| BR24

 
 

Bild

Deutsch-tschechischer Friedhof Stubenbach

Autoren

Jürgen Weitz

Deutsch-tschechischer Friedhof Stubenbach

Stubenbach, so hieß der Ort in Böhmen früher. Es war die Heimat von Holzfällern, Glasmachern und Kleinbauern. Stubenbach, 35 Kilometer von Zwiesel entfernt, pulsierte: Eine Brauerei gab es dort, zwei Spiegelschleifereien, eine Papierfabrik, die sogar den tschechischen Präsidenten belieferte. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde das Örtchen mit seinen gut 1.000 Einwohnern auch noch zum Wintersportmekka des Böhmerwaldes.

Aus Stubenbach wird Prášily

Die Gemeinde, die einst zum Kaiserreich Österreich Ungarn gehörte und nach dem Ersten Weltkrieg Teil der Tschechoslowakei war, wurde durch das sogenannte Münchner Abkommen dem Deutschen Reich zugeschlagen. Mit Ende des Zweiten Weltkriegs wurden die überwiegend deutschen Bewohner von den Tschechen vertrieben. Wenig später erklärten die Russen die Gegend um Stubenbach zum militärischen Sperrgebiet.

Die umliegenden Dörfer wurden dem Erdboden gleichgemacht. In Stubenbach durften nur noch Gebäude stehen bleiben, die für militärische Zwecke gebraucht wurden. Dort, wo es einst ein friedliches Zusammenleben zwischen Tschechen und Deutschen gab, standen nun die Mittelstreckenstrecken-Atomraketen der Russen.

Die Toten von Stubenbach

Prášily, so heißt der Ort in Tschechien jetzt. Rund 160 Menschen leben hier. Es gibt zwei Wirtshäuser, einen kleinen Supermarkt und eine Schule. Am Ortsrand stößt man auf einen aufgelassenen Friedhof. Es ist der Friedhof der geflüchteten Sudetendeutschen.

Nach der Grenzöffnung haben ihn Deutsche und Tschechien gemeinsam wieder aufgebaut. Es sollte ein Zeichen der Annäherung sein. Das Areal wurde gerodet, Grabsteine und Kreuze ausgegraben und wieder an ihrem ursprünglichen Orten aufgestellt, die Friedhofsmauer um den heiligen Ort neu gesetzt, Gedenktafeln gestiftet. 1996 war der ehemalige Stubenbacher Friedhof wiederhergestellt.

Erste Annäherung 

Viele Bayern, ausgesiedelte Sudetendeutsche und deren Nachfahren, kamen zum Gedenkgottesdienst nach Prášily. Der Zwiesler Pfarrer Max Brechenmacher hielt eine Ansprache. Fritz Pfaffl war damals vor 21 Jahren dabei.

"Als Pfarrer darf man ja die Wahrheit sagen, und das hat er. Er hat gemahnt, dass das was hier passiert ist, nichts mit Menschlichkeit zu tun hat. Der komplette Friedhof wurde von den Tschechen geschändet. Grabsteine umgeworfen, Kreuze abgeschlagen, Fotografien an den Grabsteinen eingeschlagen. Mit Eisenstangen wurde hier alles kaputt gemacht. Es muss ein grenzenloser Hass gewesen sein auf die Leute – auf die Stubenbacher." Fritz Pfaffl 

Im Tod sind wir alle gleich 

Heute, zwanzig Jahre danach, brennen hier in Prášily immer noch Grabkerzen - obwohl die Verwandten die Verstorbenen, die hier liegen, gar nicht mehr persönlich kannten.

Der tschechische Architekt Ivan Adam nennt den Friedhof einen spirituellen Ort - einen Ort der Andacht, des Stillhaltens. Er möchte, dass auf dem Friedhof wieder bestattet wird - so soll auch das Andenken an die toten Stubenbacher Sudetendeutschen gewahrt werden.

"Ein neuer Friedhof soll hier direkt an diesem geschichtsträchtigen Ort entstehen - der neue und der alte Teil sollen miteinander verschmelzen - die alten Gräber der Sudetendeutschen hier - neue Gräber und Urnenhalle der Tschechen auf der anderen Seite." Ivan Adam, Architekt 

Der alte deutsche Friedhof ist quadratisch angelegt - der neue tschechische Friedhof soll in seinem 3D-Schatten angelegt werden. 

"Unsere gemeinsame Vergangenheit - unsere Geschichte wirft einen Schatten! und genau hier sollen neuen Gräber ihren Platz finden. Die alte Friedhofsmauer soll dabei aufgebrochen werden. Als Symbol der Verbindung zwischen Deutschen und Tschechen. Ich möchte erreichen, dass die Leute verstehen, wie wichtig dieses Projekt ist. Im Tod sind wir nämlich alle gleich. Tschechen und Deutsche … es macht keinen Unterschied, wenn wir unter der Erde liegen." Ivan Adam, Architekt

Ältere Tschechen reagieren häufig mit Argwohn auf sein Vorhaben. Die Jungen, fänden die Idee gut. Im Gemeindehaus steht Adams Friedhofsmodell. Er selbst ist optimistisch. Schon bald soll der Bau des neuen Friedhofs beginnen.