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Archivbild: Schülerinnen und Schüler in Bayern

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    2G: "Freizeitlockdown" für Bayerns Kinder und Jugendliche?

    Ab sofort sind in Bayern strengere Corona-Regeln in Kraft - mit Folgen für Kinder und Jugendliche: 60 Prozent der Zwölf- bis 17-Jährigen sind noch nicht geimpft und dürfen daher nicht ins Kino oder zum Indoor-Sport. Daran gibt es scharfe Kritik.

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    Petr JerabekPetr Jerabek
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    Ob Kino, Schwimmbad, Museum oder Zoo - bislang konnten Kinder und Jugendliche mit ihrem Schülerausweis fast alle Kultur-, Sport- und Freizeiteinrichtungen besuchen: Da sie in der Schule regelmäßig getestet werden, genügte die Vorlage ihres Schülerausweises für den Zutritt. Sogar dort, wo ansonsten die "3G plus" vorgeschrieben war - der Besuch also Geimpften, Genesenen und PCR-Getesteten vorbehalten war - galt für Schülerinnen und Schüler eine Sonderregel. Einzig für Discos und Clubs reichte die Vorlage des Schülerausweises nicht aus.

    Ab heute ändert sich die Lage grundlegend: Nachdem die Krankenhausampel in Bayern auf Rot umgesprungen ist und die Corona-Beschränkungen verschärft wurden, gilt in Bayern nun für viele Bereiche des öffentlichen Lebens 2G: Zugang haben nur noch Geimpfte und Genesene. Eine Verschärfung, die gerade die Zwölf- bis 17-Jährigen überdurchschnittlich stark trifft. Denn in keiner Altersgruppe ist die Impfquote in Bayern so niedrig wie in dieser - laut Robert-Koch-Institut sind dort lediglich 40 Prozent vollständig geimpft. Das heißt: 60 Prozent der Kinder und Jugendlichen ab zwölf Jahren müssen ab sofort vielerorts draußen bleiben. Zum Vergleich: Von den volljährigen Bayern sind mehr als 75 Prozent geimpft - die Verschärfung betrifft also weniger als ein Viertel von ihnen.

    Nur für Kinder unter zwölf ist grundsätzlich alles offen

    In der bayerischen Corona-Verordnung wird grundsätzlich zwischen Kindern unter zwölf Jahren unterschieden und den Ab-Zwölf-Jährigen. Für die Jüngeren ist in Deutschland noch kein Corona-Impfstoff zugelassen. Sie sind in Bayern von der 2G-Regel ausgenommen.

    Für die Zwölf- bis 17-Jährigen, für die es seit dem Spätsommer eine allgemeine Impfempfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko) gibt, gelten in Bayern dagegen dieselben 2G-Beschränkungen wie für Erwachsene. Das bedeutet: Bei vielen Kultur-, Sport- und Freizeitangeboten bleibt Ungeimpften in nächster Zeit der Zutritt verwehrt. Das betrifft Fitnessstudios und Sportstätten, Theater, Kinos und Museen, Zoos, Bäder, Solarien und Seilbahnen. All diese Angebote können auch Zwölfjährige ohne Impf- oder Genesenen-Nachweis vorerst nicht nutzen - obwohl sie dreimal pro Woche in der Schule getestet werden.

    Weiterhin besuchen dürfen Kinder und Jugendliche ab zwölf bei Vorlage ihres Schülerausweises einzig Cafés, Restaurants und Hotels, wo jetzt 3G plus gilt, sowie Bibliotheken (3G). Keine Zugangsbeschränkungen gelten für Geschäfte und öffentliche Verkehrsmittel.

    Mahnung der Ständigen Impfkommission

    Deutliche Kritik an der neuen Regelung kam schon am Montagnachmittag von den Freien Wählern (FW), die zusammen mit der CSU regieren. Es könne nicht sein, dass Kinder leiden müssten, weil sich ein Teil der Erwachsenen immer noch gegen eine Impfung stelle, sagte der FW-Bildungsexperte im Landtag, Tobias Gotthardt. "Wir dürfen unsere Kinder und Jugendlichen nicht durch ein starres 2G-Regime unverhältnismäßig belasten und in eine Art neuen 'Freizeitlockdown' zwingen."

    Gotthardt verwies auf eine Mahnung der Impfkommission, die Mitte August in der Aktualisierung der Impfempfehlung für Zwölf- bis 17-Jährige geschrieben hatte: "Die Stiko spricht sich ausdrücklich dagegen aus, dass bei Kindern und Jugendlichen eine Impfung zur Voraussetzung sozialer Teilhabe gemacht wird."

    Kritik von Freien Wählern und AfD

    Durch stetiges Testen in den Schulen gehörten Kinder und Jugendliche zu den Bevölkerungsgruppen, die am besten beobachtet würden, betonte der Freie-Wähler-Politiker. "Der 2G-Status von Schülerinnen und Schülern sollte dann als erfüllt gelten, wenn diese ihren regelmäßigen Schultest durch Testpass oder Schülerausweis nachweisen können. (...) Wir brauchen bei diesen Regelungen kein bayerisches Draufsatteln zu Lasten unserer Kinder!"

    Die AfD-Landtagsfraktion lehnt 2G wie auch alle anderen Corona-Beschränkungen grundsätzlich ab. "Eine 2G-Regelung bedeutet de facto einen Lockdown für ungeimpfte Bürger", beklagt AfD-Gesundheitsexperte Andreas Winhart.

    FDP warnt vor sportlicher, kultureller und sozialer Verarmung

    Die stellvertretende bayerische FDP-Fraktionsvorsitzende Julika Sandt zeigt sich erstaunt über die Freien Wähler, die doch Teil der Regierung seien: "Sie hätten schon darauf achten müssen." Es sie völlig inakzeptabel, dass ausgerechnet die Kinder und Jugendlichen, die in den vergangenen eineinhalb Jahren so viele Nachteile hätten verkraften müssen, wieder die Leidtragenden seien. Auch Sandt spricht auf BR-Anfrage von einem "Freizeitlockdown" für Kinder und Jugendliche: "Es ist eine sportliche, kulturelle und soziale Verarmung."

    Die FDP plädiert generell für 3G statt 2G. Laut Sandt wäre dies aber insbesondere für die Zwölf- bis 17-Jährigen sehr wichtig. "Wenn es um Kinder und Jugendliche geht, hat die Staatsregierung in der ganzen Corona-Krise auf voller Linie versagt", sagte die FDP-Politikerin. "Schlimmer noch: Sie hat nichts aus ihren Fehlern gelernt."

    Grüne: "Das darf nicht sein"

    Grünen-Fraktionschefin Katharina Schulze fordert, dass bei Freizeitangeboten für Schülerinnen und Schüler weiter die 3G-plus-Regel gelten sollte. "Verbal sagt die Söder-Regierung auch immer Kinder und Jugendliche first. In der Realität sieht es erneut anders aus. Das darf so nicht sein", twitterte Schulze. Erwachsene könnten und müssten mehr schultern.

    Kritik kam zudem vom Generalsekretär der bayerischen SPD, Arif Tasdelen. Auf Twitter forderte er: "Kinder und Jugendliche dürfen nicht wieder die Leidtragenden der Söder-Politik sein!"

    Verärgerte Eltern

    Auch bei Eltern stößt die neue 2G-Regel zum Teil auf Unverständnis und Verärgerung. "Warum gehen nicht endlich die Familien auf die Straße?", heißt es in einem Leser-Kommentar auf der BR24-Seite. Die 13-jährige Tochter dürfe sich mit ihren Freundinnen nicht mehr in der Eishalle, im Schwimmbad oder Kino treffen - und könne nicht einmal in den Sportverein. "Denkt eigentlich einer dieser Politiker an die Folgen der Maßnahmen für die Kinder (Stichwort: Psyche und soziale wie gesundheitliche Entwicklung)?"

    Eine andere Leserin schreibt: "Meine Tochter ist die meist getestete Person in unserem Haushalt (3 x pro Woche). Sie darf mit 30 Schülern im Klassenzimmer sitzen und im vollgestopften Bus fahren, aber nicht mehr zu Sport?" Dabei sei Sport doch dringend notwendig als Ausgleich zu Schule sowie zur gesundheitlichen Prävention.

    "Handwerklich schlecht gemachte Regelung"

    Auch Sportvereine und deren Trainer stellt die Verschärfung für neue Herausforderungen. "Die neuen bayerischen Corona-Regelungen für Kinder ab zwölf Jahren, mit denen alte Fehler erneut gemacht werden, haben mich als Vater und ehrenamtlicher Fußballtrainer ehrlich entsetzt", schriebt ein Leser an BR24. Der Mann hat sich sogar mit einem Schreiben an Ministerpräsident Markus Söder (CSU) gewandt. "Ich weiß den Impfstatus der von mir als Trainer betreuten Kinder nicht und möchte ihn auch gar nicht wissen, da ich eine Impfung nicht zur Voraussetzung für die Teilnahme am Fußballtraining, also deren sozialen Teilhabe, machen werde", hießt es darin.

    Er werde daher auf das ab nächster Woche geplante Hallentraining verzichten, um keinen "der Jungs" ausschließen zu müssen, kündigt der Jugendtrainer an. Seiner Meinung nach ist die neue Regelung handwerklich besonders schlecht gemacht: Selbst wenn ein Spieler heute zwölf Jahre alt würde und noch an seinem Geburtstag eine erste Impfung bekäme, müsste er auf das Training in der Halle verzichten: "Vor dem Geburtstag ist keine Impfung erlaubt, mit dem Geburtstag gilt er von heute auf morgen jedoch als ungeimpft und ist damit von der sozialen Teilhabe für sechs bis acht Wochen ausgeschlossen."

    Holetschek: Impfen ab zwölf "noch ausbaufähig"

    Der bayerische Gesundheitsminister Klaus Holetschek sagte am Abend in der "BR24 Rundschau", das Impfen von Kindern und Jugendlich ab zwölf sei "sicherlich noch ausbaufähig". Er verwies darauf, dass die Schulen zusammen mit den Impfzentren Impfungen anbieten könnten.

    Möglicherweise ist aber das letzte Wort bei der 2G-Regel für Zwölf- bis 17-Jährige noch nicht gesprochen. Das Gesundheitsministerium kündigte zwar einerseits an, zu prüfen, "ob die 2G-Regelung noch ausgeweitet werden muss". Es stellte aber zugleich in Aussicht zu schauen, ob "Härten für Kinder und Jugendliche abgefedert werden können". Gelegenheit für eine solche Entscheidung gäbe es schon am Mittag - bei der Sitzung des bayerischen Kabinetts.

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