Marx, Erzbischof von München und Freising, an diesem Gedenkabend. Sein evangelischer Kollege, Landesbischof Bedford-Strohm: "Voller Scham müssen wir heute feststellen, dass die Kirchenleitungen nicht bereit waren, sich dieser Deportation offiziell entgegen zu stellen und dagegen politisch aktiv zu werden."

Stimme erheben gegen Diskriminierung jeder Art

Die christliche Gemeinschaft Sant’Egidio hat es sich zur Aufgabe gemacht vor allem jungen Menschen diesen dunklen Teil der deutschen Geschichte bewusst zu machen, auch durch Fahrten mit Jugendlichen aus ganz Europa nach Auschwitz. Denn Unwissenheit begünstige Antisemitismus, Rassismus oder Diskriminierung. In ihrer Rede bekräftigt Ursula Kalb, die die christliche Gemeinschaft Sant‘ Egidio in Deutschland aufgebaut hat, dass es viele Menschen guten Willens gebe, die sich an diesen Kundgebungen beteiligen, um zu zeigen, dass sie selbst gegen jede Form von Diskriminierung sind: "Heute wollen wir gegen jede Art von Diskriminierung von Minderheiten klar die Stimme erheben. Sich an all das erinnern, was damals geschah, muss uns dazu anspornen, eine Kultur des Dialogs, der Solidarität und des Zusammenlebens aufzubauen."

Es gibt keine Zukunft ohne Erinnerung

Charlotte Knobloch, Holocaust-Überlebende und Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, dankte vor allem den vielen jungen Menschen, die sich der Erinnerung an die Deportationen stellen. "Es gibt keine Zukunft ohne Erinnerung" sei ein treffendes Motto. Nur betroffen zu sein, genüge nicht. Es sei Verantwortung und Verpflichtung, sich an das zu erinnern, was sich zugetragen hat, um zu verhindern, dass sich solch Demütigung und Entmenschlichung wie während des Holocaust wiederholen könne. Es müsse ein Aufschrei durch die Gesellschaft gehen, wenn Hass und Intoleranz um sich greifen. Charlotte Knobloch endete mit einer persönlichen Erinnerung an die Deportation ihrer Großmutter im Juli 1942 nach Theresienstadt.

Für die Jugendlichen der Bewegung "Youth for Peace" ist die Gedenkveranstaltung ein Anlass, ihren Einsatz für eine bessere Welt zu betonen: "Eine Welt ohne Rassismus, ohne Gewalt, wo es Platz gibt für alle, vor allem für die, die vor Armut, Kriegen, Klimawandel und Mangel an Freiheit fliehen. Von Auschwitz muss eine neue Menschlichkeit erstehen."

Auszug eines Zeitzeugen-Berichts

In einem Augenzeugenbericht heißt es: "Am 20. November morgens 4 Uhr, nachdem um 2 Uhr nochmals Kaffee gefasst wurde, traten die Menschen, deren Gepäck bereits tags zuvor in die Wagenabteile verbracht worden war, bei strömenden Regen in Gruppen zum Abmarsch an. Nach Aufführung des Kommandos: "Laden" erfolgte der Abmarsch aus dem Lagergelände, das allen Verdunkelungsvorschriften zuwider durch zahlreiche Scheinwerfer taghell erleuchtet war. Unter dem Geleit der SS wurde zum Ladebahnhof Milbertshofen, 20 Minuten vom Lager entfernt, marschiert. Es ging zu Fuß durch SS abgesperrte Straßen zum Güterbahnhof. Wir halfen, so gut wir nur konnten, den älteren gebrechlichen Leuten die Koffer zu schleppen. Einer älteren Dame blieben die Schuhe im Morast stecken. In dem Augenblick als ich ihr halfen sollte, brach sie zusammen. Sie war tot. "Weiter, weiter" hieß es, "lasst sie liegen". Am Güterbahnhof stand ein Zug unter Dampf mit Wagen. Es gab einen Wagen, den wir freihalten mussten. In die Einzelabteile mussten wir helfen, das Gepäck und die Leute reinzubringen, was bald nicht möglich war, da die Abteile mit mindestens doppelt so vielen Personen belegt werden mussten wie normal. Langsam wurde es inzwischen hell und dann ging ein schreckliches Geschrei los: "Rein mit dem Pack, schmeißt das Gepäck raus". Die Leute wollten doch ihr bisschen Gepäck behalten. Die SS knallte die Türen mit Gewalt zu, die gequälten Menschen schrien und weinten und wir konnten nichts mehr für sie tun. Wir glaubten schon, es wäre vorbei, da kam noch ein Bus. Besetzt mit SS und 21 Kleinkindern vom Kinderheim in der Antonienstraße. Noch halb schlafend, andere weinend mussten wir sie mit ihrer Begleitung in dem noch freien Abteil unterbringen. Ich werde nie das letzte Weinen der Kinder beim Abfahren des Zuges vergessen…"

Während der Shoa wurden annähernd 3.000 Menschen, die in München gelebt hatten, in den Lagern Osteuropas ermordet.

© BR

Die Erinnerung an die NS-Verbrechen wachhhalten, in einem Klima, das zunehmend von Extremisten vergiftet wird, das fordert IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch. Anlass war das Gedenken an die erste Deportation von Münchner 'Juden vor 79 Jahren.

"Darüber spricht Bayern": Der neue BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!