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Bildrechte: BR/Monika Geyer

Neun Menschen wurden vor fünf Jahren in München aus dem Leben gerissen. Sie wurden getötet aus Rassismus und Hass. Bei der Gedenkfeier wurde klar, wie tief der Schmerz noch sitzt - auch weil sich manche Angehörige nicht wahrgenommen fühlen.

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Gedenken an OEZ-Attentat: Wut, Trauer und etwas Zuversicht

Vor fünf Jahren erschoss ein Attentäter neun junge Menschen aus rassistischen Motiven. Am Nachmittag fand die Gedenkfeier von Opferverbänden statt. Trauer und Wut, aber auch Zusammenhalt und Solidarität waren zu spüren.

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Von
  • Susanne Hagenmaier

"Es hätte ein schöner Tag werden können." Mit diesen Worten begann Wolfgang Kuhn, Vorsitzender des Bezirksausschusses Moosach, seine Ansprache bei der Gedenkveranstaltung am Münchner Einkaufszentrum OEZ. Der 22. Juli 2016: Nicht als schöner, sondern als dunkler Tag ging er in die Geschichte Münchens ein. Vor dem OEZ erschoss ein 18-Jähriger neun Menschen. Fünf weitere wurden verletzt – und viele traumatisiert. "Es wurde einer der schrecklichsten Tage, die diese Stadt gesehen hat", so Kuhn.

Zwei Gedenkveranstaltungen an einem Tag

Nach einer ersten Gedenkveranstaltung am Donnerstag Mittag fand am Abend des 5. Jahrestages eine zweite Veranstaltung statt, organisiert vom Bezirksausschuss Moosach und der Initiative "Wir alle sind Moosach". Daran haben auch Alt-Oberbürgermeister Christian Ude und Familien der Opfer teilgenommen. Die meisten Besucherinnen und Besucher trugen weiße T-Shirts mit einem Foto des Mahnmals für die Anschlagsopfer.

Alt-OB Ude: "Verrohung der Seele"

Münchens Alt-Oberbürgermeister Christian Ude erinnerte daran, dass junge Menschen gestorben seien, "von denen sie und wir glaubten, dass sie ihr Leben noch vor sich haben". Ude erinnerte mit deutlichen Worten daran, dass es lange gedauert hatte, bis die Tat als rassistischer Anschlag anerkannt wurde: "Es gab quälend lange Zeiträume, in denen nur – schrecklich genug – die Rede vom Amoklauf eines Einzelnen war. Aber es war nicht einfach ein durchgeknallter Einzeltäter."

Der Alt-OB stellte den Anschlag am OEZ in eine Reihe mit dem Olympia-Attentat von 1972, dem Oktoberfest-Attentat 1980 und den Morden der rechtsextremistischen Terrorzelle NSU und sagte, die Tat am OEZ spreche von einer "Verrohung der Seele". Der gehe häufig eine "Verrohung der Sprache und der Taten" voraus. "Und wenn wir es ernst meinen mit Konsequenzen, müssen wir uns Verrohungen dieser Art massiv widersetzen."

Trauer, Wut und Unverständnis

Viele Rednerinnen und Redner an diesem Abend schilderten ihr Unverständnis und ihre Wut darüber, dass der rassistische und rechtsextremistische Hintergrund der Tat lange nicht erkannt und anerkannt worden war, und wie viel Kraft es sie gekostet habe, für diese Anerkennung zu kämpfen. "Wut, Groll und Traurigkeit" spüre sie, so die Mutter des getöteten Can Leyla, dass die Umstände "ignoriert, geleugnet und vertuscht" worden waren; unter Tränen musste sie ihre Rede abbrechen.

Auch der Rechtsextremismusforscher Florian Hartlieb, der als Gutachter den Anschlag untersucht hatte, und die Politikerin Claudia Stamm hoben den rassistischen Hintergrund des neunfachen Mordes hervor.

Gesang, Gebet und Gedenken

Um 18.04 Uhr, der Uhrzeit, an dem vor fünf Jahren die ersten Schüsse gefallen waren, erhoben sich alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu einer Schweigeminute. Währenddessen waren auf einer Leinwand an der Bühne Schwarzweiß-Fotos der neun Getöteten zu sehen.

Für ein gemeinsames Friedensgebet versammelten sich Geistliche verschiedener Religionen und Glaubensrichtungen, etwa der jüdischen und der islamischen sowie der evangelisch-methodistischen und der äthiopisch-orthodoxen Gemeinde. Der syrische Friedenschor sowie Schülerinnen und Schüler untermalten die Veranstaltung mit Gesang, und Musik. Zum Abschluss der Veranstaltung ließen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer weiße Luftballons steigen.

Emotionale Worte der Angehörigen

Viel Raum bekamen die Angehörigen der Opfer, die, teils unter großen Mühen und Tränen, kurze Reden hielten oder Texte von Familienmitgliedern vorlasen. "Das Leben ohne dich ist unendlich schwer. Wie ein Engel warst du, und jetzt bist du vielleicht an einem anderen Ort", verlas der Bruder eines getöteten Mädchens. Den Rednerinnen und Rednern kosteten ihre Auftritte so viel Kraft, dass die Reihenfolge der Sprechenden immer wieder geändert werden musste.

Auch Angehörige von Menschen, die bei den rassistischen Anschlägen in Hanau und Halle gestorben waren, nahmen an der Gedenkveranstaltung teil. "Wir teilen euren Schmerz", ließen die Angehörigen aus Hanau ausrichten, "wir sind an eurer Seite." Und Ismet Tekin aus Halle sagte: "Es gibt immer eine Lösung, wenn man zusammensteht, bis sich etwas ändert."

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