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"Gastro kommt unter die Räder": Kritik an Söders Öffnungsplan | BR24

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Bayern plant nächste Woche weitere Lockerungen. Zwar ist der Inzidenzwert im Freistaat auf gut 58 gestiegen. Dennoch sollen neben Friseur-Geschäften auch andere körpernahe Dienstleister, Gärtnereien und Blumenläden wieder öffnen dürfen.

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"Gastro kommt unter die Räder": Kritik an Söders Öffnungsplan

Neben Friseuren sollen in Bayern nächste Woche Fußpfleger, Gartencenter und Blumenläden öffnen dürfen. Auch dem Handel macht Ministerpräsident Söder Hoffnungen - der Gastronomie aber nicht. Deswegen mehren sich nun die Rufe nach Biergarten-Öffnungen.

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Von
  • Petr Jerabek

Die entsprechenden Beschlüsse des bayerischen Kabinetts stehen zwar noch aus, Ministerpräsident Markus Söder (CSU) hat aber die nächsten Öffnungsschritte im Freistaat schon angekündigt: Zusammen mit den Friseuren sollen am 1. März bayernweit auch weitere "pflegerische Leistungen" wie die Fußpflege wieder erlaubt werden. Auch Gärtnereien, Gartencenter und Blumenläden sollen wieder öffnen, wie Söder vor einer Schaltkonferenz des CSU-Vorstands in München sagte.

Über weitere Lockerungsschritte wollen die Ministerpräsidenten der Länder und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) dann beim Corona-Gipfel am 3. März beraten. Söder stellt bereits regional differenzierte Lockerungen für den Handel in Aussicht: In Landkreisen oder kreisfreien Städten mit einer 7-Tage-Inzidenz, die konstant unter 35 liegt, könnten Geschäfte wieder öffnen. "Dort wo es dann höher ist, gibt es Konzepte mit 'Click and Meet', diese Einzelterminvergabe." Dagegen macht Söder der Gastronomie derzeit keine Hoffnung auf schnelle Öffnungen. Das stößt zum Teil auf Unverständnis und scharfe Kritik.

FDP: "Infektionsrisiko an der frischen Luft ist minimal"

Der bayerische FDP-Fraktionschef Martin Hagen beklagte, die Gastronomie komme bei Söders Politik unter die Räder. "Es gibt nach wie vor keine Perspektive für diese wichtige Branche." Die FDP-Fraktion fordere eine sofortige Öffnung der Außengastronomie. "Die Menschen gehen bei diesem Wetter ohnehin raus. Das Infektionsrisiko an der frischen Luft ist minimal."

Wer im Straßencafé seinen Cappuccino trinke, gefährde niemanden, betonte Hagen und fügte hinzu. "Die frühlingshaften Temperaturen müssen mit einem Corona-politischen Tauwetter einhergehen. Sonst gehen bei vielen Wirten dauerhaft die Lichter aus."

Freie Wähler pochen auf weitere Öffnungen

Söders Koalitionspartner in Bayern, die Freien Wähler (FW), machen sich dafür stark, neben dem Einzelhandel auch Hotels und Gastronomie im Freistaat zu öffnen. "Wir dürfen Bayern nicht im Dauer-Lockdown zu Tode schützen", mahnte FW-Generalsekretärin Susann Enders auf Facebook. "Wichtig bleibt Disziplin bei Hygiene und beim Tragen von FFP2-Masken. Dann können auch weitere Bereiche im Einzelhandel, Hotels und Gastronomie folgen!"

Zugleich lobte Enders die geplante Öffnung von Gärtnereien, Blumenläden und Fußpflegepraxen: Das Infektionsgeschehen erlaube Öffnungen und mache sie dringend notwendig. Ähnlich äußerte sich auch FW-Chef und Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger: "Gut so! Der Schaden durch die Schließung steht in keinem Verhältnis mehr zum befürchteten Infektionsrisiko."

Gaststättenverband verweist auf Hygienekonzepte

Die Forderung nach einer Öffnung der Außengastronomie erneuerte auch der Bayerische Hotel- und Gaststättenverband. "Das Wochenende hat gezeigt: Gerade bei schönem Wetter zieht es die Menschen ins Freie", schrieb der Verband auf Facebook. Dies führe teilweise zu enormen Ansammlungen an wenigen Begegnungspunkten im öffentlichen Raum. "Wir fordern, zusätzliche sichere Flächen im Freien zu schaffen. Mit einem Öffnen der Außengastronomie werden unkontrollierte Ansammlungen im öffentlichen wie privaten Raum vermieden und Begegnungspunkte entzerrt." Bereits im vergangenen Frühjahr sei deutlich geworden, dass die Hygienekonzepte im Gastgewerbe funktionierten.

Söder hatte am Morgen gesagt, dass bei der Gastronomie und Hotellerie der Horizont für Öffnungen "deutlich später zu sehen" sei als im Handel, "weil es hier sowohl mit Maske als auch mit Abstand deutlich schwieriger ist". Auch im vergangenen Jahr sei dort "als letztes" geöffnet worden, "und auch da mit Vorstufen im Außenbereich". Wann dies heuer der Fall sein werde, sei "im Moment nicht beurteilbar".

AfD wirft Söder "billige Show-Effekte" vor.

Der AfD-Industrieexperte im Landtag, Gerd Mannes, kritisierte, Söder deute "in seiner Salami-Taktik einige kleine Lockerungen an, um den Bürgern Bayerns Sand in die Augen zu streuen". Die angekündigten Öffnungen seien längst überfällig und dienten dazu, die zunehmend kritischen Bürger zu besänftigen.

"Wir fordern, anstelle solcher billigen Show-Effekte, das sofortige Ende des Lockdowns und die Rückkehr zur Normalität!" Mannes warf Söder ein "völliges Versagen" in der Corona-Politik vor, deren Auswirkungen nun durch "massives Marketing- und Medientheater kaschiert werden" sollten.

Handelsverband: Zumindest ein Einstieg in die Öffnung

Der Präsident des Handelsverbands Bayern (HBE), Ernst Läuger, wertete die angekündigten nächsten Lockerungsschritte positiv. "Es ist zumindest ein Einstieg in die Öffnung, in die Öffnungsstrategie", sagte er dem BR. "Klar wäre es uns insgesamt als Nonfood-Branche des Einzelhandels wichtig, dass alle öffnen." Der Verband sehe aber auch die Problematik der Pandemie. Läuger sieht auch das Click-and-Meet-Konzept als einen positiven Ansatz. "Der wird uns auch zumindest soweit helfen, dass wir ein bisschen Umsatz machen können", betonte er. "Es ist sicherlich ein Tropfen auf den heißen Stein. Aber besser als nichts."

Der HBE-Präsident forderte, es müssten aber jede Woche weitere Teile des Einzelhandels geöffnet werden. Aber auch die Gastronomie und die Kulturtreibenden dürften nicht vergessen werden. "Weil wir alle diejenigen sind, die die Städte ja bespielen. Und wir sind darauf angewiesen, dass wirklich alle zu einer Öffnung kommen."

"In Bayern regiert die Unkultur"

Aber gerade für die Kulturbranche fehlen nach Meinung der FDP-Fraktion weiter Perspektiven. "Fußpflege, Blumenläden - wieder einmal verschwendet Markus Söder keinen Gedanken an die Kultur", kritisierte FDP-Kulturexperte Wolfgang Heubisch. Der Schaden werde von Tag zu Tag größer. "In Bayern regiert die Unkultur!" Vom kulturellen Reichtum des Freistaats werde nach Corona leider nicht viel übrigbleiben. Dafür sei allein die Regierung Söder verantwortlich.

Es gebe immer mehr wissenschaftliche Untersuchungen, die belegten, dass Kultur mit Hygiene- und Abstandskonzepten, Masken und Schnelltests möglich sei, betonte Heubisch. "Die Hygienekonzepte liegen nicht nur seit Monaten vor, sondern sind sogar erfolgreich erprobt worden." Doch ohne den geringsten Versuch einer Öffnungsperspektive werde es für eine der größten Branchen im Freistaat mit rund 400.000 Beschäftigten "ein böses Erwachen geben".

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Ab 1. März sollen Blumengeschäfte und Gartencenter öffnen dürfen. Der Handelsverband begrüßt das und hofft, dass weitere Branchen folgen.

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