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Bildrechte: Moritz Steinbacher/BR

22.07.2019, München - Trauernder vor dem Denkmal zum Gedenken an den 3. Jahrestag des OEZ-Anschlags

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    Fünf Jahre nach OEZ-Anschlag: Experten sehen Nachholbedarf

    Knapp fünf Jahre nach dem Anschlag am Olympia-Einkaufszentrum in München sehen Experten noch Defizite bei der Aufarbeitung. Die Bedeutung von Vorurteilskriminalität werde nach wie vor nicht erkannt. Auch die Polizeiausbildung müsse sich verändern.

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    Von
    • Birgit Grundner

    Das OEZ-Attentat in München jährt sich am 22. Juli zum fünften Mal. Der Attentäter hat aus rassistischen Motiven neun Menschen getötet und fünf weitere verletzt. Die Aufarbeitung der Tat ist noch lange nicht abgeschlossen. Experten fordern Konsequenzen, unter anderem in der Polizeiausbildung.

    Wie kann Erinnerungsarbeit lebendig bleiben

    Neun Menschen mussten im Olympia-Einkaufszentrum in München sterben, weil sie muslimischer Herkunft, Sinti oder Roma waren. Danach nahm sich der Attentäter, ein 18-jähriger Schüler, das Leben. Zum 5. Jahrestag finden mehrere Veranstaltungen statt, und es wird überlegt, wie man die Erinnerungsarbeit in München noch intensivieren kann.

    "Der Schmerz kommt wieder hoch"

    Für die überlebenden Opfer und die Hinterbliebenen der Toten ist es eine besonders schwierige Zeit. "Der Schmerz kommt wieder hoch“, sagt Rechtsanwalt Onur Özata. Er vertrat Angehörige im Gerichtsprozess gegen den Mann, der die Tatwaffe über das Darknet an den späteren Attentäter verkauft hatte. Dieser hatte dann über Facebook andere Nutzer aufgefordert, am Spätnachmittag des 22. Juli 2016 in die McDonalds-Filiale am OEZ zu kommen.

    18-Jähriger schießt auf Menschen

    Um 17.51 Uhr begann er, auf Menschen zu schießen. Anschließend suchte der 18-Jährige weitere Opfer im Freien und im Einkaufszentrum. Von einem Parkdeck aus schoss er auch auf Anwohner und versteckte sich schließlich im Fahrradraum eines Wohnhauses. Um 20.26 Uhr verließ er sein Versteck, traf auf Polizisten und richtete die Waffe gegen sich selbst.

    Alle Opfer hatten Migrationsbiografien

    Armela, Dijamant, Sabina, Can, Giuliano, Selcuk, Chousein, Janos und Sevda waren tot. Fast alle hatten Migrationsbiografien oder gehörten einer Minderheit an. Zunächst hieß es aber, trotz diverser Hinweise auf rechtsextremistische Motive, dass die Tat nicht politisch motiviert, sondern ein Amoklauf gewesen sei. Das hat sich erst drei Jahre später nach drei Gutachten im Auftrag der Stadt München geändert.

    Bedeutung der Vorurteilskriminalität werde nicht erkannt

    Trotzdem gibt es immer noch Defizite bei der Aufarbeitung dieser und weiterer rassistisch motivierter Taten, sagten heute Teilnehmer und Teilnehmerinnen eines Hintergrundgesprächs, zu dem der Mediendienst Integration eingeladen hatte. Im Bayerischen Innenministerium werde die Bedeutung von Vorurteilskriminalität nach wie vor nicht erkannt, kritisierte etwa Britta Schellenberg, die an der Ludwig-Maximilians-Universität München unter anderem zu Rassismus und Rechtsextremismus forscht.

    Perspektivenwechsel in der Polizeiausbildung

    Auch bei der Ausbildung der Polizei spiele das Thema eine "untergeordnete Rolle“. Schellenberg hat deshalb Fortbildungseinheiten zu Hasskriminalität entworfen, in denen auch der Perspektivwechsel geübt wird, und setzt das Programm in verschiedenen Bundesländern um. In Rollenspielen hätten Beamte schon selbst erkannt, dass den Opfern nicht die richtigen Fragen gestellt würden und wenig auf Rassismus eingegangen werde, berichtete die Politikwissenschaftlerin.

    Fehlender Blick aus Opfersicht

    Die Opferperspektive werde nach Anschlägen wie im OEZ häufig "völlig außer Acht gelassen“, und Rassismus-Erfahrungen würden übergangen, bekräftigte Anwalt Onur Özata, der unter anderem auch Nebenklageanwalt im Prozess gegen den Attentäter von Halle gewesen ist. Dabei wüssten die Betroffenen selbst oft sehr gut, "aus welcher Ecke ein Angriff kommt“. Özata bemängelte außerdem, dass Hasskriminalität auch in der juristischen Ausbildung keine Rolle spiele.

    Erinnerungskultur ist wichtig

    Thematisiert wird sie derzeit aber in einer repräsentativen Untersuchung, die von der Stadt München in Auftrag gegeben wurde. Ziel ist es laut Miriam Heigl, der Leiterin der Fachstelle für Demokratie, aus dem Ergebnis auch Konsequenzen für kommunales Handeln abzuleiten. Im Fall des OEZ-Attentats will sie auf jeden Fall "die Erinnerungskultur noch stärker hochfahren“. Sie könnte sich etwa vorstellen, dass man sich in Einrichtungen wie dem Stadtmuseum damit auseinandersetzen könnte.

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