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"Für ungewollt Schwangere spitzt sich die Lage zu" | BR24

© picture alliance / dpa Themendienst

Eine Frau hält in einer Wohnung einen Schwangerschaftstest in der Hand (Symbolbild)

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    "Für ungewollt Schwangere spitzt sich die Lage zu"

    Angesichts der Corona-Pandemie fordert die Ärztin und Vorsitzende von ProChoice Deutschland, Christiane von Rauch, neue Regelungen für Schwangerschaftsabbrüche. Das Beratungsgespräch solle telefonisch geführt werden, sagt von Rauch im BR-Interview.

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    BR: Frau von Rauch, was hat sich durch die Corona-Krise für ungewollt schwangere Frauen geändert?

    Von Rauch: Viele Frauen müssen durch die Schulschließung ihre Kinder zuhause versorgen oder stehen selbst unter Quarantäne. Frauen mit einem gewalttätigen Partner haben jetzt noch weniger die Chance, aus der Wohnung zu fliehen, um Hilfe zu bekommen. Für ungewollt schwangere Frauen und Frauen in Gewaltbeziehungen spitzt sich die Lage gerade zu.

    Werden Praxen, die einen Schwangerschaftsabbruch durchführen, durch die Corona-Pandemie weniger Kapazitäten haben?

    Es gibt auch hier einen Mangel an Schutzausrüstung. Um das Infektionsrisiko für Patientinnen und das medizinische Personal zu reduzieren, haben die Praxen Schichtarbeit eingeführt. Wenn es einen Krankheitsfall in der Belegschaft gibt, müssen sie schließen. Anästhesisten wurden von den Landesärztekammern und der Kassenärztlichen Vereinigung aufgefordert, sich für die Versorgung von Covid-19-Patienten in den Intensivstationen bereit zu halten. Das alles stellt die Abbruchärzte vor große Herausforderungen.

    Hinzu kommt, dass die Kliniken diese Engpässe derzeit erst recht nicht abfedern können?

    In den Kliniken besteht teilweise Unklarheit darüber, ob der Schwangerschaftsabbruch eine medizinisch notwendige Behandlung ist, also angeboten werden muss. Das sollte eine Selbstverständlichkeit sein und wird auch von den Gesundheitsbehörden so gesehen. Der Nationale Pandemieplan sieht ja vor, dass die Krankenhäuser elektive, also "nicht notwendige" Behandlungen verschieben oder ganz absagen, um die Versorgung von Corona-Patienten zu gewährleisten.

    Was ist die Konsequenz?

    Ein geringeres Angebot für Abbrüche und den dazu erforderlichen Terminen. Momentan sind es in der Regel zwei Termine, bei denen die Patientinnen anwesend sein müssen.

    Das wollen Sie ändern - wie kann die Situation für Frauen verbessert werden?

    Es geht jetzt darum, dass Frauen die verpflichtende Beratung vor einem Schwangerschaftsabbruch, ohne die sie nicht straffrei abtreiben dürfen, per Telefon oder Video bekommen können. Die Frauen müssten dann nur einmal persönlich in die Praxis kommen: zur Aufklärung, zur Untersuchung und Einnahme der ersten Medikation. Alles weitere wäre telemedizinisch zu begleiten.

    Mit "alles weitere" meinen Sie den Abbruch selbst?

    Ja. Auch das Angebot, einen Teil des Schwangerschaftsabbruchs zu Hause durchzuführen, sollte massiv gesteigert werden. Die Frauen würden während der zweiten Medikamenteneinnahme telemedizinisch zu Hause betreut. In Deutschland werden solche medikamentösen Abbrüche nur zu rund 25 Prozent durchgeführt. Andere europäische Länder, vor allem die skandinavischen, haben da eine Quote von teilweise 60 bis 70 Prozent.

    Aber auch die chirurgischen Abbruchmöglichkeiten, beispielsweise die Vakuumabsaugung, müssen unbedingt aufrechterhalten werden. Das bedeutet auch, dass die ambulanten OP-Zentren mit ausreichend Schutzmaterial ausgerüstet werden. Ärzte sollten Eingriffe in Lokalanästhesie anbieten können, da die Anästhesisten anderswo gebraucht werden. Kliniken, insbesondere Universitätskliniken, sollten für den Fall, dass es Engpässe in der ambulanten Versorgung gibt, zum Beispiel durch Praxisschließungen, vermehrt Kapazitäten für Abbrüche vorhalten. Das Uniklinikum Magdeburg in Sachsen-Anhalt tut dies beispielsweise.

    © BR/Kathi Pfadenhauer

    Christiane von Rauch

    Sie und Ihre Kollegen fordern auch die Landesregierungen und Krankenversicherungen zum Handeln auf – welches Signal erwarten Sie?

    Ein erster wichtiger Schritt ist hier ganz klar, dass die verpflichtende Beratung vor einem Schwangerschaftsabbruch flächendeckend via Video bzw. Telefon stattfinden kann. Auf Initiative von Ärzten und Beratungsverbänden wie "pro familia" konnte sie in dieser Form bereits in neun Bundesländern durchgesetzt werden, unter anderem in Bayern. Die Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) hat das von den Bundesländern gefordert.

    Von den Krankenkassen fordern wir, dass sie die Anträge auf Kostenerstattung sowie die Übermittlung der Kostenübernahmeerklärungen unbedingt und sofort online ermöglichen. In Bayern gibt es meines Wissens noch die ein oder andere unrühmliche Ausnahme, die noch nicht mitzieht.

    Was müssen Ärzte bei Schwangerschaftsabbrüchen in Zeiten von Corona beachten?

    Die Praxen unterliegen den allgemein gültigen Pandemieempfehlungen: Schutzausrüstung für die Belegschaft, möglichst wenig Patientenkontakt, die Frauen dürfen nur alleine ohne Begleitpersonen in die Praxis kommen. In Ruhe- und Warteräumen muss für ausreichend Abstand zwischen den Patientinnen gesorgt werden. Beim Eingriff selbst darf nur die Mindestanzahl an Personal dabei sein.

    Gleichzeitig wird aber mehr empathische Begleitung durch das Personal nötig sein, da die Frauen ja keine Vertrauenspersonen mitbringen dürfen. Das lässt sich alles in kleinen Praxen nur sehr schwer realisieren. Es können also im Zweifel auch hier weniger Eingriffe pro Behandlungstag gemacht werden.

    Der Verein ProChoice Germany

    Der Verein ProChoice Germany setzt sich für reproduktive Selbstbestimmungsrechte von Frauen sowie für die Abschaffung des Paragraphen 219a ein. Der Paragraph verbietet es, Werbung für Schwangerschaftsabbrüche zu machen. Gegründet wurde der Verein im Dezember 2019 aus Solidarität mit Ärzten, die angezeigt, verklagt oder verurteilt wurden, weil sie über Schwangerschaftsabbrüche informierten.