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Gedenken an die NSU-Opfer - In Nürnberg begann die Mordserie | BR24

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300 Frauen und Männer gedachten im Rahmen einer Demonstration der Opfer des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) in Nürnberg. Vor 20 Jahren wurde der Blumenhändler Enver ?im?ek von der rechtsextremen Terrorzelle niedergeschossen und starb.

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Gedenken an die NSU-Opfer - In Nürnberg begann die Mordserie

Vor 20 Jahren wurde in Nürnberg Enver Simsek von den Rechtsterroristen des NSU ermordet - es war der Beginn einer beispiellosen Mordserie. An der Geschichte der Nürnberger Opfer wird der rechtsextreme Wahnsinn der Taten deutlich.

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Bei einer Kundgebung wurde heute in Nürnberg an Enver Şimşek erinnert - das erste Mordopfer der Rechtsterroristen des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU). Der Mordanschlag auf ihn jährt sich in wenigen Tagen zum 20. Mal. Bis 2007 töteten die Rechtsterroristen acht weitere Migranten und eine Polizistin. Fünf der Opfer wurden in Bayern ermordet, drei davon in Nürnberg.

Zudem gelten bundesweit mehrere Bombenanschläge und Überfälle als Taten des NSU. In Nürnberg verübte die Terrorgruppe wohl bereits 1999 ihren ersten rassistisch motivierten Sprengstoffanschlag in einer Bar. Der Betreiber wurde schwer verletzt.

© BR/Jonas Miller

"Mehmet O." überlebte das Bombenattentat in Nürnberg

1999: "Mehmet O."

Am 23. Juni 1999 verübten die Rechtsterroristen des selbsternannten "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) ein Bombenattentat auf die Nürnberger Pilsbar Sonnenschein. Diese lag nur wenige Gehminuten vom Nürnberger Hauptbahnhof entfernt im Stadtteil Glockenhof. Die Pilsbar hatte erst einen Tag vorher offiziell eröffnet.

Mehmet O. (Name geändert), der 18-jährige Betreiber der Kneipe, wollte am 23. Juni 1999, dem Tag nach der Eröffnung, vormittags die Kneipe aufräumen und putzen. In der Toilette entdeckte er eine Taschenlampe. Als er sie betätigen wollte, detonierte die als Taschenlampe getarnte Rohrbombe. Mehmet O. hatte Splitter im Arm und zahlreiche Schnittwunden davongetragen.

Der Inhaber der Pilsbar überlebte nur, weil der Sprengsatz nicht richtig zündete, wie LKA-Beamte des Sprengstoff-Dezernats in ihrem Bericht 1999 festhielten. 14 Jahre lang galt die Explosion in der Nürnberger Scheurlstraße als ungelöster Fall, dann brachte eine Aussage im NSU-Prozess die Ermittlungen wieder in Gang. Carsten S., NSU-Unterstützer und Ex-Neonazi, sagte aus, dass die Bombe das erste Attentat des NSU-Kerntrios gewesen sei, das aus Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe bestand.

Daraufhin vernahmen Beamte des Bundeskriminalamts Mehmet O. im Juni 2013 erneut zur damaligen Explosion. Was sie ihm bei der Vernehmung nicht sagten: Er war wohl das erste Opfer der NSU-Terroristen. Das investigative Rechercheteam des BR und der "Nürnberger Nachrichten" machte Mehmet O. 2018 ausfindig und klärte ihn über die Hintergründe der Tat auf. Der heute 36-Jährige ist nach dem Attentat aus Nürnberg weggezogen und lebt nicht mehr in Bayern. Die Tat selbst wurde aus "prozessökonomischen Gründen" nach dem im Jahr 2018 zu Ende gegangenen NSU-Prozess nicht vor Gericht verhandelt.

© picture alliance/Daniel Karmann/dpa

Eine Gedenktafel mit dem Abbild des vom NSU ermordeten Enver Simsek hängt am Tatort an einem Baum

2000: Enver Şimşek

1961 wird Enver Şimşek in der Nähe der türkischen Großstadt Antalya geboren. Mit 23 Jahren kam er nach Deutschland und wohnte in Hessen. In Fulda arbeitete er zunächst in einer Fabrik und verkaufte nebenher Blumen. Später begann Şimşek, einen Blumengroßhandel aufzubauen, betrieb ein Geschäft, verkaufte Blumen an verschiedenen mobilen Ständen in ganz Deutschland und beschäftigte mehrere Mitarbeiter.

Am 9. September 2000, einem Samstagmittag, arbeitete er in Nürnberg, weil er einen Mitarbeiter vertrat, der im Urlaub war. Wohl in den frühen Nachmittagsstunden wurde der 38-Jährige in seinem weißen Kastenwagen an einer Parkbucht in Nürnberg-Langwasser mit mehreren Schüssen ermordet. Neun Mal feuerten die Rechtsterroristen auf Şimşek. Vier Kugeln trafen seinen Kopf, ein Schuss die Brust. Die NSU-Terroristen fotografierten ihr sterbendes Opfer für das spätere Bekennervideo und verschlossen den Transporter.

Schwer verletzt wurde Şimşek nach seinem Auffinden durch Kunden und Polizisten ins Nürnberger Südklinikum eingeliefert und starb zwei Tage später. Er hinterließ zum Tatzeitpunkt zwei 13 und 14 Jahre alte Kinder und seine Ehefrau. Enver Şimşek war das erste Mordopfer des NSUs.

© BR/Jonas Miller

Gedenktafel an Abdurrahim Özüdogru am Tatort

2001: Abdurrahim Özüdoğru

Nur wenige Monate nach dem ersten Mord an Enver Şimşek in Nürnberg wurde Abdurrahim Özüdoğru von den Rechtsterroristen des NSU erschossen. Özüdoğru wurde 1952 in der Türkei geboren und wuchs in Yenişehir auf, einer Stadt im Nordwesten des Landes. Mit 20 Jahren zog er nach Deutschland, studierte an der der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg Maschinenbau und lernte dort seine spätere Frau kennen, die er im darauffolgenden Jahr heiratete.

In Röthenbach an der Pegnitz arbeitete Özüdoğru als Maschinenarbeiter im Schichtdienst. Nebenbei baute er gemeinsam mit seiner Frau eine Änderungsschneiderei im Nürnberger Stadtteil Hummelstein auf. Am 13. Juni 2001 begann Özüdoğru um kurz vor sechs Uhr morgens seinen Frühdienst. Nachmittags gegen 16 Uhr betrat er die Änderungsschneiderei und wurde vermutlich eine halbe Stunde später ermordet. Die Rechtsterroristen schossen ihm zweimal in den Kopf.

Auch Özüdoğru wurde von seinen Mördern nach der Tat fotografiert. Erst fünf Stunden später wurde der 49-Jährige von einem Passanten entdeckt. Özüdoğru hinterließ damals eine 19-jährige Tochter und seine Ex-Frau. In dem Bekennervideo der Rechtsterroristen wurde das Bild von Özüdoğru eingeblendet. Ein Sprecher sagte dazu: "Özüdoğru ist nun klar, wie ernst uns der Erhalt der deutschen Nation ist".

© picture alliance / dpa

Mehrere Gedenktafeln erinnern an Ismail Yaşar

2005: Ismail Yaşar

1955 kam Ismail Yaşar in dem türkisch-kurdischen Dorf Alanyurt/Zachwan zur Welt. Mit 23 Jahren zog er nach Deutschland. Hier heiratete er, sein Sohn wurde 1990 geboren. Yaşar arbeitete in Franken in mehreren Jobs: als Lebensmittelhändler, Änderungsschneider, Dönerverkäufer und Schweißer. Mit 44 Jahren machte er sich selbstständig und betrieb im Nürnberg Stadtteil Ludwigsfeld einen Dönerimbiss, genau gegenüber der Scharrerschule, die zum damaligen Zeitpunkt auch sein Sohn besuchte.

Am 9. Juni 2005 kaufte ein Kunde vormittags noch bei Yaşar ein. Wenig später betraten die NSU-Terroristen den Imbiss. Die Neonazis töteten Yaşar mit mehreren Schüssen in Kopf und Oberkörper. Er hinterließ einen 15-jährigen Sohn und eine 22-jährige Tochter. Er war das sechste Opfer der Mordanschlagsserie durch die Rechtsterroristen.

Nach dem Mord kam in den Medien der rassistisch konnotierte Begriff "Döner-Morde" auf, den eine Nürnberger Zeitung prägte.

Ermittlungen in die falsche Richtung

Obwohl vieles auf einen rechtsextremen Hintergrund hindeutete, ermittelten die Behörden lange hauptsächlich in eine Richtung: gegen die Opfer und die Hinterbliebenen. Teilweise wurden die Hinterbliebenen gegeneinander ausgespielt, ermittelnde Polizeibeamte erklärten die unbescholtenen Opfer in einigen Fällen zu Kriminellen. Hinterbliebene und deren Angehörige kritisierten das Vorgehen der Behörden massiv.

Bislang unbekanntes NSU-Mitglied in Nürnberg?

Das NSU-Kerntrio konnte sich bei der Mordserie auf etliche Unterstützer aus der Neonazi-Szene stützen. Das Umfeld des NSU wird auf bis zu 200 Personen geschätzt, unter ihnen V-Leute des Verfassungsschutzes und Funktionäre rechtsextremer Parteien. Auch fränkische Rechtsextreme hatten engen Kontakt zum NSU-Kerntrio.

Mindestens eine Person aus dem direkten Umfeld des Kerntrios wurde jedoch bis heute nicht ausfindig gemacht. Nach der Selbstenttarnung der rechtsextremen Terrorzelle warf eine bislang unbekannte Person das Bekennervideo unfrankiert in den Briefkasten der "Nürnberger Nachrichten". Beate Zschäpe kann es nicht gewesen sein, und Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt waren zu diesem Zeitpunkt bereits tot.

© BR

Rund 300 Frauen und Männer gedenken heute im Rahmen einer Demonstration der Opfer des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) in Nürnberg.

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