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Im Augsburger Werk des Computerherstellers Fujitsu sind heute für immer die Lichter ausgegangen. Nach 34 Jahren. Alles wurde in den vergangenen Monaten nach Japan verlagert. Ein harter Schlag auch für den Wirtschaftsstandort Augsburg.

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Fujitsu in Augsburg: über das Ende einer "Geisterfabrik"

1.400 Arbeitsplätze auf einen Schlag weg. Als 2018 die Nachricht kam, dass Fujitsu sein Werk in Augsburg schließen wird, war das ein großer Schock für die Stadt. Für viele begann eine ungewisse und sorgenvolle Zeit. Ein Rückblick.

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Von
  • Barbara Leinfelder

Der Brunnen am Haupteingang des Fujitsu-Werks führt kein Wasser mehr. Jeden Tag sind an dem Kunstwerk mit den japanischen Stelen viele Mitarbeiter vorbei zur Schicht gelaufen, jetzt ist das Ganze nicht mehr als eine Erinnerung an bessere Zeiten. Desktop-PCs und Server wurden hier gebaut. Im Oktober 2018 hatte die japanische Geschäftsführung die Schließung des Augsburger Werks angekündigt, die Nachricht schlug ein wie eine Bombe. 1.400 Arbeitsplätze standen auf einmal zur Disposition, der Abbau erfolgt in Wellen.

Eine "Geisterfabrik" und die Suche nach neuen Investoren

Der letzte Server ist im August vom Band gelaufen, seither waren die Mitarbeiter damit beschäftigt, die Anlagen abzubauen und die Büros leerzuräumen. "Es sind Bereiche da, da ist es besenrein, es sind aber auch Bereiche da, die aussehen, als ob morgen noch jemand kommt", sagt Elisabeth Schabert, Vize-Betriebsratschefin im Fujitsu-Produktionswerk an der Bürgermeister-Ulrich-Straße. Sie ist auch am letzten Tag ins Büro gekommen, auch wenn es mittlerweile an "vielen Stellen aussieht, wie in einer Geisterfabrik". Die letzten Räumarbeiten werden Servicefirmen übernehmen, danach ist nur noch der Wachdienst da. Der wird das rund 18 Hektar große Gelände rund um die Uhr sichern, bis es einen neuen Eigentümer gibt. Interessenten waren schon etliche da, aber eine solch große Industriefläche zu veräußern, ist gar nicht so einfach, auch wegen Corona, sagt Uwe Romppel, Standortleiter des Fujitsu-Werks.

Der Chef ist der Letzte – und macht das Licht aus

Für Romppel ist es ein Tag, den er wohl nicht vergessen wird: "Ich bin ja schon seit über 30 Jahren im Unternehmen und es ist natürlich ein seltsames Gefühl. Wir haben die geplante Schließung ja bereits im Oktober 2018 angekündigt, und jetzt ist es eben so, dass ich hier das Licht ausmache und quasi als Letzter das Gelände verlasse."

Romppel ist ein kräftiger Typ, mit starken Händen, der so aussieht, als ob er jederzeit noch mit anpacken könnte, trotz Jackett aus feinem Zwirn. Der Diplomingenieur, der selbst ein Urgestein der Firma ist, übernimmt im Frühjahr 2019 die Aufgabe, den Produktionsstandort Augsburg abzuwickeln. Nach dem überraschend schnellen Weggang von Managerin Vera Schneevoigt war die Unsicherheit in der Belegschaft groß. Romppel gelang es aber, den Betrieb wieder in ruhiges Fahrwasser und die Verhandlungen mit der IG Metall um einen Sozialplan zum Abschluss zu bringen.

Die Fujitsu-Familie: schwäbische Arbeitsmoral und japanische Ethik

Seit Oktober 2019 wurde die Belegschaft abgebaut. Viele gut ausgebildete IT-Spezialisten und Fachkräfte hatten schon gleich nach der Nachricht der Standortschließung Briefe von Headhuntern im Postfach. Für andere blieb oft nur der Weg in die Transfergesellschaft. Trotzdem haben fast alle bis zum letzten Tag ihren Job und die Aufträge erledigt. Ist das der viel zitierten Fujitsu-Firmenkultur geschuldet? Dem starken Zusammenhalt im Unternehmen? Standortleiter Uwe Romppel nickt: "Es ist mir ein Anliegen, das auch nochmals deutlich zu machen. Das wäre alles nicht gegangen, wenn unsere Mitarbeiter nicht pflichtbewusst mitgezogen, letztes Jahr um die Weihnachtszeit noch Überstunden geleistet und auch an Samstagen gearbeitet hätten, weil wir einen Riesenauftragsbestand hatten, den wir abarbeiten mussten." Das müsse man den Menschen "ganz, ganz hoch anrechnen".

Panik in der Region, als die Nachricht kam

Denn als die Nachricht von der Schließung kam, sah alles noch anders aus. Der Schock saß tief, dann gab es viele Gerüchte über den Sozialplan und die Frage, wie die Abfindungsregeln aussehen. Als der Sozialplan dann im Frühjahr 2019 verabschiedet worden war und jeder Mitarbeiter wusste, was für ihn am Ende rauskommt, kehrte wieder Ruhe ein. Hilfreich seien auch zwei Jobbörsen gewesen, so Romppel, bei denen sich auf dem Firmengelände andere Unternehmen präsentieren und Mitarbeiter sich informieren konnten. "Solche Maßnahmen waren mir wichtig", so der 60-Jährige. Auch habe man über einen Fortbildungsfond im Rahmen der Beschäftigungs- und Qualifizierungsgesellschaft Kollegen helfen können, die sich ganz neu orientieren wollten. "Das geht von der Eröffnung eines Fahrradladens bis hin zu einer Ausbildung zum Pfarrer", staunt der Standortleiter. Ein positives Fazit, wenn auch mit bitterem Beigeschmack.

Fujitsu in Augsburg wird es weiterhin geben

Die Computerproduktion am Standort Augsburg ist mit der heutigen offiziellen Werksschließung Geschichte. Fujitsu in Augsburg aber gibt es weiterhin: Nur eine kurze Strecke vom alten Firmenareal entfernt, im Toni-Park, wird in Kürze ein neuer Standort eröffnet. 350 Mitarbeiter sind bereits im neuen Betrieb, ab dem 1. November soll das neue Gebäude an der Rumplerstraße bezogen werden. Der Schwerpunkt wird dann aber nicht mehr auf PC-Produktion, sondern auf Serviceleistungen liegen. Mitarbeiter aus dem technischen Bereich, dem Support und der Verwaltung werden dort arbeiten. Speziell im Service-Bereich sucht das Unternehmen bundesweit sogar eine dreistellige Anzahl neuer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Bayernweit gibt es neben Augsburg weitere Fujitsu-Standorte in München, Nürnberg und Würzburg. Zudem haben rund 120 bisherige Fujitsu-Beschäftigte neue Jobs bei einem Joint Venture des Konzerns gefunden, das in Augsburg einen neuen Standort eröffnet hat.

Was passiert mit dem alten Gebäude?

Das alte Produktionsgelände an der Bürgermeister-Ulrich-Straße in Augsburg bleibt bis auf Weiteres im Besitz von Fujitsu. Externe Firmen werden sich um die Themen Instandhaltung und Sicherheit kümmern. Auch der Astinashop, der frühere Fujitsu PC Werksverkauf, bleibt bis auf weiteres auf dem Gelände. "Wir planen natürlich, das Gelände zu veräußern, es gibt auch Interessenten", so Romppel, aber durch Corona verzögere sich alles. Die Produktionshallen sind weitgehend leergeräumt, einiges wurde versteigert. Romppel glaubt, dass das Gelände attraktiv ist für neue Investoren: vier große Hallen mit je 8.000 qm, ein Gesamtgelände mit über 180.000 qm, direkt an der B17 gelegen. All das sei vielseitig nutzbar, es gebe Erweiterungsmöglichkeiten, der Bebauungsplan lasse einiges zu, erklärt Romppel.

Was Politik ausrichten kann – und was nicht

Ein großes Lob und seinen Dank spricht Uwe Romppel der Stadt Augsburg aus, dem Runden Tisch für Arbeit und der Industrie- und Handelskammer, die etwa Coachings für Mitarbeiter beigesteuert haben. "Das waren viele kleine Bausteine", und sehr hilfreich bei der Vermittlung von Mitarbeitern. Dass die Produktion von PCs am Standort Augsburg jetzt Geschichte ist, ist unabänderlich. Wichtig sei es ihm, dass möglichst viele Kollegen gute neue Jobs gefunden hätten.

"Eine Tür fällt zu, eine andere geht auf", sagt Uwe Romppel, atmet tief ein und streckt den Rücken durch. Er wird es sein, der am Mittwoch offiziell das Fujitsu-Werk in Augsburg zusperrt.

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