Zurück zur Startseite
Bayern
Zurück zur Startseite
Bayern

Funktioniert Erinnerungskultur ohne Überlebende? | BR24

© BR / Sümeyye Uğur

Der Holocaust-Überlebende Ernst Grube

1
Per Mail sharen
Teilen

    Funktioniert Erinnerungskultur ohne Überlebende?

    Mit der Reichspogromnacht begann vor 81 Jahren die Judenvernichtung im "Dritten Reich". Heute stellt sich besonders die Frage, wie wir in Zukunft daran erinnern wollen, wenn es keine Überlebende der NS-Zeit mehr gibt.

    1
    Per Mail sharen
    Teilen

    Vor 81 Jahren, in der Nacht des 9. zum 10. November 1938, brannten in ganz Deutschland tausende jüdische Geschäfte und Synagogen. Jüdinnen und Juden wurden ermordet und verschleppt in Konzentrationslager. Die Reichspogromnacht war der Anfang der Vernichtungen. Heute stellt sich besonders die Frage danach, wie wir in Zukunft daran erinnern wollen. Wie soll das gehen, aus den Schandtaten der Nationalsozialisten zu lernen, Geschichte anschaulich zu verstehen, wenn immer weniger Überlebende davon berichten können?

    Ernst Grube, 86 Jahre alt, hat als Kind die schlimmsten Jahre der deutschen Geschichte am eigenen Leibe erfahren. Als Sohn einer jüdischen Mutter mussten er und seine Familie kurz vor der Reichspogromnacht ihre Wohnung in der Münchner Innenstadt räumen. Seine Eltern gaben ihn und seine Geschwister zum Schutz vor den Nazis ins jüdische Kinderheim. Die meisten Kinder wurden ermordet. Ernst Grube selbst überlebte das KZ-Theresienstadt.

    Schulen tragen besondere Verantwortung bei der Aufarbeitung

    Heute, 81 Jahre später, geht Ernst Grube in Schulen, berichtet den Kindern von damals und versucht in seinen Schul-Vorträgen über die NS-Zeit die Brücke zur politischen Situation heute zu bauen. Aus seinen Erfahrungen und aus seinem Erleben will er nun eine Verbindung schaffen, zu den Dingen, die heute passieren. Er erzählt von den schlimmen Folgen rassistischer Gewalt damals und davon, dass es nie wieder so weit kommen darf. Das sei, angesichts von rechten Gewalttaten, aktueller denn je. Den Schulen komme dabei eine besondere Rolle zu, meint Ernst Grube, wenn es darum geht zu verstehen, wie Ausgrenzung von Menschen noch heute stattfindet.

    KZ-Gedenkstättenbesuche an bayerischen Schulen nicht verpflichtend

    In der Praxis sieht das so aus: Bayerns Schulen sind verpflichtet, die NS-Zeit aufzuarbeiten. Manche laden freiwillig einen Überlebenden wie Ernst Grube ein, die jedoch immer weniger werden. Der Besuch einer KZ-Gedenkstätte hingegen, wird bisher nur empfohlen. Auf Nachfrage des BR teilt das bayerische Kultusministerium mit, dass erst mit dem neuen "LehrplanPLUS Fachlehrplan Geschichte" der 9. Jahrgangsstufe, ab dem Schuljahr 2020/2021 (bzw. bei der Mittelstufe ab 2021/22), die Verbindlichkeit der Gedenkstättenbesuche festgeschrieben werden soll.

    Großes Interesse an Gedenkstättenbesuchen

    Trotzdem ist das das ehemalige KZ Dachau die meistbesuchte Gedenkstätte in der Bundesrepublik. Jährlich kommen 900.000 Menschen hierher. Ein Großteil sind bayerische Schülerinnen und Schüler, so wie der 16-jährige Ilias. Er erzählt, dass er nach seinem Besuch in Dachau einen viel besseren Eindruck als im Schulunterricht davon hatte, welche Schandtaten in Konzentrationslagern passiert sind.

    Steffen Jost, Bildungsbeauftragter der KZ-Gedenkstätte Dachau, bestätigt das Interesse von Schülerinnen und Schülern an der Geschichte des "Dritten Reiches" und der Gedenkstätten, betont aber, dass diese immer weniger Faktenwissen über die NS-Zeit aufwiesen. Dabei würden junge Menschen nur einen Teil der NS-Verbrechen – nämlich die Judenverfolgung - kennen. Andere Opfergruppen wie beispielsweise Sinti und Roma, Homosexuelle oder auch politisch Verfolgte seien sehr viel weniger präsent.

    Wissenslücken bei Schülern schließen

    Der Grund: Der Geschichtsunterricht wird laut Jost zum einen immer mehr gekürzt und zum anderen immer globaler. Heute lerne man zusätzlich zur deutschen Geschichte auch noch viel über europäische und Weltgeschichte. Die Wissenslücken über die Nazi-Zeit von Schülerinnen und Schülern zu schließen, sei daher die Aufgabe von Gedenkstätten wie hier in Dachau.

    Das Bayerische Kultusministerium teilt mit, man wolle in Zukunft mehr in Gedenkstätten und NS-Dokumentationszentren investieren und außerdem die Nachfahren von Überlebenden für die Bildungsarbeit gewinnen. Die Kinder von ehemaligen NS-Opfern sollen dabei von ihren eigenen Erfahrungen erzählen.

    Hologramme: Neue Möglichkeit für die Erhaltung von Zeitzeugenberichten

    In den USA wird seit Anfang des Jahres eine andere Möglichkeit der Erhaltung von Zeitzeugenberichten in Betracht gezogen. Hologramme, also virtuelle, dreidimensionale Aufnahmen von KZ-Überleben, stellen sich in US-Museen den Fragen der Besucherinnen und Besucher. In Deutschland ist diese Technik noch nicht im Einsatz. Ernst Grube verrät, dass sich das aber bald ändern könnte. Von ihm seien bereits Aufnahmen für ein Hologramm gemacht worden.

    Ernst Grube: mehr Ressourcen schaffen für Geschichtsunterricht

    Aber virtuelle Überlebende können eine umfassende Beschäftigung vor allem junger Leute mit der Nazi-Zeit nicht ersetzen, sagt Ernst Grube und betont einmal mehr die Verantwortung der Schulen und des Freistaats:

    "Der Staat muss die materiellen und die zeitlichen Voraussetzungen schaffen für den Schulunterricht. Das kann nicht nur in einem Buch stehen und in einer Schulstunde mal behandelt werden, sondern da muss es Arbeitskreise geben mit Schülern und vielleicht sogar mit deren Eltern. Da genügt es nicht, sich nur auf die Nachkommen und auf die Gedenkstätten allein zu verlassen." Ernst Grube, KZ-Überlebender