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Freizeitdruck durch Corona: Schaden für Feld, Flur und Fauna

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Freizeitdruck durch Corona: Schaden für Feld, Flur und Fauna

Naherholung steht im Lockdown hoch im Kurs. Doch nicht alle verhalten sich wie "Gäste" in der heimischen Natur - mit teils gravierenden Folgen für Flora und Fauna. Umweltschützer und andere Landnutzer mahnen mehr Rücksicht an.

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Von
  • Chris Köhler
  • BR24 Redaktion

In der Coronakrise hat sich vor allem die Zahl der Radler sprunghaft erhöht, zudem sind viele Menschen in ihrer Freizeit auch auf "Schusters Rappen" und "auf den Hund" gekommen. Der Publikumsverkehr hat aber nicht nur an ohnehin bekannten Brennpunkten wie dem Walchensee oder dem Nationalpark Bayerischer Wald extrem zugenommen, auch an bisher wenig frequentierten Orten tummeln sich nun nahezu rund um die Uhr Menschen.

Ohne Naturverständnis und Rücksicht

Etwa im Naturschutzgebiet Südliche Fröttmaninger Heide vor den Toren Münchens sind seit März 2020 zahlreiche Unarten an der Tagesordnung: Die Spaziergänger und Radler bleiben nicht auf den Wegen, betreten verbotene Flächen oder lassen ihre Hunde unerlaubterweise ohne Leine laufen. Außerdem hinterlassen sie bergeweise Müll wie volle Hundekotbeutel, Masken aller Art und auch Verpackungen von Nahrungsmitteln.

Durch Corona dreimal so viele Menschen in der Natur

Jagdpächter Wolfgang Schreyer schätzt, dass hier im Vergleich zu früher dreimal so viele Menschen unterwegs sind. Das sei ein Riesenproblem, denn auf den Magerrasenflächen brüten Lerchen, deren Eier man leicht zertritt. Außerdem scheuchen die Besucher oder ihre Hunde auch Fasane, Rebhühner und junge Hasen auf. Diese Arten haben laut dem Jäger hier kaum eine Chance - so groß ist der Andrang seit der Pandemie.

Schreyer hofft, dass die Pandemie bald vorbei ist, und dass "diese Leute wieder dahin gehen, wo sie sonst am liebsten sind, zum Beispiel auf die Kanaren". In der heimischen Natur jedenfalls könne man sie nicht gebrauchen.

Recht auf Naturbesuch, aber auch Pflichten

Artikel 141 Absatz 3 der Bayerischen Verfassung räumt zwar jedermann das Recht ein, die freie Natur zu betreten. Gleichzeitig sind damit aber auch Pflichten verbunden: nämlich "mit Natur und Landschaft pfleglich umzugehen". Genauso schreibt es das Bayerische Naturschutzgesetz vor. Wer dagegen verstößt, also beispielsweise die Natur vermüllt, begeht eine Ordnungswidrigkeit. Es drohen saftige Bußgelder.

Viele Verstöße, kaum rechtliche Konsequenzen

Obwohl die naturschutzrechtlich relevanten Verstöße zum Beispiel im Naturschutzgebiet Südliche Fröttmaninger Heide seit der Pandemie mehr geworden sind, hat das aber nur selten rechtliche Konsequenzen. Zwar sind Jagdaufseher und -pächter gemäß dem Bayerische Jagdgesetz befugt, Platzverweise auszusprechen oder Personalien aufzunehmen, aber Jagdberechtigte wie Wolfgang Schreyer gehen Streit lieber aus dem Weg.

Denn der eine oder andere Erholungssuchende reagiere aggressiv, wenn er auf eine Ordnungswidrigkeit hingewiesen wird, berichtet Schreyer. Mitunter würden da sogar Schläge seitens der Ausflügler angedroht. In so einem Fall bleibt dann nur, die Polizei zu informieren.

Betretungsverbot von Wiesen und Äckern zwischen März und Oktober

Heerscharen von Ausflüglern stellen auch die Landwirtschaft vor große Herausforderungen. Die Besucher parken Wirtschaftswege zu, latschen durch Weidewiesen oder Felder und zertreten dabei Pflanzen und manche machen gleich auf den Äckern Picknick oder grillen sogar.

Das Bayerische Naturschutzgesetz schreibt ein Betretungsverbot landwirtschaftlicher Flächen während der Nutzungszeit fest. Auf Feldern ist das die Zeit zwischen Saat und Ernte, bei Grünland die Periode des Gasaufwuchses und der Beweidung. Als Faustregel leicht zu merken: Zwischen März und Oktober sind Äcker und Wiesen tabu. Das gilt für Mensch wie Hund gleichermaßen, und zwar auch im Garten-, Obst- und Weinbau.

Fremdes Eigentum achten

Auch ein Bauernhof ist keine allgemeine Verkehrsfläche, sondern privates Eigentum. Wer unbefugt aufs Gelände kommt, begeht streng genommen Hausfriedensbruch. Viele Landwirte reagieren jedoch gelassen, sehen im spontanen Besuch sogar eine Möglichkeit, Mitbürgern die Landwirtschaft näherzubringen.

Der Biolandwirt Franz Sindlhauser in Benediktbeuern erlebt auf seinem Hof aber manchmal Fremde, die noch nicht einmal grüßen. Sie würden ohne zu fragen in seinen Außenklimastall marschieren. "Das geht gar nicht!", sagt er. "Da muss man fragt, ob man das darf!" Er wüsste gerne, wie es diese Leute es fänden, wenn er bei ihnen einfach durch Hof, Garten oder Wohnung liefe. Wenn man das für sich nicht wolle, dann könne man es auch bei anderen nicht tun. "Das sagt schon der gesunde Menschenverstand."

Dass die Bürger im Lockdown rauswollen, daran stößt sich niemand. Es gibt unter den "alten" Landnutzern wie Jägern und Landwirten sogar großes Verständnis dafür. Ein Problem wird aber darin gesehen, dass etliche Menschen nicht wissen, wie sie sich in Feld und Flur für ein gedeihliches Miteinander verhalten sollen.

Informationen aus dem Internet

Wer sich informieren möchte, wie er oder sie sich draußen naturverträglich verhält, kann sich in drei Minuten das Online-Faltblatt "Knigge für Feld und Flur" durchlesen. Ebenso hilfreich ist die Broschüre "Für ein gutes Miteinander", das der Landesbauernverband Baden-Württemberg ins Netz gestellt hat.

Auch Naturschutz- und Umweltverbände bieten vielfältige Informationen für korrektes Verhalten in und den richtigen Umgang mit der Natur.

Besucherlenkung gefordert

Der BUND Naturschutz, die Naturfreunde Deutschlands sowie die Ornithologische Gesellschaft in Bayern freuen sich zwar, dass die Bevölkerung seit Monaten sehr zahlreich die heimische Natur zu Erholungszwecken aufsucht. Das A und O dabei sei aber Achtsamkeit.

Weil das jedoch nicht immer und überall von allen beherzigt wird, fordern die Verbände die zuständigen Behörden auf, an besonders neuralgischen Punkten - wie zum Beispiel dem Naturschutzgebiet Südliche Fröttmaninger Heide - oder dem mittleren Isartal rasch geeignete Besucherlenkungsmaßnahmen umzusetzen. Gefordert werden festangestellte Ranger oder Gebietsbetreuer, die die Erholungssuchenden vor Ort informieren und bei Fragen zur Verfügung stehen.

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