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Fussek: Corona nicht allein schuld an Problemen in Pflegeheimen | BR24

© picture alliance/dpa/Horst Galuschka

Pflege-Experte Claus Fussek

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    Fussek: Corona nicht allein schuld an Problemen in Pflegeheimen

    Das Pflegeheim in Langenzenn war von Corona besonders betroffen: 26 Bewohner starben. Im Interview erklärt Pflege-Experte Claus Fussek, warum es wichtig ist, dass der Staatsanwalt ermittelt und warum Hygienemängel ein grundsätzliches Problem sind.

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    Herr Fussek, was bedeutet die Corona-Pandemie für die Pflegeheime?

    Corona ist ein absoluter Ausnahmezustand. Jeder, der in der Pflege schon früher über Personalprobleme, Zeitdruck und Hygieneprobleme gesprochen hat, der ist von Corona jetzt völlig überlaufen worden. Allerdings muss man immer wieder dazu sagen: Ein Großteil der Probleme, die wir heute haben, hatten wir auch schon vor Corona.

    Was heißt das?

    Wir hatten früher schon die Personalsituation am Limit, dass Personal völlig überlastet war, dass Personal nicht ausreichend qualifiziert war. Aber wir hatten auch das Problem, dass viele Angehörige sich nicht gekümmert und auch nicht besucht haben. Deswegen: Die Diskussion jetzt um Besuchsverbote ist nicht so ganz ehrlich.

    Viele Pflegeheime haben hohe Infektionszahlen und auch viele Tote: Würzburg, Langenzenn, Schliersee oder Wolfsburg zum Beispiel. Können Sie sich das erklären?

    Die hohen Zahlen kann ich mir nicht erklären. Wir hatten in vielen Pflegeheimen auch Noro-Virus, MRSA oder Grippe, und wir hatten früher schon viele Menschen, die dort gestorben sind. Nur: es hat niemanden interessiert, keine Staatsanwaltschaft hat ermittelt. Jetzt ist es anders.

    Tatsächlich ermittelt in Würzburg, Schliersee und Wolfsburg die Staatsanwaltschaft. Halten Sie das für richtig?

    Auch vor Corona gab es viele Tote in vielen Einrichtungen, und mich hat immer wieder fasziniert, dass es niemanden groß interessiert hat, auch die Staatsanwaltschaften haben nicht ermittelt. Man sprach sogar davon, dass Pflegeheime weitgehend rechtsfreie Räume sind. Dass jetzt in Würzburg, Schliersee und Wolfsburg ermittelt wird, ist zunächst einmal richtig, und ich bin gespannt, zu welchen Ergebnissen die Staatsanwaltschaft kommt.

    Die Pandemie hat uns alle überrascht. Kann den Pflegeheimen da ein Vorwurf gemacht werden, dass sie sich nicht richtig vorbereitet haben?

    Auf dieses Ausmaß konnte man sich sicherlich nicht vorbereiten. Aber mir erzählen auch sehr viele Pflegekräfte, dass in vielen Heimen auch vor Corona nicht mal die Basis-Hygiene eingehalten worden ist. Also, wir haben immer wieder schon früher fehlendes Händewaschen, fehlendes Desinfektionsmittel, fehlende Schutzmasken beklagt. Übrigens auch in Krankenhäusern.

    Robert Schneider, der Geschäftsführer des AWO-Seniorenheims in Langenzenn sagt, er sieht keine Versäumnisse in seiner Einrichtung, höchstens bei den Leiharbeitern. Kann man das überhaupt unterscheiden?

    Es ist schwierig, aus der Ferne Schuldzuweisungen vorzunehmen. Aber ich bin schon überrascht über diese Haltung. Natürlich sind Versäumnisse da, natürlich gibt es dafür Verantwortliche. Aber ob das Zeitarbeiter waren oder das Stammpersonal, das müssen die Gesundheitsbehörden und gegebenenfalls die Staatsanwaltschaft klären.

    Sind solche Schuldzuweisungen ein bekanntes Vorgehen?

    Die kritischen Pflegekräfte werden häufig denunziert, als Nestbeschmutzer bezeichnet. Viele Pflegekräfte, die sich gerade in der Corona-Zeit an mich wenden, bitten deshalb um Anonymität. Es gibt Heime, die kommen einigermaßen klar mit der Situation, gehen auch offen und ehrlich mit Problemen um, transportieren das auch und sagen: Da brauchen wir Hilfe, da brauchen wir Unterstützung. Und in vielen Häusern wird das wie vor Corona auch kaschiert, geleugnet, schöngeredet und ignoriert in der Hoffnung, es wird schon irgendwie nichts passieren. Es ist aber wichtig, dass es ein Frühwarnsystem gibt. Dass Pflegekräfte sagen: Wir haben da ein Problem, darauf müssen wir fachlich-professionell reagieren.

    Pflegekräfte bekommen im Moment viel Anerkennung. Glauben Sie, dass das einen Schub gibt für die Zeit nach Corona?

    Gute und engagierte Pflegekräfte hatten auch vor Corona schon ein hohes Ansehen. Der öffentliche Applaus ist ein gesellschaftliches Signal, und jetzt erwarte ich, dass alle Gesundheitsberufe, ob Pflegekraft, Arzt oder Reinigungspersonal, sich solidarisieren und zeigen, wie wichtig sie für eine Gesellschaft sind. Dann wird sich die Situation vielleicht verbessern.

    Corona wird wahrscheinlich nicht die einzige Pandemie bleiben. Was kann die Pflege denn lernen aus der jetzigen Situation?

    Der Lernprozess hat ja schon eingesetzt. Es ist wichtig, der Öffentlichkeit klar und deutlich zu machen, wie sensibel dieser Bereich Pflege ist und dass wir ihn nicht irgendwelchen renditeorientierten Investoren übergeben können. Ist der Diesel, ist VW die Schicksalsfrage der Gesellschaft, oder Pflege und Gesundheit?

    Das heißt, es braucht auch mehr Geld?

    Es ist genug Geld im System. Die Frage ist nur, wo dieses Geld hingeht? Das gesamte Pflege- und Gesundheitssystem muss auf den Prüfstand. Wir müssen uns fragen, was uns gute, würdevolle Pflege wert ist? Die Corona-Krise hat zum Beispiel deutlich gemacht, dass wir die palliative Pflege unbedingt ausbauen müssen. Viele Heime waren überhaupt nicht auf Corona vorbereitet und haben die alten Leute einfach in Krankenhäuser gekarrt.

    💡 Wer ist Claus Fussek?

    Claus Fussek, Jahrgang 1953, gilt als Deutschlands bekanntester Pflegekritiker. Seit über 30 Jahren benennt der Münchner Sozialarbeiter Missstände in der Pflegebranche. In Interviews und Büchern prangert Fussek immer wieder die aus seiner Sicht unzureichende und zum Teil kriminelle Situation in Pflegeheimen an. Als sein Hauptwerk gilt sein 2008 erschienenes Buch "Im Netz der Pflegemafia", in dem er eine Vielzahl an Menschenrechtsverletzungen in Pflegeheimen beschreibt. (Erklärt von Karin Goeckel, BR24 Mittelfranken)

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